Raumfahrt | 25. Juli 2017 | von Kathrin Höppner | 2 Kommentare

Larsen C: TerraSAR-X beobachtet Abbruch des Eisbergs

Eisberg am Larsen%2dC%2dSchelfeis an der Antarktischen Halbinsel
Quelle: DLR
Nach dem Abbruch: TSX-ScanSAR-Aufnahme vom letzten Samstag, 22. Juli 2017, 23:40 UTC

Wir haben in den letzten Tagen viel in den Medien über den riesigen Eisberg lesen können, der sich am Larsen-C-Schelfeis an der Antarktischen Halbinsel gelöst hat. Dass Eisbergabbrüche von Eisschelfen natürliche Vorkommnisse sind und diese in der Antarktis immer wieder vorkommen, wurde in den Medienberichten richtig dargestellt. Und doch war dieses Ereignis präsenter als die bisherigen. Woran liegt das? Vermutlich daran, dass wir Wissenschaftler seit Monaten mithilfe von Satellitendaten dieses Gebiet der Antarktis verstärkt beobachten und regelrecht darauf gewartet haben, dass es endlich passiert. Außerdem ist diesmal doch ein verhältnismäßig großes Stück Eis abgebrochen, ungefähr sieben Mal so groß wie die Stadt Berlin.##markend##

Quelle: DLR
Larsen-C-Eisberg im Vergleich zur Stadt Berlin

Es ist also nicht so, dass dieses Ereignis zwangsläufig auf die vom Menschen verursachten Veränderungen im globalen Klima zurückzuführen ist. Auch wird der eigentliche Abbruch des Eisbergs nicht zum Anstieg des Meeresspiegels beitragen, weil er vor seinem Abbruch als Teil des Schelfeises ja bereits auf dem Meer geschwommen ist und entsprechend seiner Masse Wasser verdrängt hat. Vorangegangene Untersuchungen deuten zudem darauf hin, dass es durch den Eisverlust wahrscheinlich nicht - wie bei anderen Schelfeisabbrüchen beobachtet - zu einer Beschleunigung und damit zu einem höheren Massenverlust der dahinter liegenden Gletscher kommen wird. Und ob es als Folge dieses Ereignisses dann tatsächlich zu einem kompletten Zusammenbruch des gesamten Schelfeises kommt, wie das damals bei Larsen A und Larsen B  der Fall war, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorhersehbar.

Trotzdem ist dieser Abbruch ohne Zweifel ein beeindruckendes Naturschauspiel, das wir mithilfe unserer Radarmission TerraSAR-X vom Weltall aus beobachten konnten. Die Vorher-/Nachher-Bilder zeigen eindrucksvoll, wie mächtig die Kräfte sind, die hier auf das Eis gewirkt haben müssen. Innerhalb von wenigen Tagen ist der Riss an mancher Stelle um über fünf Kilometer angewachsen. In der tiefsten Polarnacht und durch Wolken hindurch, wenn optische Satelliten nahezu blind sind, vermessen Radarsatelliten ungehindert die Erdoberfläche und können eben solche Ereignisse das ganze Jahr über beobachten. Die TerraSAR-X-Daten werden dabei direkt an der DLR-eigenen Antarktisstation GARS O’Higgins empfangen, die nicht weit vom Larsen C entfernt steht: an der Nord-Westspitze der Antarktischen Halbinsel - ganzjährig betreut von sich abwechselnden Teams des Deutschen Fernerkundungsdatenzentrums (DFD) vor Ort.

Quelle: DLR
Vor dem Abbruch: TSX-ScanSAR-Aufnahme vom 29 Juni 2017, 23:57 UTC

Mithilfe von GARS O’Higgins konnte seit Beginn der TerraSAR-X-Mission im Jahr 2007 ein außerordentlich wertvoller Datenschatz erhoben werden, der in der räumlichen Auflösung einmalig ist. Diese Daten verwenden wir im DFD unter anderem, um Parameter wie Gletscher-Fließgeschwindigkeiten und Massenbilanzen von Gletschern und Schelfeisen abzuleiten. Auf der dem Larsen C gegenüberliegenden Westseite der Antarktischen Halbinsel beispielsweise gibt es ein Schelfeis - das Wordie-Schelfeis - das schon in den 1970er Jahren anfing zusammenzubrechen und seit Ende der 1990er Jahre völlig verschwunden ist. Uns interessieren hier insbesondere die immer noch währenden Auswirkungen auf die Inlandgletscher, deren Fließgeschwindigkeiten und Massenbilanzen sich bis heute sichtbar verändern. Gegenstand unserer Forschung ist dabei die Aufschlüsselung der hier verantwortlichen Prozesse. Uns beschäftigen Fragen wie: Sind die ausschlaggebenden Prozesse ozeanisch oder atmosphärisch getrieben, sind diese Prozesse auf der Westseite und der Ostseite der Antarktischen Halbinsel unterschiedlich? Werden weitere Eisberge am Larsen-C-Schelfeis abbrechen und wenn ja, werden die Folgen ähnliche Auswirkungen haben wie der Zusammenbruch des Wordie Eischelfs?

Der Abbruch des Larsen-C-Eisberges hat wahrscheinlich keinen großen Einfluss auf die Entwicklung des Inlandeises. Doch er zeigt uns eindrucksvoll, wie verletzlich unser System Erde ist und bestätigt uns darin, dass wir an einem hoch aktuellen Thema forschen und dass es sich uneingeschränkt lohnt, weiter zu machen.

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Antennensystem der DLR-eigenen German Antarctic Receiving Station GARS O’Higgins auf der Antarktischen Halbinsel
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Über den Autor

Kathrin Höppner arbeitet seit 2003 im Deutschen Fernerkundungsdatenzentrum des DLR. Angefangen hat alles mit einem Praktikum in der Abteilung Atmosphäre. Die Diplomarbeit und Doktorarbeit folgten, wobei sie sich auf die Auswertung von Temperaturzeitreihen in der oberen Atmosphäre konzentrierte. Das hatte mit ihrem Studium der Geographie nicht mehr sehr viele Berührungspunkte. zur Autorenseite

Kommentare

2 Kommentare | RSS-Feed Kommentare
Ralf Grosse
25. Juli 2017 um 17:15 Uhr

Danke für den verständlichen und informativen Beitrag. Ich finde es wichtig, dass dort geforscht wird und die heutigen Fähigkeiten der Satellitentechnik die Wissenschaftler so gut unterstützen können.

Jean-Pierre de Vera
26. Juli 2017 um 09:51 Uhr

Vielen Dank für diese sehr detaillierte Arbeit und Beschreibung, was es mit dem Schelfeisabbruch auf sich hat. In jedem Fall sollte man die Abbrüche, die Geschwindigkeit der Gletscherabflüsse auf der antarktischen Halbinsel sowie am übrigen Kontinent weiter im Auge behalten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sich auch im kontinentalen Gebiet in Höhe von Victoria Land Veränderungen abzeichnen.