Komm Blog | 28. April 2011 | von Rolf Hempel | 2 Kommentare

Ist der Mond unveränderlich?

Mond TLP
Mond TLP

Seit der Erfindung des Fernrohrs sind die Menschen fasziniert von der Beobachtung der Mondoberfläche. Die sich ständig ändernde Beleuchtung durch die Sonne gibt Kratern, Bergen, Tälern und Ebenen ein immer wieder anderes Aussehen. Und doch haben wir beim Anblick dieser atmosphärelosen Welt den Eindruck, dass der Mond selbst sich im Laufe eines Menschenlebens nicht verändert. Aber ist das wirklich so?

Vereinzelte Berichte von Mondbeobachtern, die merkwürdige Lichterscheinungen gesehen haben wollen, reichen bis in die vorteleskopische Zeit zurück. Später, mit der Entwicklung leistungsfähiger Fernrohre und der steigenden Zahl von Mondbeobachtern kam es immer häufiger zu diesen Sichtungen, die heute unter dem Begriff "Transient Lunar Phenomena" (TLP) zusammengefaßt werden. Da meistens nur einzelne Beobachter die Ereignisse meldeten und es auch in der jüngeren Vergangenheit fast nie fotografische Beweise gab, sucht die Mehrheit der Fachleute die Gründe eher in optischen Täuschungen oder Überstrahlungen im Teleskop, als in realen Vorgängen auf der Mondoberfläche. Auch nach den Mondlandungen und vielen unbemannten Beobachtungsmissionen ist dieses Mysterium bis heute nicht aufgeklärt.

Eine historisch bedeutsame TLP-Sichtung ereignete sich am 29. Oktober 1963, als sich die Fachwelt in der Vorbereitung der bemannten Mondflüge verstärkt dem Mond zuwandte. An diesem Abend studierten die beiden erfahrenen Mondkartographen James A. Greenacre und Edward Barr am Lowell-Observatorium in Flagstaff (US-Bundesstaat Arizona) die Region um den markanten Krater Aristarch, wo sie unabhängig voneinander helle farbige Leuchterscheinungen sahen. Leider reichte die Dauer von 20 Minuten nicht für fotografische Beweisaufnahmen. Dass sich hier aber Profis zu Wort meldeten, die das Aristarch-Plateau durch ihre Arbeit detailliert kannten, verlieh ihrem Bericht besondere Glaubwürdigkeit.

Mondpanorama am 15. April 2011 um 22.29 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit (MESZ). Download High-Resolution. Bild: Rolf Hempel

Heute koordiniert in Europa die "British Astronomical Association" (BAA) die Untersuchung historischer TLPs durch Amateurastronomen. Eine Methode ist dabei, den Mond dann zu beobachten, wenn die Beleuchtungsgeometrie genau gleich ist wie während eines berichteten TLPs. Dazu muss nicht nur die Mondphase passen, sondern auch die "Libration" des Mondes, eine Art Taumelbewegung auf seiner Bahn um die Erde, muss genau übereinstimmen. Das Argument: Wenn sich das TLP unter identischen Sichtbedingungen nicht reproduzieren läßt, können die früheren Beobachter zumindest nicht einer optische Täuschung aufgesessen sein, verursacht durch eine außergewöhnliche Beleuchtungssituation.

Vorvergangenen Freitag (15. April 2011) zwischen 21.00 und 23.00 Uhr MESZ wiederholten sich die Bedingungen der historischen Beobachtung von 1963. Daher rief die BAA zu Beobachtungen des Aristarch-Plateaus auf, möglichst mit hochaufgelöster Farbfotografie. Da in Deutschland der Himmel klar und die Luft außergewöhnlich ruhig war, beteiligte ich mich an dieser Kampagne. Zwischen 22.14 und 22.44 Uhr belichtete ich mit meinem Teleskop, einem apochromatischen Refraktor mit 130 Millimetern Objektivdurchmesser, und einer Kamera vom Typ Canon 5D MK II insgesamt 420 Aufnahmen. Da der Mond bei der Brennweite von 3240 Millimetern nicht auf einmal ins Bild passte, fotografierte ich die vier Mondquadranten einzeln und setzte die Bilder später im Computer zu einem Panorama zusammen. Die jeweils 105 Bilder eines Quadranten überlagerte ich zur Verbesserung der Schärfe und Verringerung des Bildrauschens.

Aristarch ist der auffallend helle Krater nahe der Schattengrenze (links im Übersichtsbild). In der Ausschnittsvergrößerung liegt das leicht bräunlich gefärbte Aristarch-Plateau inmitten der großen Ebene des "Meeres der Stürme". Oberhalb von Aristarch und dem links von ihm gelegenen Krater Herodot beginnt mit dem so genannten "Kobrakopf" das Schrötertal, ein urzeitlicher Lavafluß.

Greenacre und Barr hatten 1963 die Lichterscheinungen in der Nähe des Kobrakopfes und im südwestlichen Abhang des Kraters Aristarch lokalisiert. Auch bei intensiver Beobachtung am Fernrohr und späterer Betrachtung meiner Fotografie konnte ich die Erscheinung letzten Freitag nicht bestätigen. Alles sah so aus, wie ich es seit vielen Jahren gewohnt bin.

So sehr ich mich gefreut hätte, mit eigenen Augen eine außergewöhnliche Lichterscheinung zu sehen, so ist das Ausbleiben meiner Sichtung eine weitere Stütze für die Echtheit des 1963 beobachteten Phänomens. Sollten Greenacre und Barr also wirklich leuchtende Gaswolken über der Mondoberfläche gesehen haben?

Update 4. Mai 2011: Wie in den Kommentaren vorgeschlagen, liefere ich hier eine annotierte Detailvergrößerung des Mond-Nordpols nach.

Bild Mitte: Detail-Vergrößerung des Aristarch-Plateaus auf dem Mond - Bilder: Rolf Hempel. Bild unten: Annotierte Detailvergrößerung des Mond-Nordpols - Bild: Rolf Hempel/Wilfried Tost.

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Über den Autor

Rolf Hempel startete 1992 gemeinsam mit drei Kollegen die internationale "Message-Passing-Interface"-Initiative. Das dort entstandene Programmiermodell MPI ist bis heute der vorherrschende Standard im Hochleistungsrechnen. Seit 2001 leitet er im DLR die Einrichtung "Simulations- und Softwaretechnik". zur Autorenseite

Kommentare

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Wilfried Tost
03. Mai 2011 um 14:31 Uhr

Lieber Herr Hempel,

die Aufnahme ist richtig gut gelungen. Zusätzlich zu Ihrer Beschreibung ist mir aufgefallen, dass in diesem Bild der Nordpol des Mondes ausgesprochen deutlich zu erkennen ist. Dafür sollte unbedingt noch ein Detailbild mit Markierung nachgereicht werden. Der Pol liegt auf dem nördlichen Rand von Peary - unmittelbar links neben dem kleinen dunklen Fleck, der von einem Krater auf dem Rand stammt. Hier haben Sie den Mond schön „von oben“ erwischt.

Bei der Interpretation der Nicht-TLP-Beobachtung im letzten Absatz habe ich aber eine andere Meinung: Zitat: „...so ist das Ausbleiben meiner Sichtung eine weitere Stütze für die Echtheit des 1963 beobachteten Phänomens...“ Das sehe ich nicht so. Nur weil Sie das (unbewiesene) TLP nicht gesehen haben, steigt damit NICHT die Wahrscheinlichkeit, dass die erste Sichtungsmeldung echt gewesen sein muss. Es deutet aber darauf hin, dass es sich wohl nicht um ein Beleuchtungsphänomen handeln kann, welches sich zyklisch wiederholt. (Wenn Sonne, Erde und Mond wieder in der richtigen Position stehen)

Rolf Hempel
04. Mai 2011 um 09:26 Uhr

Lieber Herr Tost, vielen Dank für den interessanten Hinweis auf die gute Sichtbarkeit des Norpols auf meiner Aufnahme. Während des Super-Vollmonds im März blickten wir auf den Mond zwar ähnlich "von oben herab", aber die Sonne stand tiefer. Daher bekam die Region jenseits des Pols wenig Sonnenlicht ab.



In der Schlussfolgerung zur TLP-Sichtung von 1963 liegen wir gar nicht so weit auseinander. Ich bin auch nicht überzeugt von der Echtheit des damaligen TLPs. Mit der ausgebliebenen Erscheinung am 15. April wurde aber eine Erklärung für eine mögliche Täuschung der Beobachter ausgeschlossen. Damit ist die Glaubwürdigkeit gestiegen. Bewiesen ist die Sichtung allerdings nach wie vor nicht.