Jan Woerners Blog
 
 

Von der kalten Kartoffel zum toten Pferd …

22. Mai 2013, 13.57, Jan Wörner, 4 Kommentar/e
Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle von der heißen Diskussion über eine kalte Kartoffel geschrieben. Gemeint war die Diskussion über die Beziehung zwischen der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) und der Europäischen Union (EU). Die Bestrebungen, die ESA in die EU zu integrieren, werden von Deutschland nicht unterstützt. Wir halten eine zwischenstaatliche europäische Raumfahrtagentur für eine zukunftsfähige Konstruktion. Die Zeit ist fortgeschritten und aus der kalten Kartoffel ist mittlerweile ein "totes Pferd" geworden: Es ist längst klar, dass eine Integration nicht nur unvernünftig, sondern auch nicht umsetzbar ist.

Die Metapher des "toten Pferdes“ wird den Dakota-Indianern zugesprochen, nach der es heißt: Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab!” Diese Weisheit wird leider nicht von allen Akteuren in der aktuellen Diskussion umgesetzt. Stattdessen werden, frei nach Ken Homer, andere Wege gesucht, um das "Problem" zu lösen:

  • Kauf einer stärkeren Peitsche
  • Wechseln der Reiter
  • Dem Pferd mit Kündigung drohen
  • Bildung eines Arbeitskreises, um das Pferd zu studieren
  • Besuch anderer Orte, um zu sehen, wie andere tote Pferde reiten
  • Neuklassifizierung des toten Pferdes als "lebend, beeinträchtigt"
  • Einkauf von Externen, um das tote Pferd zu reiten
  • Versuch, mehrere tote Pferde zu besteigen, in der Hoffnung, dass eines wieder zum Leben kommt
  • Durchführen einer Produktivitätsstudie, um herauszufinden ob leichtere Reiter die Leistung des toten Pferdes erhöhen

(Quelle: Homer, Ken: "Riding a Dead Horse - The Wisdom of the Dakota Indians", 2008)

Ja, hin und wieder ertappe ich mich auch selbst dabei, dass ich eine Vorstellung, die ich habe, auch dann noch weiterverfolge, wenn die Aussichtslosigkeit längst offensichtlich ist. Die persönliche Herausforderung und Qualität besteht darin, zu erkennen, ob das Pferd wirklich tot ist oder ob ich durch Änderung der Richtung oder der Gangart bzw. durch gezielte Pausen das Pferd am Leben halten und das gewünschte Ziel erreichen kann. Klingt einfach, ist aber in der Umsetzung sehr schwierig und ist häufig nur durch Dialog mit Gleichgesinnten oder auch völlig Außenstehenden zu bewältigen. Guter Rat ist leider selten …

Bezogen auf die hier angesprochene und in einem früheren Blogeintrag bereits erläuterte Thematik der Beziehung zwischen ESA und EU kann jedoch klar festgestellt werden, dass durch eine Reihe sehr fruchtbarer Gespräche mit der Europäischen Kommission der skizzierte Weg der Intensivierung der Zusammenarbeit definiert ist, ohne die wichtigen Vorteile der ESA, d.h. insbesondere die direkte Steuerung durch die Vertreter der Mitgliedsstaaten, die optionalen Programme und "Geo-Return" als Instrument nationaler Raumfahrtpolitik aufzugeben. Statt nun weiter das "tote Pferd" einer unsinnigen Integration der ESA in die Europäische Kommission zu verfolgen, gilt es, die Details der Zusammenarbeit zu entwickeln. Dabei muss der Grundsatz der Vermeidung von Doppelstrukturen gelten. Hier gilt die Aufmerksamkeit der zukünftigen Positionierung der European GNSS Agency (GSA), die nicht eine neue Raumfahrtagentur werden darf, sondern die ESA und ihre Kompetenzen nutzen muss.

Bild oben: Diese EU-Flagge flog mit ESA-Astronaut Andre Kuipers während der Delta-Mission in den Weltraum. Quelle: ESA.


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Kommentare
  • Von Raumfahrt Ing. am 23.05.2013
    Lieber Herr Wörner, die Erfahrung der letzten Jahren in der Raumfahrt Industrie hat gezeigt, daß die deutsche Raumfahrtindustrie kann nur mit Hilfe von Geo Return beschützt werden. Falls das Thema Geo-Return nicht mehr gewollt ist, muß sich Deutschland überlegen, ob man nicht mehr auf nationale Raumfahrt konzentriert mit dem Motto: Lieber klein aber fein. Seit Jahren sind die anderen Nationen, wie Frankreich und Italien politisch und strategisch besser aufgestellt als wir in Deutschland. Die Raumfahrt war/ist/ und bleibt noch ein Politikum und wir brauchen mehr denn je ein starkes DLR. Best Grüße aus Bremen
  • Von Volker Maiwald am 27.05.2013
    Den Kommentar von Raumfahrt-Ing verstehe ich nicht. Wo steht denn etwas davon, dass der GEo-Return aufgegeben werden soll? Im Gegenteil, dieser steht doch in der Liste der "wichtigen Vorteile"... Ein starkes DLR ist natürlich wünschenswert, allerdings sollte eben nicht aus dem Auge verloren werden, dass es nun einmal eine europäische Argentur ist. Wenn jeder da ausschließlich auf seinen eigenen Standpunkten beruht und sich "stark macht", kommen wir nirgends hin. Raumfahrt ist ein internationales Geschäft, wie kaum ein anderes. Und gerade der Georeturn sorgt ja dafür, dass die Gelder fair verteilt werden, auch wenn er an anderer Stelle natürlich Hürden aufstellt. Gemeinsam heißt auch nicht "jeder macht sein Ding" und am Ende merkt man, dass nichts dabei herum gekommen ist, finde ich.
  • Von Raumfahrt Ing. am 28.05.2013
    @Volker Maiwald ich habe nicht behauptet, daß Deutschland kein Geo-Return will. Es sind aber die anderen Länder, wie Frankreich, die auf einmal mit weniger Budget immer noch Global Player sein wollen und damit Geo-Return abschaffen wollen, weil es im Moment diese Länder sehr gut paßt. Jetzt kommt der Idee aus Frankreich "Fair Return statt Geo-Retun" !!!