Raumfahrt | 15. Oktober 2015 | von Tom Uhlig

Auf Marsmission...

Auf Marsmission...
Quelle: German Zöschinger, DLR (CC-By 3.0)
Auf dem Mars - im Kino: Das Columbus Flight Control Team
 

Kartoffeln kultivieren, Rover reparieren oder Sonden suchen - das sind zunächst einmal Dinge, die bei uns im Columbus-Kontrollzentrum nicht direkt zu den Kernaufgaben gehören. Dazu müssen wir schon ins Kino gehen und uns gedanklich auf den Mars versetzen lassen, um an solchen Raumfahrtschmankerln teilzuhaben: Der Kinostart von "Der Marsianer" in Deutschland hat mindestens die Hälfte unseres Flight Control Teams zusammen vor die Leinwand gebracht - die andere Hälfte musste sich darum kümmern, dass in der "Echten Welt" und im Erdorbit auf der Internationalen Raumstation ISS keine vergleichbaren Katastrophen passieren...##markend##

Mit lauter Raumfahrtexperten im Kino - das ist freilich schon ein Erlebnis an sich. Neben mir der langjährige ESA-Verantwortliche für die Cassini-Huygens-Mission zum Saturnsystem, zu Pathfinder-Zeiten (diese Mission spielt ja im Film eine zentrale Rolle) auch am JPL (Jet Propulsion Laboratory ) und beratend immer wieder auch hier tätig. Schräg hinter mir Albert, D2-Space-Shuttle-Urgestein, gleich neben Warren, unserem 1E-Planer und vorherigem NASA-Shuttle-Flightcontroller. Die Reihe ließe sich noch lange fortsetzen: Experten für Satelliten, unser Bodennetzwerk, das Shuttle, die Raumstation, Deep-Space-Missions...

Nach dem Film: Natürlich hitzige Diskussionen über Realität und Fiktion, das technisch Machbare und Logikfehler im Film. Worüber sich alle einig sind - freilich wird ein Kontrollzentrum wie unseres in einer zukünftigen Marsmission eine andere Rolle spielen wie derzeit. Gegenwärtige Betriebskonzepte sind auf die Zusammenarbeit von "Crew and Ground" getrimmt. Viele der Prozeduren, die die Astronauten an Bord der ISS abarbeiten, verlangen eine Abstimmung mit uns. Damit wir unsererseits die Crew in bestimmten Schritten entlasten können, weil verschiedene Kommandos auf der ISS gar nicht zur Verfügung stehen und es viel zu aufwendig wäre, jeden erdenklichen Fall in der Prozedur abzubilden. Da ist ein "Report result to Col-CC" viel einfacher - und wir haben dann das Fachwissen, um der Besatzung mitzuteilen, wie sie - bei dem gegebenen Resultat - weiterzumachen haben. Bei Missionen in der Nähe oder auf der Oberfläche des Mars wären die Signallaufzeiten trotz Lichtgeschwindigkeit viel zu hoch, um eine herkömmliche Kommunikation zu erlauben. Die Astronauten wären viel mehr auf sich gestellt, die Prozeduren müssten auf volle Autonomie der Crew gestrickt sein. Das "Control Center" würde sich wahrscheinlich mehr in der Rolle eines "Support Centers" wiederfinden. Was das für die Psyche und das Wohlergehen eines Astronauten ausmachen würde, wenn das im Film dargestellte flotte und humorvolle hin und her an Textnachrichten sich träge über mehrere Stunden hinziehen würde - ich möchte es mir gar nicht ausmalen...

Noch in einem Punkt herrscht Einigkeit: Bei uns werden auf absehbare Zeit hinaus keine Radionuklidbatterien als Raumheizung benutzt oder Columbus als großräumiges Gewächshaus umfunktioniert werden. In der Realität ist das Erlaubte und Machbare durch "Flight Rules" geregelt, die uns wie Gesetze unseren Handlungsspielraum definieren. Sicherheit wird groß geschrieben und durch komplexe Prozesse sichergestellt und überwacht. Es wird auch in "Contingency"-Fällen nichts dem Zufall überlassen und zumindest versucht, jeden erdenklichen Fehler schon im Vorfeld zu durchdenken, um ihn auszuschließen oder zumindest das Werkzeug an der Hand zu haben, um ihm entsprechend zu begegnen. "Freestyling" ist eher das Gegenteil dessen, was unseren Alltag im Kontrollzentrum bestimmt. Und trotzdem: Es war eine ausgezeichnete und kurzweilige Unterhaltung - Hollywood hat extra für uns sogar einen deutschen Astronauten, Alex Vogel aus Künzelsau, in den Plot eingebaut. Jede Ähnlichkeit mit lebendigen Personen natürlich ausgeschlossen...

Und schließlich haben wir das Foto unseres gemeinsamen Kinobesuchs auch hoch auf die ISS geschickt: Zum "Columbus Day", mit freundlichen Grüßen vom Columbus Control Center...

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Über den Autor

Als Kind wollte Tom Uhlig Astronaut werden. Beim DLR kam er dabei seinem Traum sehr nahe: Er arbeitete als Columbus-Flugdirektor an der Konsole und leitete sowohl das Col-CC-Trainingsteam als auch Gruppe für den Betrieb von geostationären Satelliten bis Dezember 2016. zur Autorenseite

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