Columbus Blog | 02. Juni 2015 | von Tom Uhlig

Klempner im Nebenberuf - Astronauten auf der ISS

Chris Hadfield als Klempner im Columbus-Modul
Quelle: NASA
Auch Chris Hadfield hatte das Vergnügen als "Klempner" in Columbus zu arbeiten. Dabei schwebt er an der Stelle von Express Rack 3, das rechts unten noch zu erkennen ist. Rot-weiße Streifen tragen natürlich immer zur Arbeitssicherheit bei ...

Wenn ich mal viel Zeit habe - was ich da nicht alles machen würde! Dann könnte ich endlich mal das Buch über Spieltheorie lesen. Oder vielleicht Gitarre spielen lernen? Oder, oder, oder... Aber was geschieht auf der ISS, wenn unerwartet Crewzeit verfügbar wird?

Nachdem sich die Sojusstarts und -landungen nach hinten verschoben haben, stand plötzlich zusätzliche Crewzeit für die Astronauten auf der Internationalen Raumstation zur Verfügung. Aber das heißt nicht, dass Samantha und Co. endlich mal ausgiebig den tollen Ausblick auf die Erde genießen können, denn im Kontrollcenter haben wir eine lange Wunschliste von Dingen in unseren Schubladen, die wir schon lange einmal an Bord ausgeführt haben wollen: Wie wäre es denn, das Permanent Multipurpose Module (PMM), das eigentlich als Transportcontainer für das Space Shuttle konzipiert und nach dem Ende der Shuttle-Ära als zusätzlicher Stauraum am Node 2 belassen worden war, an den Node 3 zu verlegen und den Node 2 damit als zukünftigen Docking Port für sogenannte Visiting Vehicles freizumachen? Wir könnten den Videorekorder in Columbus endlich gegen einen Festplattenrekorder tauschen oder das Wasserventil ersetzen, das nicht mehr so arbeitet, wie wir wollen.

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
STRATOS-Konsole am Columbus-Kontrollzentrum zur Unterstützung vom Boden aus

Mit dem letzten Punkt auf unserem Wunschzettel sah sich ESA-Astronautin Samantha Cristoforetti am Freitag konfrontiert: Wir hatten die umfangreichen Aktivitäten dazu auf ihren Stundenplan - die Timeline - gebracht und sie damit in Atem gehalten: Schon am Vortag musste sie das Modul hierfür konfigurieren, denn das auszutauschende Wasserventil ist hinter Panelen neben der Eingangsluke versteckt, die durch einen der Experimentschränke verstellt ist. Deshalb hieß es für Samantha zunächst, das Express Rack 3 so herzurichten, dass es vorgekippt werden konnte, um den Zugang zum Ventil freizugeben.

Dazu musste einiges an Geräten von der Rackvorderseite entfernt und die verschiedenen Zuleitungen zu dem Rack abgesteckt werden: Strom, Stickstoff, die Venting und Vacuum Lines, die Videoverbindung und verschiedene Datenleitungen.

Am Freitag musste die Astronautin das mannshohe Rack nach vorne in die Kabine hineinkippen, was dank Schwerelosigkeit leicht zu bewerkstelligen war. Damit hatte sie Zugang zu dem Bereich, in dem die Wasserventile für Columbus zu finden sind, und konnte die Nomex-Abdeckung abnehmen. Nun lag ein Teil der "Kühlwasserinnereien" des Europäischen Forschungsmoduls vor ihr: Columbus muss aktiv gekühlt werden. Zum einen produzieren die verschiedenen Aggregate und Geräte Wärme und werden deswegen von Kühlwasser durchflossen. Zum anderen muss auch die Luft des Moduls gekühlt werden. Eine Klimaanlage im Weltall! Sehr wichtig ist zudem die Luftfeuchtigkeit. Auch Astronauten transpirieren - das muss in Grenzen gehalten werden. Wir können kein Kondenswasser brauchen, besonders nicht in Bereichen, wo elektrischer Strom präsent ist. Deswegen nutzen wir unser Kühlwasser, um eine gezielte Kondensation in einem Gerät zu erzwingen, das die Luft kühlt, entfeuchtet und das Kondenswasser dann an das amerikanische Wasserprozessierungssystem abführt.

Für all diese Zwecke hat Columbus zwei Kühlwasserpumpen, verschiedene Mechanismen, um die Temperatur des Wassers auf den gewünschten Soll-Wert einzustellen und zwei Wärmetauscher. Sie geben die durch den Kreislauf aufgenommene Wärme an den äußeren Ammoniak-Kühlkreis ab, von wo sie im Anschluss ins Weltall abgestrahlt wird. Es gibt also jede Menge Wasserventile in Columbus, zum Wasserabsperren, Wassermixen, Bypassventile...

Eines dieser Ventile - es trägt den nüchternen Namen Water-On-Off-Valve 6 oder kurz WOOV6 - lag nun vor Samantha und wartete darauf, gegen ein neues ausgetauscht zu werden. Wir hatten vom Columbus-Kontrollzentrum aus freilich vorher schon sichergestellt, dass kein Wasser mehr durch das Ventil floss und dass es sich etwas erwärmen konnte. Winterhandschuhe wollten wir der Italienerin dann doch nicht zumuten. Außerdem war wegen des gekippten Racks die Luftzirkulation nicht wie üblich, wodurch die Rauchmelder nicht alle Bereiche des Moduls überwachen konnten. Die Crew war somit "prime for smoke detection".

Samantha hatte das "Go", mit der 28-seitigen Prozedur für den Ventilaustausch zu beginnen. Geschlagene vier Stunden war die Astronautin als Klempnerin unterwegs: Neues WOOV inspizieren, Arbeitsplatz herrichten, das alte WOOV untersuchen und Bilder davon machen, es abstecken, zunächst die elektrischen, dann die Wasserleitungen und es schließlich ausbauen. Dann das neue Ventil einbauen, entsprechend isolieren und anstecken. Plötzlich wurde es kurzzeitig etwas hektischer, als Sam uns informierte, dass einer der Schnellverschlüsse leckt. Freies Wasser in der Kabine ist immer etwas, was wir nicht sehr schätzen. Aber gleich darauf ist die Lage wieder unter Kontrolle und das ausgelaufene Wasser aufgewischt.

Es ist schon Abend in Europa, als wir das neue Ventil zum ersten Mal vom Boden aus auf- und zuschalten können. Aufatmen bei uns und auch bei den Ingenieuren in Turin und Bremen - frei nach Galileo Galilei: Und es bewegt sich doch! Gut so, im Sommer muss die Kühlung schließlich funktionieren. ;-)

Columbus Blog | 29. Mai 2015 | von Tom Uhlig

Schauen sie noch Videos - oder "streamen" sie schon?

Quelle: NASA
NASA-Astronaut Scott Kelly an Bord der Internationalen Raumstation ISS.

Machen wir doch mal einen Test zusammen, ob Sie ein "Innovator" sind (in unserer Uni-Arbeitsgruppe damals ein schwer umkämpfter Titel: Wer hatte die neuesten technischen Gimmicks...): Haben Sie eigentlich noch einen Videorecorder? Einen mit richtigen Bändern? Kassetten? Oder sagt Ihnen das gar nichts mehr? Bandsalat, rotierende Schreib-Leseköpfe und die Schreibschutzlasche sind Ihnen böhmische Dörfer? Naja, das qualifiziert Sie heutzutage wohl noch nicht wirklich zum "Innovator", aber Sie sind diesem wohl schon ein Stück näher als ein "VHS-Freak". weiterlesen

Columbus Blog | 19. März 2015 | von Tom Uhlig

Das "Monster" zähmen

MARES-Experiment im Columbus-Labor
Quelle: NASA
Raumfüllend: das MARES-Experiment im Columbus-Labor. NASA-Astronaut Dough Wheelock "balanciert" es auf seinem Finger.

Vor manchen Dingen hat man einfach Angst - da kann man nicht viel gegen machen. Unser MARES-Experiment im Columbus-Labor ist so etwas: riesengroß, hochkomplex und manchmal ein Sorgenkind.

MARES (Muscle Atrophy Research and Exercise System) erlaubt die Untersuchung verschiedenster Muskelgruppen der Astronauten und trägt damit zur Klärung essentieller Fragen bei, die sich bei langen Raumflügen unweigerlich stellen: Wie reagiert der menschliche Körper auf die Schwerelosigkeit? Wie degenerieren die Muskeln, die ja nur wenig beansprucht werden, wenn sie nicht ständig gegen die Schwerkraft anarbeiten müssen? weiterlesen

Columbus Blog | 14. Februar 2015 | von Tom Uhlig

Servus, ATV!

ATV-4 Wiedereintritt 2013. Quelle: ESA/NASA

Zeit für Abschiede!! Nachdem Anfang der Woche schon das Transportraumschiff „Dragon“ die ISS verlassen hat, war es heute für den europäischen Transporter ATV so weit: Das Raumschiff mit dem klangvollen Namen Georges Lemaître wurde von der ISS abgekoppelt und wird nach mehreren Orbits in die Erdatmosphäre eintauchen. Dort wird das Raumfahrzeug durch die enorme Reibungswärme, verursacht durch die Abbremsung durch die oberen Luftschichten, in einem riesigen Feuerball aufgehen – ein würdiger Abschluss der Mission, die den Namen eines der Urväter der Urknalltheorie trägt! weiterlesen

Columbus Blog | 06. Oktober 2014 | von Tom Uhlig

Die Nacht vor dem Ausstieg

Alexander Gerst im Raumanzug EMU
Quelle: NASA
"Thumbs up" - Alex ist bereit für sein Abtenteuer im Weltall

Eine Nacht trennt Alex Gerst jetzt noch von einem der absoluten Höhepunkte seines Astronautenlebens. Morgen wird der Geophysiker etwas machen, das nur eine Handvoll Menschen vor ihm erlebt haben: Er wird in seinem Raumanzug aus der Internationalen Raumstation aussteigen und beinahe freifliegend mit 28.000 km/h über die Erde hinwegschweben. Alles, was er in seinem Studium je an Bergen, Kontinenten, Gletschern, Landschaften, Städte, Vulkane kennengelernt hat, wird er unter sich vorbeiziehen sehen. weiterlesen

Columbus Blog | 06. Juni 2014 | von German Zöschinger

PAO-HD-COL EVENT

Ein Astronaut muss vielfältige Fähigkeiten mitbringen. Dazu gehört nicht nur zu wissen, wie man eine Raumstation am Funktionieren hält oder wie man wissenschaftliche Experimente in der Schwerelosigkeit durchführt, sondern dazu gehört auch, mit den Medien so zu kommunizieren, dass die Öffentlichkeit in der Lage ist nachzuvollziehen, was dort oben in der Raumstation getan und gedacht wird.

Alexander Gerst hatte gestern Nachmittag sein erstes große Medien-Ereignis im Rahmen der "Blue Dot"-Mission zu bewältigen: Er stellte sich den Fragen der Vertreter der deutschen Medien. weiterlesen

Columbus Blog | 02. Juni 2014 | von Tom Uhlig

Und die Aussichten für die kommenden Tage: Sonne pur...

Die ersten Schichten mit Alex an Bord - wir sind schon gespannt, wie unsere Kollaboration während der "Blue Dot"-Mission aussehen wird. Trotzdem: Heute ist das Wetter fast zu schön, um den Nachmittag im fensterlosen Kontrollraum zu verbringen - da sind Laura Zanardini und ich uns einig. Glücklicherweise haben wir heute mehrere Abrisse der Funkverbindung mit der ISS  - was uns die Gelegenheit bietet, öfters mal hinauszugehen, denn das ist uns nur in diesem Spezialfall erlaubt.

Draußen kommen wir plötzlich im Gespräch darauf, dass auch die Raumstation zurzeit sehr viel Sonne genießen kann. Laura kann mir auch den Hintergrund erklären, sie hatte vor kurzem sogar einen wissenschaftlichen Artikel mit einer Kollegin hierzu veröffentlicht: weiterlesen

Columbus Blog | 14. Mai 2014 | von German Zöschinger

COL FD Inc Lead H/O today at GMT133/22:36

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)

Dieser kryptische Titel der E-Mail, die mein Flugdirektor-Kollege Maksims Baklanenko vor ein paar Stunden an unser Team verschickt hat, sagt mir, dass für mich heute Nacht um kurz nach halb eins meine Arbeit als leitender Flugdirektor für die Columbus-Belange auf der Raumstation für die nächsten vier Monate beginnen wird. Seit Mitte März hat Maksims diese Aufgabe wahrgenommen und mit dem "Undocking" der Sojus-Kapsel von der Raumstation heute Nacht wird er sie an mich übergeben. weiterlesen

Columbus Blog | 06. Mai 2014 | von Tom Uhlig

Columbus bekommt Augen!

Columbus ist nicht nur innen vollgepackt mit den verschiedensten Elementen, auch auf der Aussenseite des europäischen Weltraumlabors wird Wissenschaft betrieben. Neben verschiedenen Antennen war es insbesondere bisher das Sonnenobservatorium SOLAR, das über eine bewegliche Aufhängung die Bahn der Sonne über den Himmel verfolgt und das Spektrum unseres "Sterns" aufnimmt. weiterlesen