Columbus Blog | 15. Januar 2015 | von Jan Wörner

Motto des Tages: "Don't Panic"

"Don’t panic" steht in grossen Lettern auf dem Reiseführer "Per Anhalter durch die Galaxis", zumindest erzählt das der gleichnamige Science Fiction-Kultroman von Douglas Adams, den sich die derzeitige ISS-Besatzung als Pflichtlektüre verschrieben hat. "Don’t Panic" war auch das Motto des gestrigen Tages am Columbus-Kontrollzentrum (Col-CC) in Oberpfaffenhofen, wie auch in den anderen ISS-Kontrollzentren in Houston, Huntsville, Moskau und Tsukuba. ##markend##

Gestern um 9:44 Uhr unserer Zeit wurde auf der Internationalen Raumstation ein Notfallalarm ausgelöst, denn es gab Hinweise darauf, dass Ammoniak aus dem äußeren Kühlkreislauf der ISS durch ein Leck in einem Wärmetauscher in die Atemluft gelangt sein könnte - einige ISS-Daten wiesen die entsprechenden Signaturen auf. Wie der Notfallplan vorsieht, begaben sich die Astronauten schnellstens in den russischen Teil der ISS - dort wird kein Ammoniak in den Kühlkreisläufen verwendet und die Astronauten konnten sich durch Luftmessungen davon überzeugen, dass sie hier vollkommen sicher waren.

Schon zu Beginn gab es einige Zweifel daran, ob wirklich Ammoniak ausgetreten war. Aber sicherheitshalber wurde die Crew im russischen Segment belassen, man wollte kein Risiko eingehen und die Lage zunächst eingehend analysieren. Von den Astronauten kam schon schnell das Signal, dass wir uns keine Sorgen um ihr Wohlergehen machen müssten - Samantha twitterte: "Danke für Euer Mitfühlen, uns geht’s gut!"

In einem Ammoniaknotfall wird schnellstens der betroffene externe Kühlkreislauf heruntergefahren und der Arbeitsdruck reduziert, um ein weiteres Einströmen des giftigen Gases in die Kabine zu verhindern. Gestern war das der "Loop B" - und damit war die halbe Wärmeabführungsleistung der ISS nicht mehr verfügbar. Damit war das Team in Oberpfaffenhofen dann kurz nach der akuten Phase des "Emergencies" damit konfrontiert, das Forschungslabor herunterzufahren, um die Abwärme zu verringern. Während die Astronauten also im russischen Segment auf die erlösende Nachricht warteten, dass sie die Luke zum "Node 1" wieder öffnen durften, waren die Kontrollzentren schwer damit beschäftigt, sich zunächst ein Bild von der Situation zu machen und schliesslich die Notfallkonfiguration der Station entsprechend anzupassen. Zusätzliche Experten versuchten parallel dazu herauszufinden, warum der Notfallalarm ausgelöst wurde: Am Nachmittag kam man langsam zu der Überzeugung, dass man den Messwerten des auslösenden Bordcomputers nicht trauen könne: Verschiedene Signaturen, die erst bei der detaillierten Analyse auffielen, deuteten eher auf ein Computerproblem als auf ein wirkliches Notfallszenario hin.

Schliesslich bekam die Crew gegen Abend dann das "Go", ausgestattet mit Atemschutzmasken im amerikanischen Teil der ISS Messungen vorzunehmen - und in der Tat konnte kein Ammoniak nachgewiesen werden. Gegen 21:00 Uhr durften die Astronauten daher wieder endgültig die Luke öffnen und konnten auch wieder im amerikanischen Teil der Station nächtigen.

Immer noch ist der "Loop B" heruntergefahren - man will nichts überstürzen und mit Bedacht die Station wieder aus ihrer Notfallkonfiguration "zu vollem Leben" erwecken. Aber der Notfall ging letztendlich glücklicherweise in ein "Planungsproblem" über: Das EPIC-Team am Col-CC wird heute schwer beschäftigt sein, um zusammen mit den anderen Planungsteams die Stundenpläne der nächsten Tage wieder zurechtzurücken.

Das Resümee für uns: Nichts passiert - wäre es auch wirklich Ammoniak gewesen, die Crew und wir Kontrollzentren hätten die Situation voll unter Kontrolle gehabt. Deshalb: Immer wieder den Ernstfall trainieren und in Gedanken durchspielen, aber "don't Panic"...

Quelle: NASA
Für Samantha hat sich das gute Notfalltraining ausgezahlt
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Über den Autor

Im Jan-Wörner-Blog bloggte der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Prof. Dr.-Ing. Johann-Dietrich "Jan" Wörner, selbst. Seit dem 1. Juli 2015 ist er Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation ESA. zur Autorenseite

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