Peenemünde, ein Ort besonderer deutscher Geschichte

Am 6. Juni 2010 kamen der Präsident der University of Alabama in Huntsville, David Williams, und der frühere NASA-Administrator, Mike Griffin, nach Rostock. um einerseits mit der Universität Rostock und dem DLR über mögliche Formen der Zusammenarbeit zu sprechen und andererseits um Peenemünde zu besichtigen. Gemeinsam mit dem Wissenschaftsminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Henry Tesch, und dem Rektor der Universität Rostock, Wolfgang Schareck, besuchten wir Peenemünde und das dortige Historisch-Technische Museum.

"Besuch eines Museums" klingt zunächst nicht besonders aufregend und schon gar nicht wert genug darüber zu berichten - dies ist in Peenemünde aufgrund der besonderen Geschichte natürlich anders. Die im Museum gewählten Darstellungen von technischen Errungenschaften einerseits und von Zwangsarbeit, menschenunwürdigen Verhältnissen, kriegerischen Zielen und Greueltaten andererseits zeigen auf, wie wichtig reflexives Vorgehen gerade in der Technik ist.

Sicher ist es faszinierend, von Mike Griffin in einem kleinen Vortrag zu erfahren, wie die Gruppe um Wernher von Braun das schwierige Thema der instabilen Brennkammerverhältnisse bei Verwendung von Flüssigtreibstoffen löste. Zugleich sieht man aber auch die Zerstörung durch den Einsatz der V1 und V2 für kriegerische Zwecke und die unwürdigen Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und Kriegsgefangenen bei der Herstellung. Dem Museum ist aus meiner Sicht ein exzellenter Spagat darin gelungen, die verschiedenen Aspekte darzustellen: Technikerrungenschaften, Kriegsgeschehen und die untrennbare Verbindung der beiden Aspekte werden eindrucksvoll gezeigt. Dieser Eindruck wurde für mich persönlich durch die Anwesenheit unserer amerikanischen Freunde und die auf das Wirken Wernher von Brauns bezogenen, reflektierenden Diskussionen während des Museumsbesuchs verstärkt.

A4/V2-Nachbau in PeenemündeNeben den unmittelbaren, tiefen Eindrücken durch das Museum und den einhergehenden Mahnungen war aber auch das Wiedersehen mit Mike Griffin eine Freude und Gelegenheit, über verschiedene raumfahrtbezogene Aspekte zu diskutieren. Darüber hinaus bot sich im Anschluss an den Besuch in Peenemünde im Rahmen einer Einladung zum Grillen im Garten von Udo Michalik, Staatssekretär im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern, die Gelegenheit, mit den beiden Universitätspräsidenten Wolfgang Schareck und David Williams, Mike Griffin und weiteren Vertretern des Landes über Governance von großen Einrichtungen zu sprechen und Erfahrungen und Meinungen über die richtige Balance interner und externer Steuerung und Kommunikation auszutauschen.

Das Fazit hinsichtlich der Fragen der Leitungsstrukturen und Verantwortlichkeiten hätte nicht eindeutiger ausfallen können: Es muss eine persönliche Zuordnung von Entscheidungskompetenz und zugehöriger Verantwortung geben, die in Interaktion mit den Menschen der Einrichtung auf der Grundlage klarer Zuständigkeiten der  Leitung und unter Berücksichtigung extern vorgegebener Ziele - und nicht etwa Detailvorgaben - effizientes und effektives Handeln im Interesse der Sache ermöglicht.

Bild oben: Das Historisch-Technische Museum (HTM) Peenemünde. Quelle: HTM.

Bild unten: Nachbau einer Rakete vom Typ A4 (Aggregat 4, auch bekannt unter dem Namen V2) im Maßstab 1:1, ausgestellt im Historisch-Technischen Museum (HTM) Peenemünde. Quelle: AElfwine/Wikimedia Commons, CC-BY-SA 3.0

TrackbackURL

Über den Autor

Im Jan-Wörner-Blog bloggt der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Prof. Dr.-Ing. Johann-Dietrich "Jan" Wörner, selbst - kein Schwindel! Seit dem 01. März 2007 ist er Vorsitzender des Vorstandes des DLR. zur Autorenseite

Kommentare

1 Kommentar
Bruno Arich-Gerz
23. Mai 2011 um 14:34 Uhr

Ein imposanter und sehr ausgewogener Bericht, die Atmosphäre ist m.E. genau getroffen: das HTM macht echt eine exzellente Ausstellungs-Arbeit; der Weg zu den Sternen ging tatsächlich zuerst durch die Hölle, wie frz. KZ-Überlebende es auf den Punkt gebracht haben (de l'enfer à la lune). Als Anschlussbesuch bietet sich die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora mit der teilerhaltenen V2-Untertagefabrik an, sollten die Herren aus den USA nochmal vorbeischauen ...

RSS-Feed Kommentare