Ohains erstes Strahltriebwerk als technologische Pionierleistung

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Nach dem Erstflug wird Hans von Ohain von Heinkel-Mitarbeitern gefeiert

Die Erfindung des Strahltriebwerks durch Hans von Ohain war zweifellos die wichtigste Innovation der Luftfahrt. Die Technologie des Flugzeugantriebs mit Kolbenmotoren und Propellern war in den 1930er Jahren an ihre technischen Grenzen gestoßen, und ohne die Revolution der Jets wäre der heutige globale Luftverkehr nicht denkbar. Das gleiche Grundprinzip der Gasturbine wird aber auch in allen Turboprop-Flugzeugen und als Antrieb von Hubschraubern angewandt.

Ohain hat versucht, mit einfachsten Mittel nachzuweisen, dass der Strahlantrieb für Flugzeuge möglich ist. Er wählte deshalb die Bauart mit einem Radialverdichter, während Junkers und BMW später mit Axialverdichtern arbeiteten, die allerdings einen wesentlich höheren Entwicklungsaufwand erforderten. Bei seinem letzten und leistungsfähigsten Triebwerk He S011 im Jahr 1944 kombinierte von Ohain die radiale und axiale Bauart und schuf damit erstmals ein Standard-Konzept, das heute als Antrieb in allen Business-Jets, Turboprop-Flugzeugen und Hubschraubern angewandt wird. Nur die Strahltriebwerke hoher Leistung für größere Jets arbeiten mit reinen Axialtriebwerken. Zu Ohains Konstruktionsprinzipien, die heute noch als technologischer Standard für sämtliche Triebwerke gelten, gehört aber auch die Ringbrennkammer mit einem einzigen Brennraum, während andere Hersteller viele Jahre lang Einzelbrennkammern wählten, die heute längst obsolet sind.##markend##

Quelle: Privat
Das erste Düsenflugzeug der Welt: Die Heinkel He 178 beim Start

Wie weit die Kreativität Hans von Ohains reichte, beweist auch ein Patent aus dem Jahr 1939, in dem er erstmals das Zweikreistriebwerk vorschlug, das erst in den 1960er Jahren technisch realisiert wurde und seitdem zu den heutigen Fantriebwerken mit hoher Schubkraft bei geringem Verbrauch und niedrigem Lärmniveau führte. Zudem erfand von Ohain in diesem Patent auch den Getriebefan, der heute zu den jüngsten technologischen Errungenschaften zählt und im Airbus A320neo sowie in vier weiteren Flugzeugprogrammen in Kanada, Brasilien, Russland und Japan als Antrieb dient. Dabei werden die Drehzahlen der ersten Verdichterstufe, des Fans, und der Turbine entkoppelt, so dass sie effizienter arbeiten können. Auf der Basis dieses Patents entstand bei Heinkel das Triebwerksprojekt He S10, das allerdings nicht realisiert wurde.

Die bahnbrechende Pionierleistung des damals jungen Physikstudenten Hans von Ohain ist auch ein Beispiel dafür, dass Innovationen nicht immer nur in staatlich geförderten Technologieprogrammen entstehen können.

Artikel zum Thema: 75 Jahre Düsenflug - Luftfahrtkoordinatorin Zypries und Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt würdigen einen Meilenstein der Luftfahrttechnologie

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Über den Autor

Peter Pletschacher ist Geschäftsführer der Aviatic Verlag GmbH, die neben Buchproduktionen das DGLR-Magazin "Luft- und Raumfahrt", das "REUSS Jahrbuch der Luft- und Raumfahrt" und den wöchentlichen Info-Dienst "Flugpost" publiziert. Seit 1982 ist er auch Präsident des Luftfahrt-Presse-Clubs e.V. (LPC). zur Autorenseite

Kommentare

6 Kommentare | RSS-Feed Kommentare
Volker Maiwald
29. August 2014 um 15:38 Uhr

Bei aller Begeisterung für die Technik und die Tragweite von Hans Ohains Erfindung, ist es schade, dass seine Beteiligung an der Rüstung eines Verbrecherstaates, dem Dritten Reich, samt dem damit einhergehenden Angriffskrieg völlig unreflektiert nicht einmal erwähnt wird. Im Dienst stand Ohain bei Heinkel, einem Rüstungshersteller und hat an Kriegsflugzeugen gearbeitet (z.B. Heinkel He 280), während die Firma Heinkel auch Zwangsarbeiter eingesetzt hat, war seine Forschung und Entwicklung durch Rüstungsmittel finanziert. Dem heren Ziel des technischen Fortschritt hat der ebenso wie viele andere, Menschlichkeit und Frieden nachgeordnet. Eine vollständige Betrachtung seiner Arbeit sollte dies nicht unterschlagen. Das dies auf einer offiziellen DLR Seite dennoch passiert, halte ich für mehr als bedenklich und fragwürdig.

Fabian Walker (DLR-Kommunikation) | www.dlr.de/blogs/de/desktopdefault.aspx/tabid-9418/16162_read-27751/
01. September 2014 um 12:10 Uhr

Hallo Volker Maiwald,
der Hauptartikel im DLR-Portal (unterhalb des Blogs auch verlinkt) geht auf die von dir angesprochene Tatsachen ein. Dort steht z.B.:
"Die Entwicklung des Strahltriebwerks war wieder ein Beispiel, wie Nationen und Völker über Technologien und Forschung näher zueinander zu bringen sind. Auch wenn die Zeit, in der diese technische Meisterleistung erfolgte, die Ambivalenz von Technik, Gesellschaft und Politik gezeigt hat", kommentiert Prof. Dr.-Ing. Jan Wörner, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).
... und weiter heißt es:
Mit einer kleinen Entwicklungsgruppe schuf von Ohain das Düsentriebwerk He S 3 B, mit dem das Versuchsflugzeug He 178 am 27. August 1939 - wenige Tage vor Beginn des Zweiten Weltkriegs - vom Heinkel-Werksflugplatz Rostock-Marienehe zum ersten Düsenflug der Welt startete. Das Vorhaben erhielt keine staatliche Unterstützung durch das Reichsluftfahrtministerium. Heinkel selbst bleibt als Rüstungsunternehmer im Dritten Reich eine streitbare Figur, seine Werke setzten, ebenso wie viele andere Flugzeugfirmen, auch Häftlinge aus Konzentrationslagern und Zwangsarbeiter ein.
Du findest den vollständigen Artikel hier:http://www.dlr.de/dlr/desktopdefault.aspx/tabid-10081/151_read-11414/#/gallery/4258

Grüße, Fabian Walker (DLR-Kommunikation)

Volker Maiwalf
01. September 2014 um 14:17 Uhr

Hallo Fabian, in dem Blog-Artikel erscheint dies nicht - warum nicht? Weiter sind die Informationen falsch, dass Ohain an keinen Rüstungsprojekten arbeitete. Abgesehen davon, dass die HE 178 natürlich ein Prototyp war, bei dem Heinkel eine direktere Anwendung erhoffte, hat Ohain am Triebwerk der HE 280 gearbeitet, ein Jagdflugzeug und die ARbeiten am HeS 8 waren auch vom Luftfahrtministerium finanziert. Dieses Flugzeug wurde zwar nicht in Serie gefertigt, weil es sich gegen die Me 262 nicht durchsetzen konnte, allerdings hat Ohain damit klar an Rüstungsprojekten gearbeitet. In jedem Fall hat er eine Rüstungsfirma unterstützt und das bleib in so einem Regime nun einmal fragwürdig. Dies sollte in einem Blogeintrag, der seine Arbeit "würdigt" auch so erwähnt werden, ansonsten kann der Eindruck aufkommen, dass man dies gut heißt.

Peter Pletschacher
02. September 2014 um 13:22 Uhr

In der Pressemeldung des Wirtschaftsministeriums und des DLR wurde bereits auf die Rolle Ernst Heinkels in der Rüstungswirtschaft des Nazi-Regimes hingewiesen. Deshalb ist es nicht nötig, diesen Sachverhalt in jedem Blogbeitrag immer wieder stereotyp zu wiederholen.
Das Verhalten Hans von Ohains in dieser Zeit wurde von der Expertenkommission „Technik und Verantwortung“ Anfang 2005 in Rostock ausführlich dargestellt. Anlass war die geplante Benennung des neuen Terminals am Flughafen Rostock nach Hans von Ohain, wogegen in Rostock zunächst heftig polemisiert wurde – mit ähnlichen Argumenten wie in Herrn Kaisers Blogbeitrag. Daraus zwei bemerkenswerte Auszüge:

Prof. Helmuth Trischler, Historiker des Deutschen Museums sagte in seinem Vortrag „Hans Pabst von Ohain – Die gebrochene Normalbiographie wissenschaftlich-technischer Eliten im Deutschland des 20. Jahrhunderts“: „Er war nie Mitglied einer NS-Organisation, und er hielt sich, selbst während seiner Zeit bei Heinkel, von der Partei fern – ein durchaus bemerkenswertes Verhalten von Resistenz, bedenkt man, wie exponiert seine Position als Erfinder des Strahltriebwerks nach 1938 war.“
Dr. Lutz Budraß, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Uni-Bochum, ein Historiker, der äußerst kritisch mit der Verflechtung der Flugzeugindustrie mit dem Dritten Reich umgeht, nahm in seiner Expertise „Hans Joachim Pabst von Ohain. Neue Erkenntnisse zu seiner Rolle in der nationalsozialistischen Rüstung“ dazu wie folgt Stellung: „Das Strahltriebwerk der Heinkel-Werke wurde deshalb nicht mehr im Zweiten Weltkrieg eingesetzt, weil sein Erfinder, Hans Joachim Pabst von Ohain, und der Verantwortliche für seine Produktion, Harald Wolff, sich dem gemeinsam entgegenstellten. In diesem Licht sind sie aller Ehren wert.“

Diesen Zitaten ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Wer dennoch weiter selbstgerecht gegen Hans von Ohain polemisieren will, soll das tun, muss aber wissen, dass er sich außerhalb wissenschaftlicher Erkenntnisse bewegt.

Noch ein Punkt zu Herrn Maiwalds Blogbeitrag. Es ist falsch, die He 178 als „Prototyp“ zu bezeichnen, im Sinne eines Vorläufers einer Einsatzversion als Jagdflugzeug. Dafür war dieses Experimentalflugzeug viel zu klein. Die He 178 war – im heutigen Sprachgebrauch – ein „Technologieträger“, Demonstrator“ oder „Proof-of-Concept“- Flugzeug nur für den Zweck gebaut, die Eignung des Turbostrahltriebwerks als Antrieb für Flugzeuge nachzuweisen.

Peter Pletschacher

Volker Maiwald
08. September 2014 um 15:14 Uhr

Dieser Blog wurde auf der DLR-Facebook Seite verlinkt, nur dieser, daher mein Kommentar dazu.
Zwar ist verständlich, dass Sie nicht stereotyp Dinge wiederholen wollen, nur seltsam ist, dass Sie dies mit den technischen Inhalten tun, nur die ethischen Anmerkungen lassen Sie aus.

Weiter habe ich nicht behauptet, das Herr Ohain ein Nazi war, sondern nur, dass er das entsprechende Regime unterstützt hat, sei es auch nur als Mitläufer. Wenn seine Arbeit es wert ist, das man sich 70 Jahre danach noch damit beschäftigt, soltle dies auch im vollständigen Zusammenhang passieren, mit allen Konsequenzen, d.h. auch die Fragwürdigkeiten dazu.
Ihr Zitat von Herrn Dr. Budraß ist zudem unvollständig und daher sehr unprofessionel. Es heißt in seiner Auswertung:
"Ein einzelnes Vernehmungsprotokoll reicht nicht aus, um von Ohains Widerstand gegen die Ver-
einnahmung seiner Erfindung für den nationalsozialistischen Krieg unzweifelhaft zu beweisen.
Weitere Forschungen zu Ohain und zur Geschichte seiner Strahltriebwerke sind jetzt um so drin-
gender anzumahnen, um sein Handeln unter dem nationalsozialistischen Regime in allen Facetten
freizulegen. Trotz dieses Vorbehalts lässt sich durch die Aussagen des Denunzianten Hilgendorf
und ergänzende Materialien eine neue These zu Ohain formulieren:"
Danach folgt der von Ihnen zitierte Satz. Was Sie als unumstößlichen Beweis sehen, formuliert der Autor des Berichts eindeutig als These, der man nachkommen sollte (er sagt ausdrücklich, dass es sich nicht um einen Beweis handelt). Eine These die auf einem Bericht eines unzufriedenen Mitarbeiters Ohains basiert, welcher entlassen wurde. Der Autor selbst legt nahe, dass das Ziel vor allem Rache an Ohain gewesen sein könnte. Weiter schreibt Herr Dr. Budraß: "Dass
Wolff methodisch gegen den Kriegseinsatz der Strahltriebwerke arbeitete und sich dabei mit dem
wesentlich jüngeren von Ohain einig war, der sich – so lässt sich die Aussage Hilgendorfs auch in-
terpretieren – Freiräume für seine Grundlagenforschung schaffen wollte und sich gegen die Absicht
stemmte, sie möglichst schnell im Krieg einzusetzen". Maßgeblich war also wenn dann Herr Wolff und Ohain selbst, war an Grundlagenforschung interessiert - ein moralisch motivierter Widerstand ist für Dr. Burdraß nicht belegbar.

Meine Wortwahl mit Prototyp für die 178 sollte nicht so verstanden werden, dass aus exakt diesem Flugzeug eine Weiterentwicklung entstehen sollte. Allerdings war es Heinkels Interesse, Rüstungsaufträge zu bekommen. An einem solchen, nämlich der Entwicklung vom Triebwerk HeS 8 für die HE 280, einem Jagdflugzeug (wie oben genannt, nicht mehr zum Einsatz gekommen, da die ME 262 bevorzugt wurde), hat er allerdings maßgeblich gearbeitet. Dies steht fest.

"Diesen Zitaten ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Wer dennoch weiter selbstgerecht gegen Hans von Ohain polemisieren will, soll das tun, muss aber wissen, dass er sich außerhalb wissenschaftlicher Erkenntnisse bewegt. "
Es hat nichts mit Polemisierung zu tun, wenn man kritisch ist - dies ist die Grundlage für jedes wissenschaftliche Arbeiten. In einem so prekären Zusammenhang wie der Rüstungsindustrie im Nazionalsozialismus, sollte man sich eine ethisch korrekte Widergabe von Fakten zu Eigen machen und nicht in bloße Technikloberei verfallen. Diese ist einfach unangebracht, da der technische Fortschritt niemals der Menschlichkeit nachgestellt werden sollte. Die Beweise, die Sie für Ohains "Widerstand" anbringen, werden nicht einmal von dem von Ihnen zitiertem Autor als solche gesehen (sondern nur als Anlass zu weiterer Forschung), daher ist es sehr gewagt hier davon zu sprechen, man bewege sich außerhalb wissenschaftlicher Erkenntnisse. Im Falle von journalistischer Arbeit, ist es nicht gewagt, sondern unprofessionell. Persönlich bleibt eine solche einseitige Sichtweise moralisch fragwürdig.

Florian L.
11. September 2014 um 16:36 Uhr

Mein Gott, was ist das denn für ein Gesabbel. Es geht hier um die technische Errungenschaft des Strahltriebwerkes. Dass in jener Zeit viele technische Errungenschaften für das Militär genutzt wurden, steht ja außer Frage und weiß eigentlich jedes Kind. Vielleicht hätte in dem Artikel in der Tat ein Hinweis stehen müssen, für diejenigen, die in der Schule beim Geschichtsunterricht nicht so gut aufgepasst haben. Aber viel interessanter ist doch, dass wir durch diese Erfindung heutzutage kostengünstig Reisen können. Jedes Flugzeug ist mit einem Mantelstromtriebwerk ausgestattet und große Strecken bzw. der Flug über dem Wetter wäre gar nicht möglich. Also auch die Gutmenschen nehmen diese Technik von Herrn v. Ohain in Anspruch. Technik birgt immer Risiken, das ist so und wird immer so bleiben. „Manhatten Project“ war auch ein militärgetriebenes Projekt, allerdings mit etwas größeren Risiken als die Technik des Strahltriebwerks. Die damaligen Wissenschaftler hatten eine 50 zu 50 Wahrscheinlichkeit errechnet, dass die Kettenreaktion evtl. die gesamte Erde vernichten könnte. Aber sogesehen bin ich eigentlich froh, dass wir so eine Diskussion führen können.