Raumfahrt | 04. Oktober 2017 | von Fiona Lenz

VaPER-Studie Teil 2: Von 4.500 Bewerbern auf 12 Probanden – Wie findet man geeignete Teilnehmer?

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Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Die vielen Anfragen benötigen viel Platz: Jede Menge Ordner der VaPER-Studie

"Die häufigsten Fragen waren eigentlich ‚Tut das weh?‘ oder ‚Muss man wirklich die ganze Zeit liegen bleiben?‘", erzählt Andrea Nitsche von den über 4.500 Rückmeldungen, die auf den Probandenaufruf für die Bettruhe-Studie VaPER folgten. Sie ist Mitglied des DLR-Studienteams und verantwortlich für die Rekrutierung der zwölf Probanden. "Es war am Anfang wirklich überwältigend, damit haben wir überhaupt nicht gerechnet - wir waren wie erschlagen von den vielen Anfragen!", erinnert sie sich an die Reaktionen auf den Aufruf Anfang des Jahres, der unter anderem über Facebook veröffentlicht wurde. Das ganze Team hat damals mehrere Tage lang  diese Erstanfragen beantwortet.

Auch wenn hinter einigen Rückmeldungen aufgrund der Formulierung kein ernsthaftes Interesse vermutet wurde, hat jeder Interessent die offizielle Antwort mit den ersten Fragebögen und den näheren Informationen zur Studie bekommen. "Wir nehmen das natürlich alles sehr ernst", betont Nitsche, "auch wenn es uns irre viel Zeit kostet." Viele der Anfragen haben auch schlichtweg nicht ins Profil gepasst: zu jung, zu alt, Raucher, Vegetarier, zu groß, zu klein. Bei wissenschaftlichen Studien in der Raumfahrtmedizin gelten harte Kriterien, um die Daten und Ergebnisse nicht zu gefährden.##markend##

Von 4.500 runter auf 674

Den vierseitigen Fragebogen, der an die 4.500 Bewerber verschickt wurde, hat Studien-Ärztin Freia Paulke entworfen und fragt vor allem die Krankengeschichte der Bewerber, aber auch Punkte wie Ernährung und Lebensstil, ab. 674 Interessenten haben sich nach dem Erstkontakt näher mit der Studie auseinandergesetzt und den ausgefüllten Fragebogen zurückgesendet. "Von diesen 15 % ist nach der Auswertung allerdings etwa die Hälfte auf Grund der Angaben herausgefallen", erklärt Andrea Nitsche.
"Bei der VaPER-Studie haben wir die Augen stark im Fokus", erklärt Studien-Ärztin Freia Paulke, "Viele haben zum Beispiel eine Kurzsichtigkeit, die sie aber nicht als Erkrankung empfinden und somit nicht im Fragebogen angeben." In solchen Fällen muss die Ärztin die Bewerber telefonisch kontaktieren, um die Diagnose näher zu erfragen. Auch bei angegebenen Allergien oder Essgewohnheiten nahm sie Kontakt auf, "um abzuklären, ob es da zum Beispiel Kreuzallergien gibt und ob es sich auch wirklich um eine Abwehrreaktion handelt oder nur um ein ‚Igitt, das mag ich nicht‘."

Die Informationsveranstaltung: Was erwartet mich als Proband?

Nach Auswertung der 674 zurückgesendeten Fragebögen  blieben 390 Bewerber über, die anhand ihrer Angaben geeignet schienen und zur Infoveranstaltung nach Köln eingeladen wurden. Dort stellte das Studien-Team die wissenschaftlichen Hintergründe, Experimente und Abläufe ausführlich vor und beantwortete alle Fragen der Anwesenden. Insgesamt kamen 107 Bewerber zu den Infoveranstaltungen, um Auskunft über die Studie zu bekommen, aber auch, um etwaige Ängste und Fragen loszuwerden. Ängste vor Lungenembolie oder Thrombose, die im Vorfeld auf Social Media geäußert wurden, fing Ärztin Freia Paulke direkt in ihrem Vortrag während der Infoveranstaltung ab. "Ich spreche das in meinem Vortrag direkt an und erkläre den Bewerbern, dass es sehr unwahrscheinlich ist, in dieser Studie eine Lungenembolie oder Thrombose zu bekommen." Die Teilnehmer sind zum einen keine Patienten, sondern gesunde Probanden "im besten Alter". Zum anderen werden sie genetisch auf bestimmte Risiken für die Entwicklung einer Thrombose untersucht. "Außerdem dürfen sich unsere Probanden während der Studie ja bewegen und liegen nicht starr im Bett", betont Paulke. Die Beine anwinkeln oder den Oberkörper heben dürfen die Studienteilnehmer allerdings nicht.
"Die häufigsten Fragen, die gestellt werden, beziehen sich auf den Alltag während und nach der Studie", erzählt Andrea Nitsche. ‘Wie verbringt man seinen Tag? Darf ich meine Playstation mitbringen? Wie klappt das mit dem Toilettengang?‘. Paulke fügt an: "Natürlich beschäftigt die Bewerber auch, was nach der Studie ist: ‚Kann ich danach laufen? Kann ich danach Sport machen?‘, wir gehen natürlich auf all diese Fragen ein."

Wer nach den vielen Informationen und Details weiter interessiert war, füllte direkt vor Ort die ersten psychologischen Fragebögen aus. Diese wurden dann von den Psychologen des DLR-Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin in Hamburg ausgewertet. Anhand der Rückmeldungen aus Hamburg wurden die Bewerber zur medizinischen Voruntersuchung, dem Medical, eingeladen - bei VaPER sind letzten Endes 67 Männer und Frauen beim Medical gewesen.

Test auf Herz und Nieren

Ort der medizinischen Voruntersuchung ist die fliegerärztliche Untersuchungsstelle des DLR in Köln. Blutabnahme, Urinprobe, Lungenfunktionstest, diverse Augenuntersuchungen, Ruhe- und Belastungs-EKG, ein Stehtest - die Probanden wurden im Medical komplett durchgecheckt. Sämtliche Ergebnisse wurden von Studien-Ärztin Freia Paulke in Zusammenarbeit mit ihren Arztkollegen ausgewertet und mündeten entweder in einer Absage, wenn eine Teilnahme aus medizinischen Gründen nicht angeraten war, oder in der Einladung zum psychologischen Gespräch. 18 Männer und 14 Frauen blieben übrig. "Wir freuen uns, jetzt unsere zwölf Probanden im :envihab begrüßen zu können", sagt Andrea Nitsche.

VaPER (VIIP and Psychological :envihab Research Study)

Für die VaPER-Studie legen sich 12 Probanden im DLR für 30 Tage bei einer Sechs-Grad-Kopftieflage ins Bett. Ihr Körper erfährt dabei ähnliche Veränderungen wie der von Astronauten in Schwerelosigkeit, was sich Wissenschaftler zunutze machen, um jene Veränderungen genauer zu untersuchen. Der Fokus von VaPER (VIIP and Psychological :envihab Research Study) liegt sowohl auf der Untersuchung von physiologischen und psychologischen Auswirkungen als auch auf dem VIIP-Syndrom (Visual Impairment and Intracranial Pressure), das Sehstörungen und erhöhten Hirndruck bei Astronauten in Schwerelosigkeit beschreibt. Die Studie wurde von der amerikanischen Raumfahrtagentur NASA in Auftrag gegeben und wird vom DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin durchgeführt.

Alle Blogbeiträge der VaPER-Studie

VaPER-Studie Teil 1: Warum legt das DLR Menschen für 30 Tage ins Bett?

VaPER-Studie Teil 3: Was ist ein Medical?

VaPER-Studie Teil 4: Ab ins Bett – 30 Tage liegen bleiben

VaPER-Studie Teil 5: Kann jeder bei einer Bettruhestudie als Proband mitlachen?

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Über den Autor

Fiona Lenz ist Mitglied im Cross-Media-Team und seit 2016 für das DLR auf twitter, facebook und Co. unterwegs. Davor studierte sie Online-Journalismus, als Generation „Digital Native“ naheliegend. Dass sich ihr Weg dann in Richtung Forschung und Wissenschaft entwickelt, hätte Fiona zu Beginn ihres Studiums selbst nicht gedacht. Nach einem Praktikum beim DLR wollte sie aber einfach nicht mehr gehen. zur Autorenseite

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