Vom fortschrittlichsten Windkanal zur historischen Erinnerung - DLR Braunschweig enthüllt einziges Forschungsdenkmal der ehemaligen LFA
15. Juni 2009
Windkanal-Denkmal
Achtzehn Tonnen Braunschweiger Geschichte haben ihren Weg aus dem englischen Bedford zurückgefunden und zieren nun das Gelände des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Das Spiralgehäuse mit den beiden Kompressor-Ansaugstutzen des Überschall-Windkanals A9b der ehemaligen Braunschweiger Luftfahrtforschungsanstalt (LFA) ist nach mehreren Jahrzehnten zurück in Braunschweig. Am 15. Juni 2009 wurde es als einziges Forschungsdenkmal der LFA vor Gästen aus Wissenschaft und Politik mit einer Zeitreise durch die Windkanaltechnik von 1936 bis heute feierlich enthüllt.
"Das DLR in Braunschweig setzt mit diesem Stück Geschichte ein Zeichen für die Erfolge der deutschen Luftfahrtforschung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft", so Prof. Dr. Joachim Szodruch, zuständiges DLR-Vorstandsmitglied für den Bereich Luftfahrt, im Rahmen der Veranstaltung. "Die Weichen für die Zukunft der Luftfahrtforschung am DLR wurden unter anderem auch durch das positive Urteil des Oberveraltungsgerichts Lüneburg zum Ausbau der Start- und Landebahn am Forschungsflughafen in Braunschweig gestellt. Diese Entscheidung ermöglicht dem DLR, zukünftige Forschungsplattformen, wie z.B. den modifizierten Airbus A320 ATRA (Advanced Technology Research Aircraft), in Braunschweig langfristig zu betreiben und somit den Luftfahrtstandort zu stärken", so Szodruch weiter.
Die Druckspirale bei ihrer Ankunft in Braunschweig
Mit einigen anderen Anlagen wurde der A9-Überschallkanal als einer der wichtigsten Windkanalanlagen der LFA zwei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg von britischen Luftfahrt- und Anlagenexperten demontiert und nach Bedford, England, gebracht. Dort wurde er beim Royal Aircraft Establishment (RAE) wieder aufgebaut und in Betrieb genommen.
Im Jahr 2003 sollten Windkanalanlagen des RAE bis auf eine Restanlage abgerissen und verschrottet werden. "Trotz des schlechten Zustands gelang es uns, Teile des ehemaligen LFA-Windkanals A9 zu retten und nach Braunschweig zu bringen", erzählt Prof. Dr. Peter Hamel, ehemaliger Direktor des DLR-Instituts für Flugsystemtechnik. "Gerade noch rechtzeitig konnten wir das Spiralgehäuse mit den beiden Kompressor-Ansaugstutzen und einige andere Teile des A9b vor der Verschrottung bewahren", so Hamel weiter.
In Braunschweig angekommen hat das DLR, als Nachfolger der LFA, die Druckspirale aufwändig restauriert und nun als Denkmal wieder aufgebaut.
Die LFA Braunschweig
Der Überschallkanal A9a/A9b (Strömungsgeschwindigkeit bis Mach-Zahl 1,5) war einer der Windkanäle der 1936 als Deutsche Forschungsanstalt für Luftfahrt (DFL) gegründeten LFA im Braunschweiger Stadtteil Völkenrode. Bedeutende deutsche Wissenschaftler erarbeiteten hier bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges vielversprechende Ergebnisse: Neben den Erfolgen in der erstmaligen Erforschung der Pfeilflügelaerodynamik durch Adolf Busemann konnte die LFA auch im Bereich neuartiger Flugkörper und Strahlantriebssysteme aussichtsreiche Leistungen verbuchen.
Im April 1945 wurde die LFA von amerikanischen Truppen besetzt. Trotz ihres Wissens um die Forschungsstätte waren sie von Größe, Leistungsfähigkeit und Qualität der gefundenen Anlagen beeindruckt. Expertenteams aus den USA und England pilgerten nach Völkenrode, um die Ergebnisse und Anlagen der deutschen Forscher zu untersuchen und als Monografien dokumentieren zu lassen. Messergebnisse und Erkenntnisse über die Vorteile des Pfeilflügels bei höheren Fluggeschwindigkeiten wurden an die verschiedenen Luftfahrtunternehmen der USA weitergeleitet.
Zwei Jahre später, im Jahr 1947, begann unter Aufsicht der britischen Industrie- und Bauministerien die Demontage der Windkanäle. In England wurden die Anlagen beim RAE wieder aufgebaut und waren dort für mehrere Jahrzehnte in Betrieb.