Energie Blog | 22. November 2013 | von Jan Oliver Löfken | 4 Kommentare

Alarmierende Ergebnisse einer IEA-Studie: Fossile Energieträger spielen weiterhin dominante Rolle

Eine Betrachtung von Jan Oliver Löfken, Wissenschaftsjournalist und DLR-Energieblogger

Jedes Jahr bewertet die Internationale Energieagentur (IEA) den Status Quo der globalen Energieversorgung und entwirft ein aktualisiertes Szenario für die kommenden Jahrzehnte. In diesem wird – ausgehend von den heute genutzten fossilen und erneuerbaren Energiequellen – der Bedarf bis zum Jahr 2035 um ein Drittel steigen. Verantwortlich dafür macht die IEA in den kommenden Jahren zum einen die starke wirtschaftliche Entwicklung in China und Indien. Doch zum anderen werden parallel weitere asiatische Schwellenländer wie etwa Indonesien den Energiehunger weiter verstärken.

Analysten gehen von einer globalen Erwärmung um 3,6 Grad aus

Aus Sicht der IEA werden bei Fortschreibung aktueller Trends fossile Energiequellen wie Kohle, Gas und Öl bis dahin ihre führende Rolle behaupten, was dramatische Folgen für das Erdklima hätte. So sinkt im Szenario der IEA zwar der Anteil der Fossilen von heute 82 Prozent am globalen Energiemix auf 76 Prozent bis 2035. Doch ohne noch stärkere Anstrengungen zur Steigerung der Energieeffizienz führe der heute eingeschlagene Weg langfristig zu einer globalen Erwärmung von 3,6 Grad. So wird es zunehmend schwieriger, die auf Klimakonferenzen nach wie vor verfolgte Begrenzung auf nur zwei Grad zu erreichen. Da bis 2035 der größte Energiebedarf in Asien liegen wird, werden selbst ambitionierte Projekte in Europa wie die deutsche Energiewende den Temperaturanstieg allein kaum verhindern können. Wichtig bleibt dennoch die Vorreiterrolle, um aufstrebenden Nationen beispielhaft zu zeigen, dass eine Abkehr von den fossilen Energiequellen zu einer sicheren und auch bezahlbaren Versorgung führen kann. Gerade hier sind die Szenarien der IEA aufgrund ihres konservativen Ansatzes auch zu kritisieren. "Die IEA geht nach wie vor von einer langfristig sehr begrenzten Rolle der Erneuerbaren Energien aus und ignoriert die enormen technischen wie auch ökonomischen Potenziale“, sagt Thomas Pregger von der Energiesystemanalyse des DLR, der selbst an der Entwicklung von globalen 2-Grad-Szenarien arbeitet. "Auch bezüglich der Effizienzannahmen und der Brennstoffpreispfade in der Zukunft sind andere Entwicklungen denkbar. Dies sollte in weiteren Szenarien-Varianten der IEA berücksichtigt werden."

Sonderrolle USA - Schiefergas- und Schieferöl

Im Vergleich zu anderen Ländern und Regionen nehmen laut IEA die Vereinigten Staaten eine Sonderrolle ein, die wegen der intensiven Förderung von Schiefergas und Schieferöl über das umstrittene Fracking-Verfahren eine größere Unabhängigkeit von Energieimporten gewinnen. Deutlich niedrigere Energiekosten als in Europa und Asien werden über viele Jahre zu einem Wettbewerbsvorteil führen. So kostet Erdgas in den USA etwa nur ein Drittel im Vergleich zu europäischen Marktpreisen und sogar nur ein Fünftel im Vergleich zu Japan. "Aufgrund der niedrigen Energiepreise sind die USA in einer guten Position, ökonomische Vorteile zu erlangen. Für die energieintensiven Betriebe in Europa und Japan sind die höheren Kosten hingegen eine große Belastung“, sagt IEA-Chefökonom Fatih Birol. Europa und Asien könnten von den niedrigen Gaspreisen in den USA nur dann indirekt profitieren, wenn der weltweite Handel von verflüssigtem Erdgas stark ausgebaut werde.

Allzu lange wird dieser Gasboom allerdings nicht währen. Die IEA schätzt, dass in etwa 20 Jahren auch die USA wieder stärker auf Importe aus dem Mittleren Osten angewiesen sein werden. Bis dahin könnte in den USA auf den ersten Blick sogar die Belastung der Erdatmosphäre mit Treibhausgasen zurückgehen. Denn das billige Erdgas verdrängt zunehmend den bislang sehr wichtigen Energieträger Kohle. Und die Kohlendioxid-Emissionen bei der Stromgewinnung mit Gaskraftwerken rangieren etwa bei der Hälfte im Vergleich zur Kohleverstromung.

Allerdings zeigte jüngst eine Studie der US-amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), dass Gasleckagen auf amerikanischen Gasfeldern diesen Klimavorteil vollends aufheben können. In einer repräsentativen Messung über einem großen Gasfeld im Bundesstaat Utah ermittelten sie eine enorme Leck-Rate während des Förderbetriebs für das wichtige Treibhausgas Methan. Wie sie in der Fachzeitschrift "Geophysical Research Letters“ berichteten, sind die Methanemissionen so hoch, dass die Erdgasnutzung sogar deutlich belastender für das Klima ist als die Verfeuerung aller anderen fossilen Brennstoffe, einschließlich Braunkohle. Weitere Messungen auf anderen Gasfeldern stehen nun aus, um die Gefahr von Methan-Lecks zu bestätigen oder zu widerlegen. “Umso wichtiger ist es, verstärkt Wege einer zukünftigen Energieversorgung mit Techniken ohne derartige technische Risiken aufzuzeigen, wie Steigerung der Energieeffizienz und dem Ausbau erneuerbarer Energien“, kommentiert Thomas Pregger.

World Energy Outlook, IEA: Zusammenfassung für Entscheider (auf Englisch)

WORLD ENERGY OUTLOOK 2013: FACTSHEET (auf Englisch)

Bild: Silhouetten von Ölpumpen, Quelle: Clipdealer

 

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Über den Autor

Der Energiejournalist Jan Oliver Löfken schreibt unter anderem für Technologie Review, Wissenschaft aktuell, Tagesspiegel, Berliner Zeitung und das P.M. Magazin. Derzeit diskutiert er im DLR-Energieblog aktuelle Themen rund um die Energiewende. zur Autorenseite

Kommentare

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Privat
22. November 2013 um 12:33 Uhr

Bin immer wieder erstaunt, daß man den Menschen für den Klimawandel so hervorhebt und verantwortlich macht. Warum stellt man sichn nicht auf den Klimawandel ein und trifft statt dessen Massnahmen die für meine Begriffe sinnvoller wären; z.Bsp. die vorhandenen techn. Möglichkeiten große Kraftwerks-
blöcke wie Datteln 4 zu bauen und den anderen kleinen Betrieb von Kraftwerken
stillzusetzen. Statt dessen werde so kleine Windmühlen in einer Anzahl gebaut,
das es einem schwindelig wird.Wir werden in 10 bzw.20 Jahren an die auf uns zukommenden Kosten noch in eine Sackgasse geraten !
Mit frdl. Gruß Herbert Hoeck
PS. Gehöre keiner Institution an

Volker Bosch
25. November 2013 um 08:11 Uhr

Hallo Herr Löfken,

es freut mich, dass Sie die Problematik der Leckagen bei der "nicht konventionellen Gasförderung" ansprechen. Genau diesen Aspekt vermisse ich bei der Diskussion um das sog. Fracking schon seit Langem! Schließlich ist eines der wichtigsten Argument für diese Art der Gasförderung die Reduzierung der CO2-Emmisionen. Durch die erheblich höhere Klimaschädlichkeit des Methans wird diese Aussage doch sehr stark relativiert, zumal die Leckagen wohl alles andere als gering sind, wenn man sich einschlägige Dokumentationen aus den USA so anschaut...
Hoffentlich beeinflussen diese Informationen auch unsere "Volksvertreter", so dass diese nicht nur auf die Lobbyisten hören.

Herzliche Grüße,
Volker Bosch.

Silvia Spörk
25. November 2013 um 12:40 Uhr

Was ist vom Energieträger "WASSERSTOFF" zu halten? Die Schweizer Sendung "Einstein" berichtet über das Wasserstoff-Auto von Hyundai und weiteren Projekten:

http://www.srf.ch/player/tv/sendung/einstein?id=f005a0da-25ea-43a5-b3f8-4c5c23b190b3

LG
Silvia

Dorothee Bürkle (DLR Fachredakteurin Energie und Verkehr)
26. November 2013 um 10:09 Uhr

Hallo Frau Spörk, Wasserstoff als Energieträger im Verkehr hat viele Vorteile, vor allem was die Reichweite der Fahrzeuge angeht. Nachteile sind derzeit aber noch der Preis der Brennstoffzellen und auch das dünne Netz an Tankstellen. Eine ausführliche Bestandsaufnahme finden Sie in unserem DLRmagazin auf S. 33:

Batterie oder Brennstoffzelle - Was uns in Zukunft bewegt. Beste Grüße Dorothee Bürkle