ESRO und ELDO: Geschichte der europäischen Raumfahrt bis zur Gründung der ESA



Von Thomas Bührke

Vor 45 Jahren, am 14. Juni 1962, gründeten zehn europäische Staaten die European Space Research Organisation, kurz ESRO. Damit besaß die "alte Welt" ihr Gegenstück zur amerikanischen Weltraumbehörde NASA. Während die Entwicklung von Satelliten unter der Leitung der ESRO erfolgreich verlief, hatte die im selben Jahr formierte European Launcher Development Organisation (ELDO) beim Bau der ersten europäischen Trägerrakete Europa keine glückliche Hand. Nicht eine einzige Rakete dieses Typs funktionierte fehlerfrei. Endgültig bergauf ging es mit der europäischen Raumfahrt erst nach der Fusion der beiden Gesellschaften zur Europäischen Weltraumorganisation ESA am 30. Mai 1975. Für die Bundesrepublik Deutschland war die Eingliederung in diese Organisationen ein wichtiger Bestandteil der von Konrad Adenauer angestrebten Westintegration.

Deutschlands Westintegration

 ESRO 4
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Nach seiner Wahl zum ersten deutschen Bundeskanzler im Jahr 1949 verfolgte Adenauer eine konsequente Politik der Westintegration. Deutschland sollte dabei zwar größt mögliche Selbstständigkeit und Gleichberechtigung erhalten, sich aber gleichzeitig eindeutig an den Westen binden. Mit den Pariser Verträgen vom Oktober 1954 war das Besatzungsstatut ab dem 5. Mai 1955 offiziell beendet, und mit Beitritten zur NATO im selben Jahr und zu weiteren Bündnissen wie der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft schritt die Integration weiter fort.

Auch auf wissenschaftlicher Ebene zeigten sich Bestrebungen zu grenzüberschreitender Kooperation. Herausragendes Beispiel und Vorbild für nachfolgende Organisationen wurde das 1954 aus der Taufe gehobene europäische Kernforschungszentrum CERN (Conseil Europénne pour la Recherche Nucléaire) in Genf. Zu dessen zwölf Gründungsmitgliedern zählte auch Deutschland.

Erfolgreiche ESRO

In der Raumfahrt stand Deutschland nach dem Krieg vor einem Neuanfang, weil die meisten Raketenspezialisten in die USA oder die Sowjetunion abgewandert waren. Dem aus Frankreich in die Heimat zurückgekehrten Raumfahrtpionier Eugen Sänger gelang es, einige deutsche Politiker für die Weltraumforschung zu begeistern, mit dem Erfolg, dass Ende 1954 an der Technischen Hochschule Stuttgart mit dem Forschungsinstitut für Physik der Strahlantriebe die erste offizielle Einrichtung für Raketenforschung entstand. Sänger wurde dessen erster Direktor. Von weitreichender Bedeutung war die Entscheidung am Stuttgarter Institut, in Lampoldshausen ein Versuchsgelände mit Raketenprüfständen aufzubauen. Es gehört heute zu EADS Astrium.

 Pierre Auger
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Einen Schub für alle Weltraumaktivitäten in West und Ost brachte das Geophysikalische Jahr (Juli 1957 bis Dezember 1958), in dem unter anderem das Erdmagnetfeld mit Hilfe von Satelliten untersucht werden sollte. In dieser Zeit beschäftigten sich der italienische Physiker Edoardo Amaldi und sein französischer Kollege Pierre Auger mit der möglichen Gründung einer europäischen Weltraumforschungsorganisation. Auf internationalen Tagungen sprachen sie Kollegen an und gewannen hierfür in Deutschland vor allem Ludwig Biermann und Reimar Lüst vom Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik in München. Auch Werner Heisenberg zeigte Interesse an der Idee.

Während die Weltraumforscher ihre europäische Idee vorantrieben, gab es unter den deutschen Politikern indes noch große Unsicherheiten. Dies lag unter anderem daran, dass es bis Mitte 1963 gar kein Wissenschaftsministerium gab und die Kompetenzen unklar waren. Im Jahr 1958 baute die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) unter der Leitung von Joachim Kuettner und Bernhard Goethert eigene Kompetenzen in Luft- und Raumfahrt auf und regte Entwicklungsarbeiten für Flugkörper zwischen Staat, Industrie und Forschung an. Ein wichtiger Schritt war dann eine Denkschrift der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zur "Weltraumforschung in der Bundesrepublik Deutschland" im Jahr 1960. Sie betonte unter anderem Prestigegewinn, hohes wissenschaftliches Interesse und volkswirtschaftlichen Nutzen. Insbesondere empfahl die Denkschrift, Deutschland solle sich ausschließlich an der wissenschaftlichen Erforschung des Weltraums mit Sonden und Satelliten beteiligen, nicht jedoch an dem Bau einer großen europäischen Trägerrakete.

Erste Europäische Satelliten

 ESRO 2B
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Doch die Denkschrift verlieh der deutschen Politik zunächst nicht die erhofften Impulse. Zielstrebiger voran ging es auf europäischer Ebene. Insbesondere Wissenschaftler aus Frankreich und Großbritannien, wo schon seit einigen Jahren Weltraumforschungsprogramme liefen, forcierten die Idee einer europäischen Gesellschaft. Hierbei war von entscheidender Bedeutung, dass sie die Entwicklung einer eigenen großen Trägerrakete ablehnten. Aus diesem Grund kam es zur Gründung von zwei Gesellschaften: der European Launcher Development Organisation und der European Space Research Organisation. Am 14. Juni 1962 unterschrieben in den Räumen des CERN die Vertreter von Belgien, Dänemark, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Spanien, Schweden, Schweiz, Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland das Übereinkommen zur Gründung der European Space Research Organisation (ESRO), deren erster Generaldirektor Pierre Auger wurde. Gleichzeitig schuf man fünf Forschungseinrichtungen, darunter das European Data Center (ESDAC) in Darmstadt, heute Satellitenkontrollzentrum ESOC.

Unter der Leitung der ESRO entstanden bis 1972 zahlreiche Messinstrumente für Höhenforschungsraketen sowie sieben Satelliten. Der Start des ersten Satelliten namens ESRO-2B erfolgte am 17. Mai 1968 mit einer amerikanischen Scout-Rakete. Er untersuchte in der Erdumlaufbahn die kosmische Strahlung und Röntgenstrahlung von der Sonne. Der erste Satellit mit deutscher Beteiligung war HEOS-1 (Highly Eccentric Orbit Satellite). Er gelangte am 5. Dezember 1968 mit einer Thor-Delta-Rakete in eine Erdumlaufbahn, wo er fast sieben Jahre lang den Sonnenwind und dessen Wechselwirkung mit dem Erdmagnetfeld studierte.

Glücklose ELDO

 HEOS-1
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Während die nach wissenschaftlichen Grundsätzen geführte ESRO zahlreiche Erfolge verzeichnen konnte, blieb ihr Pendant, die überwiegend politisch geführte European Launcher Development Organisation (ELDO) von Anfang an ein Sorgenkind. Frankreich und Großbritannien favorisierten den Bau einer europäischen Trägerrakete, in Deutschland sah man hierfür keine Notwendigkeit. Diese Unstimmigkeit in den Zielen der ELDO war ein Grund, weswegen den Gründungsvertrag im April 1962 nur Belgien, Frankreich, Großbritannien, Italien, die Niederlande und die Bundesrepublik Deutschland sowie Australien als assoziiertes Mitglied unterschrieben. Australien stellte den damaligen Startplatz der britischen Rakete Blue Streak in Woomera.

Nach langen Verhandlungen einigte man sich in der ELDO auf die Entwicklung einer dreistufigen Trägerrakete namens Europa. Als erste Stufe diente die Blue Streak, die zweite Stufe war die französische Höhenforschungsrakete Coralie. Die dritte Stufe war eine komplette Neuentwicklung, die aus Deutschland kommen sollte. Den Zuschlag erhielt ein Konsortium aus dem neu gegründeten Entwicklungsring Nord (ERNO) und der Bölkow-Entwicklungen KG.

Europas Rakete

 Europa 1-Rakete
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Europa I war etwa 28 Meter hoch und wog voll betankt knapp 110 Tonnen. Sie sollte bis zu 2,5 Tonnen schwere Nutzlasten bis in eine 250 Kilometer hohe Umlaufbahn oder bis zu 180 Kilogramm schwere Satelliten in den geostationären Orbit bringen. Doch der ELDO-Rat versäumte es, eine koordinierte Gesamtleitung zu vergeben, und auch für den Bau der dritten Stufe fehlte eine koordinierende Stelle für die zahlreichen Auftragnehmer. Diese organisatorischen Schwächen waren vorwiegend dafür verantwortlich, dass das Unternehmen in einem Fiasko endete. Nach mehreren Testflügen, in denen die einzelnen Stufen der Europa I getestet wurden, erfolgte in der Nacht vom 29. auf 30. November 1968 die erste Erprobung mit allen drei Stufen. Der Versuch misslang, die dritte Stufe explodierte. Auch die nächsten drei Versuche schlugen aus unterschiedlichen Gründen fehl.

Die Politiker der ELDO wurden mit ihrer Europa-Rakete nicht glücklich. Die Kosten stiegen immer weiter, gleichzeitig plädierten die Franzosen für den Bau einer leistungsstärkeren Rakete. Hintergrund war die Erkenntnis, dass es zukünftig immer wichtiger werden würde, schwere Nutzlasten in die geostationäre Umlaufbahn in 36 000 Kilometer Höhe zu transportieren. Aus demselben Grunde begannen die Franzosen mit dem Aufbau einer eigenen Startanlage in Kourou, Französisch-Guayana. Von diesem äquatornahen Standort war der geostationäre Orbit leichter zu erreichen.

Diese unterschiedlichen Interessenlage machten die ELDO zu einem nahezu handlungsunfähigen Konstrukt. Im Jahr 1973 stellte sie ihre Tätigkeiten ein und übertrug ihre Aufgaben auf die besser funktionierende ESRO. Doch erst die Neugründung der Europäischen Weltraumorganisation ESA im Jahr 1975 bahnte Europa den Weg ins All, nun auch mit eigener Trägerrakete.


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