Philae Blog | 30. Oktober 2013 | von Dietmar Lilienthal

T Minus 377 Tage

Philae in der Testanlage des DLR
Philae in der Testanlage des DLR

377 Tage, rund 1 Jahr – eigentlich eine Menge Zeit. Bedenkt man aber, dass die Kometenmission Rosetta insgesamt auf 3906 Tage bis zur Landung angelegt ist, sind 377 Tage gerade einmal die letzten 10 Prozent ihrer zehnjährigen Reise durch den Weltraum. Höhepunkt ist die Landung von Philae auf dem Kometen.

Dann wird sich zeigen, ob sich die harte Arbeit der letzten 15 Jahre, die in umfangreichen Planungen, Entwicklungen und Tests bestand, auszahlt und alles wie geplant auch in der Realität funktioniert. Und dieser Realität fiebern das DLR-Team des Kontrollzentrums (MUSC) am DLR-Standort in Köln mit den nationalen und internationalen Partnern entgegen.

Das äußerst schwierige und bisher einzigartige Vorhaben, von dem ich spreche, ist die Landung von Philae, dem Lander der Raumsonde Rosetta. Die Landeeinheit Philae wurde von einem internationalen Konsortium unter Leitung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelt und gebaut. Das Team vom DLR in Köln ist verantwortlich für die meisten operativen, ingenieurstechnischen und leitenden Aufgaben. Es arbeitet eng mit der französischen Raumfahrtagentur CNES zusammen, die sich um die wissenschaftliche Planung und Navigation kümmert, sowie mit den Wissenschaftlern und Herstellern der Subsysteme. Sie alle bilden zusammen das Philae-Projektteam und arbeiten gemeinsam mit der Europäischen Weltraumorganisation ESA, die verantwortlich für die gesamte Mission Rosetta ist.

Philae in der Testanlage
Vorbereitungen für die Landung in T Minus 377 Tage: Philae in der "Landing and Mobility Test Facility" (LAMA) des DLR.
Quelle: DLR (CC-BY 3.0)

Seit dem Start 2004 trägt Rosetta den kleinen Lander wohl behütet vor all den rauen interplanetarischen Gegebenheiten durchs All, ohne dass Philae seine Ressourcen anbrechen muss. Auf jeden Fall eine luxuriöse Art zu Reisen! Philae erlebte drei Erd-Swing-Bys, einen Mars-Swing-By und kreuzte bereits zwei Asteroiden. Seine wissenschaftlichen Instrumente, die speziell zur Untersuchung der Struktur, Zusammensetzung, Atmosphäre und allgemeinen Eigenschaften des Kometen entwickelt wurden, konnten bei diesen aufregenden Ereignissen bereits getestet werden. Außerdem wurden während des siebenjährigen aktiven Flugs (bis 2011) zahlreiche Systemprüfungen und Charakterisierungen vorgenommen, bevor eine drei Jahre andauernde Winterschlafphase (ab 8.6.2011) anbrach.


Seit 2011 fliegen Rosetta und Philae nun also komplett abgeschaltet und lagestabilisiert durch den Weltraum, ohne jeglichen Kontakt zur Erde – bis Januar 2014. In dieser Zeit flog die Raumsonde tiefer ins All als jemals ein solarbetriebenes Raumfahrzeug zuvor und erreichte so eine maximale Distanz von der Sonne von 5,29 astronomischen Einheiten, was sehr nah am Jupiter ist und bereits hinter dem Asteroidengürtel liegt. Im Januar 2014 wird die Ruhephase beendet und Rosetta wacht von alleine wieder auf, ändert ihre Lage von der Spin-Stabilisation zurück zur 3-Achsen-Stabilisation und nimmt Kontakt zur Erde auf. Bis zu diesem Zeitpunkt kann von der Bodenstation aus nichts unternommen werden, um Rosetta zu helfen.

Der Kometenlander hängt in der Testanlge in Bremen
Ingenieure des DLR testen am originalgetreuen Modell, um für die erstmalige Landung auf einem Kometen vorbereitet zu sein. Quelle: DLR (CC-BY 3.0)

Neben dem Erwachen ist die größte Herausforderung für Rosetta und Philae, ihr Gegenüber ausfindig zu machen, zu finden und zu erobern. Der Komet Churyumov-Gerasimenko (67P – CG) ist nämlich gar nicht der ursprünglich für die Mission vorgesehene Komet, er ist viel größer und unerforschter aber nicht unbedingt gewillt, erforscht zu werden. Wegen eines technischen Problems der Trägerrakete musste der ursprünglich geplante Start verschoben werden – was zur Folge hatte, dass ein neuer Komet gefunden werden musste. 67P ist viel größer als das eigentliche Objekt und obwohl in letzter Minute noch einige technische Änderungen vorgenommen wurden, wird die sowieso schon nicht gerade einfache Landung nun noch schwieriger. Aktuelle wissenschaftliche Beobachtungen und Vorhersagen weisen außerdem darauf hin, dass der Komet während der Erkundungsphase aktiver sein wird als erwartet. Zwar ist es genau diese Aktivität, die Kometen so interessant für die Wissenschaft macht, das Team im Kontrollzentrum würde es dennoch bevorzugen, wäre der Komet erst nach der Landung von Philae so aktiv.

Die Raumsonde Rosetta mit dem Lander Philae
Philae-Lander (Bildmitte) an Bord der europäischen Sonde Rosetta
Credit: ESA

Alle Zutaten für eine außergewöhnliche Mission mit einem fantastischen Mix aus Ingenieurstechnik, präziser Planung, Risikominimierung und Wissenschaft sind vorhanden. Die Erkenntnisse durch Philae und der gesamten Rosetta-Mission werden unser Verständnis für Kometen, den Ursprung des Sonnensystems sowie die Entstehung von Leben auf der Erde um einen ziemlich großen Schritt nach vorne bringen.

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