Hammer und Zirkel im All: Zur Geschichte der Raumfahrt in der DDR



Von Henning Krause

 Astronaut Sigmund Jähn
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Drei verschlossene Umschläge erhielten an diesem Tag die Chefredakteure aller DDR-Zeitungen und Radiosender. Erst auf telefonische Weisung des Zentralkomitees der SED hin durfte einer davon geöffnet werden. Er enthielt Fotos, vorgeschriebene Texte und die zu verwendende Überschrift: "Der erste Deutsche im All – ein Bürger der DDR" stand da. Ost-Berlin hatte im Spätsommer 1978 nichts dem Zufall überlassen, erst recht nicht die mediale Verkündung des Erfolgs gegenüber dem Westen: Sigmund Jähn war am 26. August 1978 als erster Deutscher ins Weltall geflogen. Die anderen beiden Umschläge wurden später abgeholt und ungeöffnet vernichtet. Sie enthielten die Handlungsanweisungen für die Fälle: Der Kosmonaut ist tödlich verunglückt beziehungsweise das Raumschiff musste auf feindlichem Gebiet landen.

Jähn landete bei seiner Rückkehr wie geplant – fast. Da die Kapsel am Fallschirm ein Stück durch die Steppe geschleift wurde und sich mehrfach überschlug, verletzt Jähn sich am Rücken. Die öffentliche Wirkung von Jähns Flug hatten die SED-Oberen richtig eingeschätzt. Dass der Jubel der Massen nicht ihnen, sondern dem sympathischen und zurückhaltenden Vogtländer galt, fiel ihnen wohl nicht auf. Sigmund Jähns knapp achttägiger Weltraumaufenthalt stellt einen Höhepunkt nicht nur in der Geschichte der Raumfahrt in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) dar.

 Sigmund Jähn nach der Landung am 3. September 1978
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Doch die Beiträge des östlichen Deutschlands zwischen 1945 und 1990 zur Raumfahrt sind vielfältiger. Diese Geschichte ist in die weltpolitischen Ereignisse eingebettet und ohne eine Darstellung des Wettstreits der beiden Supermächte im Kalten Krieg nicht zu verstehen.

Das Wettrennen um die Raketen und ihre Konstrukteure

Am Ende des zweiten Weltkriegs gab es in der "Sowjetischen Besatzungszone" (SBZ) drei Zentren der Raketentechnik: Peenemünde auf der Ostseeinsel Usedom, Nordhausen im Thüringer Südharz und Berlin. Im August 1945 begann die UdSSR mit der Demontage der ehemaligen Waffenschmieden. Doch sie fand keine einzige vollständige V2-Rakete, die Amerikaner hatten alle abtransportiert.

 A4/V2-Querschnitt
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Die USA verluden das Peenemünder Archiv und schafften 341 Güterwagons Material aus dem Südharz bis Ende Mai 1945 gen Westen. Ende September 1945 wurde Wernher von Braun unbemerkt in die USA geschleust, gefolgt von 127 seiner besten Leute. In Nordthüringen wurde schon bald das Institut Raketenbau und Entwicklung (RABE) gegründet. Moskau befahl, Spezialisten anzuwerben und eine funktionstüchtige A4/V2 zu rekonstruieren. Viele Wissenschaftler und Ingenieure aber vor allem Facharbeiter willigten ein: Die Sowjets boten Karrierefortsetzung statt Kriegsgefangenschaft und Sonderverpflegungen statt Hungerrationen.

Bis Ende 1952 waren 642 deutsche Spitzenwissenschaftler und -ingenieure in die USA geholt worden. Auch die UdSSR holte sich deutsche Spezialisten als Zwangsverpflichtete ins Land: knapp 2400 Naturwissenschaftler und Techniker sowie etwa 1700 Angehörige. Etwa 7000 Menschen arbeiteten im Raketenkombinat im Südharz. Im März 1946 wurde dort die erste A4/V2 aus noch vorhandenen und neu gebauten Baugruppen und Bauteilen vollständig montiert. Der erste Start einer solchen Rakete fand am 18. Oktober 1947 in Kapustin Jar an der Wolga statt. In den folgenden zehn Jahren konstruierten sowjetische Techniker größere und leistungsfähigere Raketen auf Basis deutscher Entwicklungen und Forschungsergebnisse, bis zur ersten funktionsfähigen, interkontinentalen ballistischen Rakete R1, die im August 1957 startete.

Die Akademie

Für die Grundlagenforschung war in der SBZ und der DDR die Akademie der Wissenschaften der DDR verantwortlich. Mit 17000 Mitarbeitern war sie die größte deutsche Forschungseinrichtung. Die so genannten Kosmoswissenschaften waren in Potsdam, Berlin und Thüringen angesiedelt. In Potsdam befanden sich das Astrophysikalische Observatorium sowie das Geodätische Institut auf dem Telegraphenberg, die Sternwarte in Babelsberg und das Astronomische Recheninstitut in Babelsberg. In Berlin waren unter anderem das Heinrich-Hertz-Institut für Schwingungsforschung und das Institut für Optik und Feinmechanik in Adlershof für die Kosmosforschung von Bedeutung. Das Adlershofer Institut für Kosmosforschung (IKF) ging aus dem Institut für Elektronik hervor. Aufgabe des IKF waren Erforschung und Nutzung des Kosmos, die Entwicklung und der Bau von Bordgeräten und Bodenausrüstungen. In Thüringen arbeiteten die Akademie-Sternwarte Sonneberg, die Universitätssternwarte Jena und der Volkseigene Betrieb (VEB) Kombinat Carl Zeiss Jena. Zu den Raumfahrtpionieren in der DDR gehörte Hans-Joachim Fischer (1930-1991). Er war Direktor des Instituts für Elektronik und Präsident der Gesellschaft für Weltraumforschung der DDR. Aber auch Prof. Ralf Joachim, der sich in den 1990er Jahren einen Namen mit der Erhaltung der wissenschaftlichen und industriellen Kompetenzen der Raumfahrtforschung im Osten Deutschlands einen Namen gemacht hat.

Der Sputnikschock

 Sputnik 1
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Als die Sowjetunion am 21. August 1957 die erste Interkontinentalrakete erfolgreich startete, hatte sie damit auch die Reichweite ihrer Kernwaffen auf interkontinentale Maßstäbe vergrößert. Der Kalte Krieg strebte einem gefährlichen Höhepunkt entgegen. Daher schenkte kaum jemand im Westen der wissenschaftlichen Seite dieses Raketenversuchs Aufmerksamkeit. Denn die UdSSR hatte mit dem Start auch die Fähigkeit gewonnen, einen künstlichen Erdsatelliten in eine Umlaufbahn zu bringen. Eben dies sollte sechs Wochen darauf mit dem "Sputnik" (russisch für Reisebegleiter) geschehen.

Das Wetteifern der Supermächte erstreckte sich auch auf das Weltall: Wer würde zuerst einen Satelliten starten? Chruschtschow drängte den Chefkonstrukteur Sergej Koroljow, lieber einen kleinen Satelliten früher als einen größeren zu spät zu vollenden. Sputnik 1 startete am 4. Oktober 1957 und erzielte seine Wirkung für die Propaganda: Die hochglanzpolierte Kugel aus einer Aluminiumlegierung sandte ihre Piep-Signale über der östlichen und westlichen Hemisphäre ab. Jeder Funkamateur konnte sie empfangen, in Feldstechern und Fernrohren war sie sichtbar. Sputnik 1 war als Pionierleistung der Raumfahrt zweifellos primär militärisch motiviert, seine Auswirkungen lagen allerdings auf einer subtileren Ebene: Die UdSSR hatte ihre technologische Überlegenheit gegenüber den USA eindrucksvoll demonstriert.

Die USA waren im "Sputnikschock". Medien und Börse reagierten panisch, die Angst vor einem russischen Atomangriff ging um. Eine der zahlreichen Folgen war die Gründung der National Aeronautics and Space Administration (NASA) im Jahr 1958. Chruschtschow war von der gewaltigen Wirkung im Westen überrascht und forderte, am 12. Oktober zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution einen zweiten Satelliten ins All zu bringen. Am 3. November 1957 startete Sputnik 2 mit der Hündin Laika an Bord, die noch während des Fluges an Überhitzung starb. Für die Amerikaner wirkte sich der Sputnikschock in den 1960er Jahren als Motivation aus. Sie sollten den Wettlauf zum Mond gewinnen, sie bauten die erste Raumfähre und übernahmen nach außen hin die technologische Vorherrschaft.

Der erste Mensch im All

 Der erste Mensch im All: Yuri Gagarin
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Am 12. April 1961 absolvierte Juri Gagarin mit der Raumkapsel Wostok 1 den ersten Raumflug eines Menschen. In 108 Minuten umrundete er einmal die Erde und landete in Südrussland. Für diese knapp zwei Stunden hatte sich die sowjetische Propagandamaschine einen engen Zeitplan gesetzt: Nur 25 Minuten nach dem Start wurden die Bahndaten und Funkfrequenzen veröffentlicht. Der Westen sollte die Gelegenheit haben, den Flug zu verfolgen. Aus Sicht der Amerikaner wiederholte sich der Sputnikschock. Der erste Mensch im All war kein US-Astronaut. In einer hektischen und angespannten Atmosphäre wurde die Entscheidung getroffen – Amerika würde den Flug zum Mond mit ganzer Kraft in Angriff nehmen. Am 25. Mai 1961 gab Präsident John F. Kennedy bekannt: Noch im laufenden Jahrzehnt solle ein Amerikaner auf den Erdtrabanten und sicher zurück gebracht werden. Der Wettlauf zum Mond hatte begonnen (siehe dazu: Karsten Werth: Ersatzkrieg im Weltraum. Das US-Raumfahrtprogramm in der Öffentlichkeit der 1960er Jahre. Campus, 2006).

Die Beteiligung der DDR an der Raumfahrt lässt sich in zwei Etappen einteilen. Die erste Phase begann mit dem Sputnik 1957 und umfasste Aktivitäten der optischen und Funkobservation von Satelliten. In der zweiten Etappe, etwa ab 1961, begann die DDR aktiv in der sowjetischen Raumfahrt mitzuarbeiten, insbesondere im Interkosmos-Programm. Unter anderem entwickelten ostdeutsche Wissenschaftler ein eigenes Fotoübertragungssystem für Wettersatelliten (APT).

Satellitenstaaten starten Satelliten

Im April 1967 begann das so genannte "Programm der Zusammenarbeit sozialistischer Länder bei der Erforschung und Nutzung des Weltraums für friedliche Zwecke", das Interkosmos-Programm. Damit sollten physikalische Prozesse in der Hochatmosphäre, Einflüsse der Weltraumbedingungen auf Organismen untersucht, Klimavorhersagen und Kosmisches Nachrichtenwesen verbessert werden sowie die Erde mit aerokosmischen Mitteln erkundet werden. 1964 wurden in Westeuropa die Kooperationen "European Space Research Organization" (ESRO) und "European Launcher Development Organization" (ELDO) ins Leben gerufen. Da die Bundesrepublik in beiden Organisationen – ab 1975 in der European Space Agency (ESA) – zu den Gründungsmitgliedern zählte, setzte die UdSSR auf eine enge Anbindung der DDR an ihr Interkosmos-Programm. Das Know-how der DDR lag in der Feinmechanik und Optik, in der Infrarottechnik und bei der Bildverarbeitung. Damit hatte ostdeutsche Technik auch auf militärisch relevanten Gebieten einen Vorsprung vor der sowjetischen. Die Premiere der Kooperation folgte am 14. Oktober 1969 mit dem Gemeinschaftssatelliten Interkosmos 1.

High-Tech made in GDR

 Sigmund Jähn bei Experimentvorbereitungen für die Multispektralkamera
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Die DDR gab in den folgenden Jahren mit zwei Mark pro Einwohner nur ein Achtel dessen aus, was die Bundesrepublik in D-Mark pro Kopf in die Raumfahrt steckte. Dennoch oder trotzdem sind die Leistungen der DDR in der Raumfahrt erstaunlich. 167 Geräte "Made in GDR" flogen mit sowjetischen Raketen ins All. In den 1960er Jahren kam die Satellitenmeteorologie auf und brachte Militär, Industrie und Verkehr neue Möglichkeiten. Dafür wurde in der DDR ein automatisches Bildübertragungssystem, Automatic Picture Transmission-System (APT), namens WES 2 entwickelt. Für die kosmische Meteorologie wurde das Fourier-Spektrometer SI-1 konzipiert. Dabei trat die Schwierigkeit auf, den Strahlungsmesser für den Raketenstart möglichst klein und leicht bauen zu müssen. Außerdem sollte er präzise arbeiten und trotz der Vibrationsbelastungen während des Raketenstarts und unter enormen Temperaturänderungen beim Überfliegen der Tag-Nachtgrenze im Anderhalb-Stunden-Takt fehlerfrei arbeiten. Zwischen 1976 und 1979 kamen SI-1-Geräte auf drei Meteor-Satelliten zum Einsatz.

Ein weiteres Highlight der DDR-Raumfahrtentwicklungen war die Multispektralkamera MKF 6. Das hochpräzise optische Instrument wurde vom VEB Carl Zeiss Jena 1975 entwickelt. 600 Wissenschaftler, Techniker und Facharbeiter wirkten bei Zeiss an der MKF 6-Entwicklung mit. Eingebunden waren aber auch etwa 20 weitere Institutionen. Zunächst war ein Einsatz für wenige Tage geplant. Kurzfristig mussten die Planungen aber auf einen zweijährigen Einsatz an Bord der Raumstation Salut 6 umgestellt werden. Die Modifikation MKF 6M mit 150 mikroelektronischen Schaltungen entstand. Ihr Auflösungsvermögen übertraf die besten Luftbildkameras um den Faktor 2,5. Aus 600 Kilometern Höhe waren noch Objekte von zehn Metern Größe erkennbar. Das seinerzeit einzigartige Gerät arbeitete gleichzeitig mit vier Objektiven im sichtbaren und zwei im infraroten Bereich. Eine kommerzielle Zukunft war der MKF6 nicht beschieden, obwohl die westlichen Einkäufer mit ihren Geldkoffern in Hotels rund um Jena saßen. Die Sowjetunion plante auch für dieses Gerät eine militärische Anwendung, zu der es jedoch nie kam.

Ebenfalls 1975 gab es Überlegungen zu einem DDR-eigenen Satelliten, doch die hohen Startkosten sprachen dagegen. Ein Hemmnis systematischer Forschung war das Fehlen einer klaren raumfahrtpolitischen Konzeption der DDR und das Embargo für High-Tech aus dem Westen. Außerdem gab es in Ostdeutschland keine Luftfahrtindustrie, die in vielen Ländern die Basis für die Raumfahrtindustrie bildet.

Der erste Deutsche im Weltall

 Sigmund Jähn
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Zwischen 1978 und 1988 nahmen Interkosmonauten aus allen zehn Partnerländern (Bulgarien, DDR, Kuba, Mongolei, Polen, Rumänien, Sowjetunion, Tschechoslowakei, Ungarn, Vietnam) des Interkosmos-Programms an bemannten Raumflügen der UdSSR teil. Moskau verfolgte damit drei Ziele: Erstens sollten die hohen Kosten durch Verteilung auf mehrere Länder gesenkt werden. Zweitens sollten die Partnerländer enger an den Kremel gebunden werden. Drittens wollte die Sowjetunion den Amerikanern bei internationalen Kooperationen zuvorkommen. Die NASA hatte 1972 mit der Entwicklung des Space Shuttle begonnen und sah für Anfang der Achtziger Jahre die ersten Mitflüge westeuropäischer Astronauten vor. 1983 flog der Westdeutsche Ulf Merbold als erster Ausländer mit den Amerikanern ins All.

In Osteuropa nahmen die Kandidaten der Tschechoslowakei, der DDR und Polens im Dezember 1976 das Training im Kosmonauten-Ausbildungszentrum "Juri Gagarin" bei Moskau auf. Wäre die Vergabe der Startreihenfolge nach der wissenschaftlich-technischen Exzellenz der Länder-Beiträge zu den Sowjet-Missionen gegangen, hätte der erste Mitflieger aus der DDR kommen müssen. Doch die Festlegung erfolgte in erster Linie unter politischen Aspekten. Zuerst startete zum zehnten Jahrestag des Prager Frühlings ein tschechoslowakischer Kosmonat, der zweite kam, angesichts der aufkeimenden Solidarnosc-Bewegung, aus Polen. Der dritte Mann schließlich war DDR-Bürger.

Sigmund Jähn war der erste Deutsche im All und der 90. Raumfahrer überhaupt. Der Start von Sojus 31 erfolgte am 26. August 1978 um 15.51 Uhr Mitteleuropäischer Zeit (MEZ) in Baikonur. Einen Tag später koppelte die Besatzung an die Raumstation Salut 6 an. In einer knappen Woche wurden 24 Experimente aus den Bereichen Materialwissenschaften, Medizin, Erdfernerkundung, Biologie, Psychologie und Raumflugtechnik durchgeführt. Am 3. September legte Sojus 29 wieder ab und landete, wie beschrieben recht ruppig, um 12.40 Uhr MEZ in Kasachstan. Die SED erhoffte sich von Jähns knapp achttägigem Flug einen erheblichen Prestigegewinn. Dem wirkte die bis zum Start geltende Geheimhaltung entgegen. Weder die Namen der Beteiligten, noch die Termine oder Daten durften genannt werden. Erst nach dem erfolgreichen Start berichteten die DDR-Medien über den "fliegenden Vogtländer".

Exploration und unausgeglichener Haushalt

 Venera 15/16 Raumschiff
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Die Sowjetunion musste den Wettlauf zum Mond aufgeben, da die Trägerrakete N1 nicht einsatzbereit war. Stattdessen schickte Moskau zwischen 1969 und 1976 sechs unbemannte Sonden zum Erdtrabanten, von denen drei erfolgreich zurückkehrten. Sie brachten etwa 300 Gramm Mondbodenproben mit zurück – weniger als ein Tausendstel des Materials, das den Amerikanern zur Verfügung stand. Die Akademie der Wissenschaften der DDR erhielt von diesem kostbaren Gut weniger als zwei Gramm zur Analyse. Diese wurde unter anderem im Zentralinstitut für Physik der Erde (ZIPE) in Potsdam durchgeführt. Messungen der elektrischen Leitfähigkeit führten zu der Erkenntnis, dass der Mond einen ähnlichen Schalenaufbau wie die Erde haben müsse.

Für das erste Tiefraumexperiment entwickelte die Akademie ein Infrarot-Fourier-Spektrometer, das 1983 auf den sowjetischen Sonden Venera 15 und 16 eingesetzt wurde. Die Venus war in den zwei Jahrzehnten zuvor von 20 Sonden besucht worden – sechs aus den USA und 14 aus der UdSSR. Daher war bereits vieles über den Nachbarplaneten herausgefunden worden. Noch ungeklärt war aber beispielsweise, wieso die Venus 15 Prozent mehr Strahlung emittiert als sie absorbiert – woher kam dieser unausgeglichene Strahlungshaushalt? Mit dem ostdeutschen Infrarot-Fourier-Spektrometer wurden Temperatur- und Druckfelder über den Venuswolken gemessen, die Konzentration von Wolkenbestandteilen analysiert, sowie der Strahlungsfluss der Venus bestimmt.

Das Institut für Kosmosforschung (IKF), das Zentralinstitut für Optik und Spektroskopie (ZOS) sowie das Zentrum für den wissenschaftlichen Gerätebau (ZWG) entwickelten im Folgenden ein weiteres Infrarot-Fourier-Spektrometer: FS 1/4. Dieses Gerät war von seiner Leistungsfähigkeit nur mit amerikanischen Entwicklungen der NASA zu vergleichen.

Die Jahrhundertchance

 Komet Halley
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Eineinhalb Jahre vor ihrem eigentlichen Einsatz mussten Vega 1 und 2 gestartet werden. Der Weg, den die Sonden zu nehmen hatten, war von Wissenschaftlern exakt ausgerechnet worden. Nach dem Start im Dezember 1984 flogen sie, nur durch ein Schwungholen an der Schwerkraft der Venus abgelenkt, zum Kometen Halley, in dessen Nähe sie im Frühjahr 1986 kamen. Neben Vega 1 und 2 schickte Japan zwei Tiefraumsonden sowie die ESA die Sonde Giotto. Die sowjetischen Sonden, an denen die DDR und die Bundesrepublik beteiligt waren, kamen dem Kometen im Mai 1986 auf etwa 8000 Kilometer nahe. Wegen der hohen Fluggeschwindigkeit mussten die wissenschaftlichen Messungen in drei Minuten durchgeführt sein. Außerdem mussten die Bilder und Informationen schnellstmöglich zur Erde gefunkt werden, da permanent die Gefahr bestand, dass Kometenteile die Sonden zerstören konnten.

Die mehr als 1000 Aufnahmen des Halleyschen Kometen wurden im IKF in Berlin-Adlershof analysiert. Ein Ergebis war unter anderem die Erkenntnis, dass der Kometenkern zwar monolithisch aufgebaut, aber unregelmäßig geformt ist. Er musste entweder in sehr früher Zeit oder in einem sehr weit entfernten Gebiet des Sonnensystems entstanden sein. Außerdem musste das Kometenmodell des "schmutzigen Schneeballs" revidiert werden, denn die Ergebnisse zeigten, dass das Rückstrahlvermögen von Halley so niedrig war, dass dort kein Eis mehr vorhanden sein konnte, sondern nur Staub und Gestein.

An einem weiteren Projekt beteiligten sich beide deutsche Staaten, zusammen mit UdSSR, NASA, ESA und anderen: Die im Juli 1988 gestarteten Tiefraumsonden Phobos 1 und 2 steuerten den gleichnamigen Marsmond an. Drei von 22 an Bord installierten Forschungsgeräten stammten aus der DDR: ein Hochpräzisionsmagnetometer, ein Magnetspeicher sowie Teile einer Lasersondierungsanlage. Der Funkkontakt zu beiden Sonden ging infolge menschlichen Versagens jedoch im September 1988 verloren.

Wendezeiten

 Der Fall der Berliner Mauer wird gefeiert
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Am 26. Februar 1986 startete das erste Bauteil der Mir-Raumstation. In die weiteren Planungen zum Ausbau und zur Verwendung der Station wirkte die Weltpolitik erheblich mit hinein: Michail Gorbatschow erreichte mit Glasnost und Perestroika große Aufmerksamkeit in Ost und West. Sein Konzept vom "gemeinsamen Haus Europa" und seine Abrüstungsinitiative brachten weltpolitische Umwälzungen in Gang, die auch die Raumfahrt nicht unberührt ließen. Die Sowjetunion öffnete ihr Weltraumforschungsprogramm Ende der 1980er Jahre für internationale Kooperationen. Doch fehlte ein Finanzierungskonzept. Die letzte Interkosmsos-Rakete startete im Dezember 1993. Ironie der Geschichte: Auf der Nutzlastverkleidung war eine Flagge der nicht mehr existierenden DDR angebracht. Danach ging das Interkosmos-Forschungsprogramm sang- und klanglos unter.

1988 hatte die DDR den Zuschlag zur Ausrichtung des 41. Internationalen Astronautischen Kongresses (IAF) für das Jahr 1990 erhalten. Wegen der instabilen politischen Lage – schließlich hatte keine der beiden deutschen Seiten ein vorgefertigtes Konzept für die rasanten politischen Entwicklungen zwischen Herbst 1989 und dem 3. Oktober 1990 in der Schublade – drohte der Kongress zu scheitern. Für die Weltraumforschung in Ostdeutschland war die Wiedervereinigung eine erhebliche Herausforderung, da sie ausschließlich auf die Bedürfnisse und Anforderungen der Sowjetunion zugeschnitten war. Doch dieser Partner brach nun weg. Die Deutsche Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DLR) und die Deutsche Agentur für Raumfahrt-Angelegenheiten (DARA) halfen, die Finanzierung des IAF-Kongresses zu sichern. Nach dem Fall des eisernen Vorhangs trafen sich auf dem Dresdner IAF-Kongress viele Experten zum ersten Mal. Auf dem Kongress-Logo war zu lesen: "6.-13. Oktober 1990, Dresden DDR".

Raumfahrt in den Neuen Ländern

 Minisatellit CHAMP
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Das IKF als ostdeutsche Leiteinrichtung vereinbarte mit der DLR und der DARA eine sofortige Zusammenarbeit. Schwerpunkte sollten die Erdfernerkundung und Umweltforschung im Mir-Modul Priroda, die Planetenforschung mit Mars 94 und der Mitflug eines westdeutschen Astronauten in einem Sojus-Raumschiff zur Mir-Station auf der Mission MIR-92 sein. Die Kompetenz der ostdeutschen Wissenschaftler und Techniker wurde nicht in Frage gestellt. Dennoch konnten nicht alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen übernommen werden. 277 der ehemals 402 IKF-Angestellten wechselten in den neu gegründete DLR-Standort in Berlin-Adlershof.

In Potsdam wurde 1992 das GeoForschungsZentrum gegründet. Es konzipierte den ersten deutschen passiven Laser-Tracking-Satellit GFZ 1, der 1995 von Bord der Mir-Station ausgesetzt wurde. In der ehemaligen Nummer Eins der DDR-Industrie, dem VEB Kombinat Carl Zeiss Jena, arbeiteten etwa 70000 Angestellte. Das größte feinmechanische Werk der Welt wurde neu geordnet. Für die Raumfahrt relevant waren die Nachfolger Carl Zeiss Jena GmbH, Jenoptik GmbH und DASA Jena-Optronik GmbH. Ende 1993 entschied die DARA die zuvor breit gefächerten Raumfahrt-Förderungen für die Neuen Länder auf lediglich ein Projekt zu konzentrieren. Der vom GFZ Potsdam vorgeschlagene Forschungs- und Anwendungssatellit CHAMP (Challenging Minisatellite Payload for Geophysical Research and Application) erhielt 1995 den Zuschlag. Seit 2000 vermisst er Schwerefeld, Magnetfeld, Atmosphäre und Ionosphäre der Erde. Die Ergebnisse fließen in Geographie, Geodäsie, Ozeanographie, Klimaforschung und Erdbebenprognose. Das Folgeprojekt GRACE wurde ebenfalls maßgeblich durch Unternehmen aus dem Osten Deutschlands mit entwickelt und gebaut.

Ein großer Teil des ostdeutschen Weltraumforschungspotenzials konnte nach der Wiedervereinigung gesichert werden. Das industrielle Know-how blieb etwa bei Carl Zeiss erhalten. Die wichtigsten wissenschaftlichen und technischen Projekte, die in der DDR als Beiträge zu internationalen Programmen begannen, wurde weitergeführt oder abgeschlossen. Das größte deutsche Wissenschaftspotential, die Akademie der Wissenschaften der DDR, jedoch wurde aufgelöst und abgewickelt.

Literaturhinweise (Auswahl):

Hein-Weingarten, Katharina: Das Institut für Kosmosforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR (Zeitgeschichtliche Forschungen, Bd.4). Duncker & Humblot, 2000.

Hoffmann, Horst: Die Deutschen im Weltraum. Zur Geschichte der Kosmosforschung in der DDR. Mit einem Vorwort von Sigmund Jähn und unter Mitarbeit von Matthias Gründer und Andreas Schütz. Berlin: Edition Ost, 1998.

Reinke, Niklas: Geschichte der deutschen Raumfahrtpolitik. Konzepte, Einflussfaktoren und Interdependenzen 1923 - 2002. Oldenbourg, 2004.

Werth, Karsten: Ersatzkrieg im Weltraum. Das US-Raumfahrtprogramm in der Öffentlichkeit der 1960er Jahre. Campus, 2006

Zickler, Achim: Weltraumforschung in der DDR, in: Ein Jahrhundert im Flug. Luft- und Raumfahrtforschung in Deutschland 1907-2007, hg. v. Helmuth Trischler, Kai-Uwe Schrogel. Campus: Frankfurt/Main, 2007, S. 460-478.


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