Jan Wörner Blog | 23. August 2013 | von Jan Wörner | 2 Kommentare

26. August 1978: Erster Deutscher im All, ein Deutscher?

Sigmund Jähn, der erste Deutsche im Weltraum

Am 26. August 1978 startete Sigmund Jähn als erster Kosmonaut der DDR gemeinsam mit seinem sowjetischen Kollegen Waleri Bykowski ins All. Diese Nachricht wurde im Westen durch die Wahl des Kardinals von Venedig Albino Luciani zum Papst - er nannte sich Johannes Paul und starb nur 33 Tage später - weitgehend überdeckt. Selbst in einer Chronik, die ich 1988 gekauft habe, gibt es den Namen Sigmund Jähn nicht. Dort wird Ulf Merbold (übrigens wie Sigmund Jähn ein Vogtländer) genannt, der als erster Bundesbürger (28.9.1983) in den Weltraum geflogen ist.

In den Nachrichten der DDR hieß es "Der erste Deutsche im All - ein Bürger der Deutschen Demokratischen Republik" als Sigmund Jähn vor 35 Jahren mit einem sowjetischen Raumschiff die Erde umrundete. Die Tatsache, dass die Nachricht im Westen nur die Raumfahrtbegeisterten erreichte, sollte uns auch heute noch nachdenklich machen. Ich weiß noch, dass ich mir nicht sicher war, ob ich nun darüber froh sein sollte. Zu sehr war der Wettbewerb der politischen Systeme präsent, gerade auch für mich, der ich im sogenannten Zonenrandgebiet aufgewachsen bin. Das Rendezvous und Docking zwischen einer amerikanischen und einer sowjetischen Raumkapsel 1975, das herzliche Treffen im All ohne Visa-, Pass- und Zollformalitäten schon fast wieder vergessen. Mit dem Flug von Sigmund Jähn bekam der Wettlauf im All plötzlich auch eine innerdeutsche Komponente.


Die Crew der sowjetischen Raumstation Saljut 6 (Bildmitte: Sigmund Jähn) feiert eine "Kosmische" Hochzeit - das Sandmännchen und Mascha geben sich in der Schwerelosigkeit das Jawort
Bild: ©Archiv Kowalski


Leider wurde damals im Westen viel zu wenig über den Flug berichtet, so kam es, dass ich erst nach meinem Eintritt ins DLR mit Sigmund Jähn zum ersten Mal zusammentraf. In Morgenröthe-Rautenkranz, seinem Geburtsort, durfte ich in der Deutschen Raumfahrtausstellung einen Vortrag halten. Dafür besorgte ich mir möglichst viele Informationen über seinen Flug, die mir als Zeitzeugen jener Zeit verborgen geblieben waren. Neben vielen interessanten Dingen rund um die Mission war für mich die kleine Geschichte am Rand besonders charakteristisch: Sigmund (wie er mir erlaubt ihn zu nennen) und sein Kollege Waleri Bykowski hatten sich als kleinen Spaß eine Weltraum-Hochzeit der beiden Fernsehkinderlieblinge, dem Sandmännchen und der sowjetische Puppe Mascha ausgedacht - das passte jedoch nicht in das offizielle TV-Bild, weil das immer junge Sandmännchen keine Frau haben durfte. Deshalb wurde die Szene erst viele Jahre später aus den Archiven geborgen.

Sigmung Jähn und Johann-Dietrich Wörner lächeln in die Kamera
Sigmund Jähn und Jan Wörner
Bild: DLR (CC-BY 3.0)


Die Wiedervereinigung Deutschlands hat sicherlich viele Facetten und anrührende Momente erzeugt. Für mich ist ein emotional ganz wichtiger Aspekt die Beziehung oder besser die Freundschaft zu Sigmund. Wann immer wir uns sehen oder sprechen, besticht er mit seiner Bescheidenheit und zugleich seiner menschlichen Wärme: Vor und nach den Vorträgen in Morgenröthe-Rautenkranz haben wir, auch auf seiner Datscha im Wald, viele Gespräche miteinander geführt.

Ich bin froh und dankbar, Sigmund Jähn meinen Freund nennen zu dürfen!  Herzlichen Glückwunsch!

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Über den Autor

Im Jan-Wörner-Blog bloggt der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Prof. Dr.-Ing. Johann-Dietrich "Jan" Wörner, selbst - kein Schwindel! Seit dem 01. März 2007 ist er Vorsitzender des Vorstandes des DLR. zur Autorenseite

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Jörg Sambleben
23. August 2013 um 10:26 Uhr

Ein gelungener Beitrag! Es ist sehr schön zu lesen, dass das Feuer für ein faszinierendes Thema, wie Luft- und Raumfahrt, weit über den politischen Verhältnissen anzusiedeln ist und Verbindungen schaffen kann.

JS

p.s.: kleiner Hinweis von einem pedantischen Politikwissenschaftler: es gab keine "Wiedervereinigung" sondern eine "(Ver-)Einigung" Deutschlands, alles andere könnte bzgl. Grenzen zu Problemen mit unseren Nachbarn führen :-)

Marco Peuschel
25. August 2013 um 13:35 Uhr

Ein echt schöner Artikel , der Sigmund Jähn auch würdigt. Ich war bereits 2x bei den Raumfahrttagen in Morgenröthe-Rautenkranz. 2011 habe ich dazu einen kleinen Blogbeitrag geschrieben . Die Veranstaltung ist dadurch geprägt, das man die echten Kosmonauten mal kennen lernt, man hört viel Insider Geschichten und das ganze ist aber auch sehr locker und unkompliziert gestaltet. Weiter so, ich komme wieder.