Jan Woerners Blog
 
 

Die Bundestagswahl und die Konsequenzen

01. Oktober 2013, 13.34, Jan Wörner, 7 Kommentar/e
Am 22. September 2013 fanden mindestens zwei Ereignisse statt, die für das DLR von Bedeutung sind: Die Bundestagswahl und der Tag der Luft- und Raumfahrt in Köln. Mit der Öffnung unserer Forschungslabore sowie einem umfangreichen Programm konnten wir gemeinsam mit unseren Partnern, der Europäischen Weltraumorganisation ESA, dem Flughafen Köln/Bonn und der Luftwaffe wieder Zehntausende in Köln-Porz begrüßen und feststellen, dass die Forschungsthemen des DLR offensichtlich großen Anklang in der Bevölkerung finden. Selbst lange Warteschlangen schreckten die Menschen, ob Groß oder Klein, nicht ab. Am selben Tag fand die Bundestagswahl statt und es wäre interessant gewesen, bei den Wählern neben der Parteienwahl gleichzeitig ein Votum zu Forschung und Entwicklung abzufragen.

In meinem letzten Blogeintrag habe ich die Themen Wissenschaft, Wissenschaftsmanagement, Wissenschaftspolitik thematisiert und versucht, eine "Sortierung" der jeweiligen Bereiche vorzunehmen. Diese Sortierung könnte - bei entsprechender Berücksichtigung in der Politik - unmittelbare Konsequenzen für den Wissenschaftsbetrieb haben.

Luftbild des Kölner DLR-Geländes
Mehr als 30.000 Besucher am Tag der Luft- und Raumfahrt 2013 auf dem Kölner DLR-Gelände. Bild: DLR (CC-BY 3.0)

Am Tag der Bundestagswahl reiste ich abends nach Peking, da dort der diesjährige International Astronautical Congress (IAC) stattfand. Die durch die Wahlergebnisse erzeugte Spannung war auch vor Ort in Peking zu spüren - und war natürlich Gesprächsthema während des von der Deutschen Botschaft in China und dem DLR gemeinsam veranstalteten Empfangs. Wie bei vorangegangenen IAC hatte ich sowohl Gelegenheit, in mehreren Kongressbeiträgen Ideen zu verschiedenen Themen (Innovation, Kooperation, Kommunikation) zu diskutieren als auch Gespräche mit Akteuren aus aller Welt zu führen. Die kurze Zusammenfassung meiner Erfahrungen lautet: Das DLR ist weltweit hoch anerkannt, man ist an unseren Einschätzungen zu ganz unterschiedlichen Fragen sehr interessiert und strebt in vielen Bereichen eine enge Kooperationen mit uns an.

ESA-Ministerratskonferenz in Den Haag, November 2008
ESA-Ministerratskonferenz in Den Haag, November 2008. Bild: ESA

Besonders interessant war die Frage der weltweiten Entwicklung der Trägersysteme. Neben der Bestätigung unserer Einschätzung, dass die Satelliten der Zukunft eher schwerer werden und deshalb auch die Trägerraketen größere Nutzlast aufweisen müssen, wurde auch die spezielle Natur des Satellitenmarkts, gekennzeichnet durch die Erwartung einer relativ konstanten Anzahl von Satelliten pro Jahr, diskutiert. Diese Erwartung und die Tatsache, dass weitere Unternehmen in den weltweiten Trägermarkt eintreten, müssen für die strategische Ausrichtung Konsequenzen haben. Auch die in diversen Runden klar formulierte Forderung nach neuen Antriebskonzepten und Aspekten der Nachhaltigkeit (z.B. Wiederverwendbarkeit) bestätigt unsere Auffassung der erforderlichen, innovativen Ansätze für die europäische Trägerpolitik: Einfach über die Reduktion der Kosten wird der Wettbewerb nicht zugunsten Europas zu gewinnen sein.

Raumfrachter ATV-4
Ariane 5ES-Trägerrakete beim Rollout. Bild: DLR/Thilo Kranz (CC-BY 3.0)

Was hat das nun wieder mit der Bundestagswahl zu tun? Wir stehen nur 14 Monate vor der nächsten ESA-Ministerratskonferenz und müssen zeitnah die Diskussion über zentrale Themen "auf den Punkt bringen". Dazu bedarf es einer klaren Linie, um die verschiedenen Punkte kohärent und im deutschen Interesse in Verbindung zu vertreten. Bei allem Verständnis für die Schwierigkeiten der Koalitionsüberlegungen und -verhandlungen gilt es, die aktuellen fachlichen Themen nicht zu vernachlässigen. Solange die neue Regierung noch nicht im Amt ist, ist die bisherige handlungsfähig und verantwortlich. Im ESA-Ministerrat wird die Bundesrepublik Deutschland durch die zuständige Ministerin bzw. den zuständigen Minister bzw. Staatssekretär/in vertreten. In der Vorbereitung bietet die im Raumfahrtaufgabenübertragungsgesetz (RAÜG) definierte Zuständigkeit des DLR eine sichere Grundlage, um die deutschen Interessen angemessen einzubringen.


Kommentare
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  • Von Martin A. Maier am 02.10.2013
    Sehr geehrter Herr Wörner, ich teile nicht Ihre Auffassung, dass wir in Zukunft größere Satelliten starten werden. Vielmehr wird der Weg in Richtung Kleinsatelliten gehen, da mit fortschreitender Entwicklung die Bauteile kleiner und leichter werden. Es wird aus meiner Sicht in Zukunft mehr Satelliten mit nur einer Nutzlast geben anstelle der Großsatelliten mit verschiedenen wissenschaftlichen Instrumenten. Was mich persönlich stört, ist das wir es nicht schaffen, Trägersysteme evolutionär zu entwickeln sondern immer von vorne beginnen. Warum nicht einmal einen Raketentyp über Jahrzehnte nutzen und daraus Derivate erstellen? Schöne Grüße
  • Von Jerzy Zywicki am 02.10.2013
    Sehr geehrter Herr Maier, zukünftige Explorationsmissionen erfordern größere Satelliten mit viel Nutzlast. Stärkere Trägerraketen vermeiden zeitraubende swingby Manöver - http://www.dlr.de/rb/desktopdefault.aspx/tabid-4539/admin-1/ Mit freundlichen Grüßen, Jerzy Zywicki
  • Von Jan Wörner am 04.10.2013
    Die Entwicklung der Satelliten der letzten Jahre zeigt ganz klar einen Massezuwachs, der bei etwa 6 Tonnen eine obere Grenze erreicht zu haben scheint. Der Grund ist einfach: Die Satellitenbetreiberfirmen wollen sich nicht von nur einem Launcher (Ariane 5) abhängig machen, sondern den Preis im Wettbewerb nach unten treiben können. Mit dem Auftreten weiterer Trägersysteme mit höherer Nutzlastkapazität (z.B. Long March) kann sich dieser Wettbewerb wieder verändern. Natürlich wird es auch leichte Satelliten (z.B. mit elektrischen Antrieben) geben. Leider ist eine eindeutige Aussage über die zukünftigen Anforderungen im Moment nicht möglich, deshalb ist es wichtig, flexibel agieren zu können. Bezüglich der Frage evolutionär/revolutionär kann man beide Richtungen vertreten. Wir glauben, dass die Ariane 5 noch sehr viel Entwicklungspotenzial (bspw. die Ariane 5 ME flyback-booster, vgl. hier) hat und deshalb nicht beendet werden sollte. 
  • Von Holger am 05.10.2013
    Gerade die Großsatelliten bieten Platz für Kleinstsatelliten. Das sollte doch beide seiten glücklich machen
  • Von Raumfahrt Ing. am 10.10.2013
    Sehr geehrter Herr Wörner, was ist Ihre persönliche Meinung: Ariane 5 oder Ariane 6? Einige Leute behaupten genau das Gegenteil von dem was Sie hier geschrieben haben. Sie meinen, daß A6 Wettbewerbsfähiger sein wird als A5 Weiterentwicklung. Was sagen Sie denen? Mit freundlichen Grüße
  • Von Jan Wörner am 11.10.2013
    Nach heutigem Informationsstand ist ein Ariane 6-Start tatsächlich deutlich billiger als ein Ariane 5-Start. Allerdings ist auch die Nutzlastkapazität deutlich geringer. Die Fixkosten pro Start tragen dazu bei, dass die Kosten pro Kilogramm Nutzlast nicht den von einigen Seiten vermuteten positiven Effekt zugunsten der Ariane 6 zeigen. Außerdem würden wir bei Ersatz der Ariane 5 durch die derzeit geplante Ariane 6 deutlich an Flexibilität bezüglich Masse und Größe der Nutzlast verlieren.

    Es gibt noch weitere Aspekte, die in der Diskussion eine Rolle spielen, z.B. Einzelstart vs. Doppelstart von Satelliten, Feststoff vs. Flüssigtreibstoffantrieb.

    Insgesamt also ein komplexes Thema.
  • Von exogaia am 13.10.2013
    Ich denke nicht, dass man allgemein sagen kann klein vs. große Satelliten. Ich denke, man muss eher über Anwendungen sprechen. Es gibt heute Überlegungen über sogenannten Satelliten- Schwärme, sowohl für Kommunikationszwecke als auch für Wissenshaft (hier gerade für große Interferometrie Teleskope für sowohl die allgemeine Weltall Erkundung als auch für Exoplanenten Erforschung). Ein Grund für die Wissenschaftler über Schwärme nachzudenken, ist es natürlich auch der Preis für einen Start, aber nicht ausschließlich. Deshalb meine ich, dass man über Anwendungen sprechen muss. Jede neue Technologie kann den Markt verändern, aber diese können nicht die Missionen ändern die grundsätzlich erhalten bleiben. Bei der kleinen Anzahl an Nutzlasten die wir in der Raumfahrt haben, können wir nicht sagen, dass die Satelliten die Träger prägen, sondern die Träger prägen auch die Nutzlasten die geplant oder möglich sind. So wäre Envisat nicht möglich gewesen ohne Ariane 5. Ob einer früher hätte vorhersagen können, dass Envisat gebaut werden würde? So geht es auch mit den e-Antrieben. Die könnten die mittlere Masse eines Durchschnittssatelliten nach untern treiben, aber werden die wirklich für alle Satelliten verwendet? Also die könnten eine Ariane 6 PPH doppeltstart-fähig machen, aber die könnten genauso gut die Ariane 5 flexibler machen. Fragen die bleiben sind– welche Missionen sind für uns interessant? Welche Missionen müssen wir und wollen wir starten können? Wie passt der Zukunftsträger in der gesamten Raumfahrtstrategie? Die institutionellen Missionen spielen hier eine wichtige Rolle (Wissenschaft, Technologie und Aufklärung). Wollen wir in der Raumfahrt technologisch und wissenschaftlich weltführend sein, oder einfach nur zugucken? Wollen wir Brain-drain verhindern? …