Raumfahrt | 15. April 2015 | von Tom Uhlig | 2 Kommentare

Trainieren für den Ernstfall

Durchlesen der Notfallprozeduren auf der ISS
Quelle: NASA
Das ausführliches Durchlesen der Notfallprozeduren gehört selbstverständlich auch zum "On Board Training".

Üben für den Notfall muss sein - da nehme ich es auch in Kauf, dass die Freiwillige Feuerwehr meines Wohnorts noch zu abendlicher Stunde die Sirene laufen lässt und damit jedes Mal unsere dreijährige Tochter in höchste Aufregung versetzt. Üben müssen auch die Astronauten auf der ISS - denn bei etwa einem Brand auf der Raumstation können ihnen keine hochausgebildeten Rettungskräfte zur Hilfe kommen. Sie müssen im schlimmsten Fall in der Lage sein, ganz auf sich alleine gestellt das Feuer zu löschen und sich vor der Rauchentwicklung zu schützen. Denn dass die Funkverbindung stabil bleibt und damit auch die Experten in den Kontrollzentren beistehen können, davon darf in solch einer Situation nicht zwingend ausgegangen werden.##markend##

In der gestrigen Notfallübung ("On-Board Training" oder kurz "OBT") wurde allerdings zusammen gearbeitet: Sowohl die Astronauten als auch die verschiedenen Kontrollzentren hatten "Regieanweisungen" erhalten. Diese definierten beispielsweise, dass es ein Leck im japanischen Modul der ISS geben sollte, durch das die ISS-Atmosphäre entweicht.

Nachdem der Alarm auf der Raumstation mit seinem penetranten Pipen losgelegt hatte zeigten sich auf den Bildschirmen der Flight Controller zahlreiche Fehlermeldungen, die von der automatischen Rekonfiguration der ISS in einen "Notfallmodus" kündeten. Diese Fehlermeldungen stammten von einem ISS-Simulator, der in Houston stationiert ist. Kurz darauf meldeten sich die Astronauten bei Mission Control Houston mit der Nachricht, dass sie mit einem Druckabfall auf der Raumstation zu kämpfen hätten. Jeder der Funksprüche zwischen der Crew und den Flight Controllern wurde mit den Worten: "For the training exercise" eingeleitet, um sicherzustellen, dass ein gemeinsames Verständnis vorhanden war, dass es sich nur um eine Übung handelte.

Während der Flugdirektor in Houston den "Spacecraft Emergency" erklärte - "for the training exercise" natürlich, also ohne die gesamte Bodenlogistik und die Funkverbindung in den Notfallmodus zu bringen, überprüfte STRATOS Sinje Caldwell-Steffen am Columbus-Kontrollzentrum, ob Columbus sich automatisch richtig für den schnellen Druckabfall (rapid depress) rekonfiguriert hatte. Die Crew traf sich in der Zwischenzeit 400 Kilometer höher bei den Sojus-Raumschiffen im russischen Segment der ISS: Da die russischen Kapseln die Rettungsschiffe der Station sind, in denen für jeden Astronauten ein festgelegter Platz reserviert ist, sind sie üblicherweise auch der erste Anlaufpunkt der Crew in Notfällen. Erst dann wird gemeinsam entschieden, wie man weitermacht, ganz nach dem immer wieder eingebläuten Schema "Warn - Gather - Fight" (einander warnen, sich sammeln, handeln).

Im Drehbuch des gestrigen Trainings konnten die Astronauten die Zeit bis ein kritisch niedriger Druck erreicht werden würde ("T.res"), mit etwa fünf Stunden bestimmen - also Zeit genug, um auf Lecksuche zu gehen und die ISS vielleicht an einem vollständigen "Ausbluten" zu hindern. Hierfür schloss die Crew in einer genau definierten Sequenz die verschiedenen Verbindungsluken, um herauszufinden, auf welcher Lukenseite der Druck weiter abfiel. So konnten sie sich immer näher an das eigentlich leckende Modul herantasten.

Columbus-Flugdirektorin Katja Leuoth und ihr Team hatten derzeit anderweitig zu tun, um mit den fallenden Druckwerten mitzuhalten: In einer langen Liste sind die Minimalluftdruck-Zertifizierungswerte der verschiedenen Columbus-Komponenten aufgelistet und entsprechend mussten diese Elemente abgeschaltet werden, bevor der jeweilige kritische Druck erreicht wurde. Natürlich auch wieder nur "for the training exercise".

Der schnelle Druckabfall ist (neben Feuer und Giftstoffen in der Atemluft) einer der drei großen Notfallszenarien, die für die ISS definiert sind. Je nach Größe des Lecks gibt es Bordmittel, um es zu "stopfen": Vom überdimensionierten Fahrradflicken über eine Art Plastillin bis hin zu einem Zweikomponentenschaum: Praktisch ist, dass beim Anbringen auf der inneren Seite der Raumstation die Abdichtungen durch den gegenüber dem Außenvakuum erhöhten Innendruck quasi von selbst an Ort und Stelle gehalten werden - ein klarer Vorteil gegenüber dem Radreifenflicken auf der Erde…

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Über den Autor

Als Kind wollte Tom Uhlig Astronaut werden. Beim DLR kam er dabei seinem Traum sehr nahe: Er arbeitete als Columbus-Flugdirektor an der Konsole und leitete sowohl das Col-CC-Trainingsteam als auch Gruppe für den Betrieb von geostationären Satelliten bis Dezember 2016. zur Autorenseite

Kommentare

2 Kommentare | RSS-Feed Kommentare
Herr Schmidt
17. April 2015 um 21:44 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren,

es gibt doch immer so ein Mockup, also die ISS auf der Erde nachgebaut. Könnte man nicht eine virtuelle ISS bauen. Dabei schlüpft ein User in den Alltag der ISS und bekämpft alle Gefahren die es gibt.
Gruß H.Schmidt

Tom Uhlig
29. April 2015 um 09:22 Uhr

Lieber Herr Schmidt,
danke für Ihren Kommentar. In der Tat sind wir gerade dabei, genau so einen virtuellen 3D-Simulator zum Üben von Notfallszenarien zu entwickeln. Wir möchten versuchen, ihn dann für das Training unserer Flight Controller zu benutzen: Wenn sie mal in die Rolle der Astronauten schlüpfen können und z.B. ein Feuer auf der ISS mit Unterstützung eines „Trainingskontrollzentrums“ bekämpfen können, dann gehen wir davon aus, dass sich die Strategien und Prozeduren wesentlich besser im Gedächtnis festigen als bei herkömmlichen Frontalunterricht. Wir sollten dann zu gegebener Zeit auch einen Blogbeitrag drüber schreiben...;-)