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Raumfahrt als Staatsaufgabe



Von Thomas Bührke

Vor genau 60 Jahren gründete eine kleine Gruppe von Weltraumenthusiasten in einer Stuttgarter Gaststätte die Arbeitsgemeinschaft Weltraumfahrt. Ein Jahr später wurde daraus die Gesellschaft für Weltraumforschung (GfW) – eine Art Keimzelle für die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auflebende Raumfahrttechnik in Westdeutschland. Doch von diesem ersten zarten Pflänzchen bis zum heutigen Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) war es noch ein langer, steiniger Weg - unter anderem mit den Zwischenstationen DFVLR und DARA.

 Heinz-Hermann Koelle
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Die Gesellschaft für Weltraumforschung

Treibende Kraft bei der Gründung der GfW war Heinz-Hermann Koelle, ein von der Raumfahrt begeisterter junger Mann. Er studierte zunächst Maschinenbau an der TU Stuttgart und schloss sich dann in den 1950er-Jahren der Gruppe von Wernher von Braun in den USA an. 1965 kehrte er nach Deutschland zurück, wo er das Institut für Luft- und Raumfahrt der TU Berlin übernahm.

Die GfW gewann rasch prominente Mitglieder wie Eugen Sänger und Ludwig Bölkow, Ehrenpräsident war seit 1948 Raumfahrtpionier Hermann Oberth. Der Gesellschaft ging es um die Rehabilitierung der deutschen Raketenforschung und deren friedliche Anwendung. Hierbei betrieb sie erfolgreiche Lobbyarbeit und konnte insbesondere das Verkehrsministerium für finanzielle Förderungen gewinnen.

Zu Beginn der 1960er-Jahre hatten erdumkreisende Satelliten und Höhenforschungsraketen eine Fülle neuer Erkenntnisse über den erdnahen Raum geliefert, erste Sonden hatten den Mond umkreist, Missionen zu Venus und Mars waren in Vorbereitung. Dieser Entwicklung trugen auch die Politiker in Deutschland Rechnung: 1962 wurde eine Deutsche Kommission für Weltraumforschung (DKfW) gegründet, und der Deutsche Bundestag bewilligte erstmals Mittel für die Raumfahrt. Jetzt mussten auch Strukturen zur Bearbeitung und Durchführung von Programmen und Projekten geschaffen werden.

 Forschungssatellit AZUR
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Auf Vorschlag des Bundesministeriums für wissenschaftliche Forschung wurde im August 1962 die GfW in eine GfW mbH umgewandelt, wobei der Bund zu 95 Prozent Gesellschafter war. Offiziell war die GfW mbH für die operative Durchführung von Weltraumprogrammen zuständig. Wichtigstes Projekt war der erste deutsche Forschungssatellit Azur, mit dessen Konzeption 1962 begonnen wurde. Azur untersuchte die kosmische Strahlung und ihre Wechselwirkung mit der Magnetosphäre sowie die inneren Van-Allen-Gürtel.

Als der 72 Kilogramm schwere Satellit am 8. November 1969 startete, war die GfW jedoch bereits in der Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR) aufgegangen. Ursache für die Auflösung der Gesellschaft war insbesondere eine unklare Aufgabenabgrenzung zwischen Ministerium und GfW gewesen – ein Problem, mit dem auch spätere Konstruktionen zu kämpfen hatten. Dies war vor allem auch deswegen problematisch, weil die Entwicklung in Europa rasch voranschritt. So gründeten zehn europäische Staaten am 14. Juni 1962 die European Space Research Organisation (ESRO). Deutschland musste sich neu orientieren, wollte es den Anschluss nicht verlieren. Neben der politischen Zerrissenheit gesellte sich auch an den Hochschulen und Forschungsinstituten eine zunehmende Fragmentierung. Eine Flurbereinigung der Forschungslandschaft tat Not.

Die Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt

 Gesellschaft für Weltraumforschung
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Die Lösung der Probleme sah man in der Gründung der Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR) im Juli 1968 mit Sitz in Porz-Wahn bei Köln. In ihr gingen die Aerodynamische Versuchsanstalt (AVA), die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL), die Deutsche Forschungsanstalt für Luftfahrt (DFL) und im Jahre 1972 auch die Gesellschaft für Weltraumforschung auf. Durch die Konzentration von insgesamt 35 Instituten und Forschungseinrichtungen steigerte man die Effizienz der deutschen Weltraumforschung ganz erheblich. Vor allem hatte man mit diesem Schritt die gewünschte Verbindung zwischen Management auf der einen sowie Wissenschaft und Technik auf der anderen Seite erreicht. Die DFVLR wurde zur zentralen Forschungs-, Betriebs- und Managementorganisation der Raumfahrt in Westdeutschland.

Unter der Leitung der DFVLR verzeichnete die deutsche Weltraumfahrt mehrere große Erfolge. So übernahm das eigens in Oberpfaffenhofen errichtete Deutsche Raumfahrt-Kontrollzentrum (GSOC) den Satellitenbetrieb von Azur.

Großes Aufsehen erregte auch die europäische Raumsonde Giotto, die 1986 am Kometen Halley vorbeiflog. Herausragend waren die ersten Nahaufnahmen eines Kometenkerns überhaupt, die mit einer am Max-Planck-Institut für Aeronomie in Katlenburg-Lindau gebauten Kamera gelangen. Insgesamt kamen fünf der elf Instrumente an Bord der Sonde aus Deutschland. Diese Mission bedeutete für die Europäische Weltraumorganisation (ESA) den Eintritt in die interplanetare Raumfahrt, und Deutschland hatte seine Kompetenz im Bau wissenschaftlicher Instrumente deutlich unterstrichen.

 Spacelab
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Auch in der bemannten Raumfahrt holte Deutschland auf. So flog 1983 an Bord des Space Shuttles Columbia Ulf Merbold als erster westdeutscher Astronaut ins All. Ihm folgten zwei Jahre später im Rahmen der D1-Mission Reinhard Furrer und Ernst Messerschmidt. An Bord des Shuttles befand sich beide Male das Forschungsmodul Spacelab. Im Auftrag der ESA hatte es ein europäisches Firmenkonsortium unter der Leitung des deutschen Hauptauftragnehmers VFW-Fokker/ERNO gebaut. Deutschland war zu mehr als 50 Prozent an dem Projekt beteiligt. Bei der Bewältigung dieser Aufgabe haben die Weltraumunternehmen, insbesondere in Deutschland, viel Know how gesammelt. Das bildete die Grundlage für die spätere Entwicklung des europäischen ISS-Moduls Columbus.

Trotz dieser Erfolge offenbarte sich jedoch die dezentrale Struktur der DFVLR und ihre unzureichende personelle Ausstattung als nachteilig. Häufig war unklar, ob sie sich stärker im Bereich des Betriebs und der Organisation von Weltraumunternehmen engagieren oder ob sie besser technologische Entwicklungen in den eigenen Instituten vorantreiben sollte. Auf politischer Seite kam eine unkoordinierte Zersplitterung der Zuständigkeiten und Unternehmungen in den unterschiedlichen Ministerien hinzu. Überhaupt fehlte es der Bundesregierung an einem Langzeitkonzept für die Raumfahrt. Dies äußerte sich auch in der Tatsache, dass die DFVLR im Rahmen der ESA zunehmend an Bedeutung verlor. Ganz anders dagegen die französische Weltraumorganisation CNES, die selbstbewusst und mit großen Zielen für Europas Raumfahrt auftrat.

Dies veranlasste 1986 das Forschungsministerium, eine Studie in Auftrag zu geben, in der ein neuer Weg aufgezeigt werden sollte. Nach einer umfangreichen Befragung in Behörden, Raumfahrtinstitutionen, Forschungseinrichtungen sowie in der Industrie lautete die Empfehlung: Raumfahrt muss als Staatsaufgabe verstanden werden, und dies muss in allen Hierarchien umgesetzt und aufeinander abgestimmt sein. Dies gelänge, so die Studie, am ehesten durch die Gründung einer nationalen Raumfahrtagentur, ähnlich der NASA oder der CNES.

Deutsche Agentur für Raumfahrtangelegenheiten

Daraufhin entbrannte eine heftige Diskussion über eine optimale Umsetzung der Vorschläge, in deren Rahmen sogar darüber nachgedacht wurde, ein eigenes Ministerium für Raumfahrt zu schaffen. Doch diese Idee setzte sich nicht durch. Stattdessen entschloss man sich für die Gründung der Deutschen Agentur für Raumfahrtangelegenheiten (DARA). Sie nahm im Juli 1989 ihre Arbeit auf. Ihre Rechtsform war eine GmbH mit dem Bund als alleinigem Gesellschafter. Damit war sie die erste privatrechtliche Gesellschaft mit übertragenen staatlichen Hoheitsrechten.
  
Die DARA übernahm Management- und Projektträgeraufgaben der damaligen DFVLR sowie des damaligen Bundesministeriums für Forschung und Technologie (BMFT). Die „deutsche NASA“ erstellte die von der Bundesregierung zu verabschiedende Raumfahrtplanung, vergab Aufträge und Zuwendungen im Rahmen der vorhandenen Raumfahrtmittel und nahm die deutschen Raumfahrtinteressen im internationalen Rahmen war.

 DLR-Empfangsstation Neustrelitz
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Schon kurz nach ihrer Gründung sah sich die DARA vor eine ungeahnte Aufgabe gestellt. Nach dem Mauerfall im November 1989 und der deutschen Wiedervereinigung ein Jahr später galt es, die ostdeutsche Weltraumforschung mit ihren rund 500 Wissenschaftlern und Ingenieuren zu integrieren. Bei diesem schwierigen Prozess konnten vor allem die drei wichtigsten Einrichtungen, das Institut für Kosmosforschung (IKF) in Berlin-Adlershof, das Zentralinstitut für Physik der Erde in Potsdam und die Carl-Zeiss-Werke in Jena erhalten werden. Das IKF wurde 1992 ein neues Forschungszentrum der DLR, und die Satellitenempfangsstation in Neustrelitz ging ebenfalls in die Obhut der DLR über. 1989 war die DFVLR in Deutsche Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DLR) umbenannt worden.

Die Integration dieser Einrichtungen eröffnete zudem die einzigartige Chance, an die Kontakte der ehemaligen DDR-Institute mit der sowjetischen Raumfahrt anzuknüpfen. So beteiligten sich DLR-Forscher an der gescheiterten russischen Mission Mars `96, und die deutsche Kamera MOMS-2 wurde auf dem Mir-Modul Priroda installiert, wo sie hochaufgelöste Bilder der Erdoberfläche machte.

Die DARA hatte also eine Fülle von Aufgaben zu bewältigen. Mit der Gestaltung deutscher Raumfahrtaktivitäten und der Integration der ostdeutschen Kosmosforschung hatte sie unbestritten Verdienste erworben, und dennoch war ihr nur eine kurze Existenz beschieden. Die Bundesregierung hatte von Anfang an betont: „Die DARA erfüllt ihren Zweck nur, wenn die Ressorts ihre Raumfahrtaufgaben weitestgehend auf die DARA übertragen.“ Doch das so genannte Raumfahrtaufgabenübertragungsgesetz (RAÜG), das eben jene Übertragungen regelte, war eine Kann-Vorschrift. De facto war das BMBF aber das einzige Ressort, das seine Weltraumaktivitäten auf die DARA übertrug. Und so mangelte es der Agentur an Kohärenz und Durchschlagskraft.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Wieder war die Politik gefragt, die Misere zu lösen. In einer Neuregelung schlug das BMBF vor, die DLR und die DARA zu fusionieren. Seit Oktober 1997 sind die staatliche Raumfahrtforschung und das Raumfahrtmanagement wieder unter einem Dach im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt vereint. Das Akronym DLR blieb gleich, wechselte aber den Artikel. Seit zehn Jahren heißt es nun "das DLR".

Das DLR ist heute als Raumfahrtagentur im Auftrag der Bundesregierung für die Planung und Umsetzung der deutschen Raumfahrtaktivitäten zuständig. Es hat im Auftrag der Bundesregierung das Deutsche Raumfahrtprogramm entwickelt, das die Regierung 2001 verabschiedet hat. Darüber hinaus ist es Aufgabe der Raumfahrtagentur des DLR, die Projekte aus Mitteln des nationalen Förderprogramms sowie DLR-Forschungsprojekte zu planen und umzusetzen. Und letztlich ist die DLR-Raumfahrtagentur Ansprechpartner für internationale Angelegenheiten, beispielsweise gegenüber der ESA.


Created: 25/09/2007 14:10:00