Energie | 11. April 2013 | von Robert Pitz-Paal | 7 Kommentare

Wie weit ist eigentlich das Wüstenstromprojekt DESERTEC?

Anders als vielfach in der Öffentlichkeit wahrgenommen ist DESERTEC kein Investitionsprogramm von 400 Milliarden Euro oder mehr, bei dem man heute anfängt zu investieren und zu bauen und das in 40 Jahren fertig ist. Es geht vielmehr darum, eine nachhaltige Entwicklung in Gang zu setzen.

Dabei ist es den Akteuren in den letzten vier Jahren  bereits gelungen, zahlreiche Länder in Nordafrika davon zu überzeugen, langfristig in erneuerbare Energie zu investieren. Sie können damit die eigene Importabhängigkeit von Öl- und Gas senken und langfristig einen potentiellen Exportmarkt für preiswerten Solar- und Windstrom nach Europa erschließen. Erste konkrete Solarkraftwerke  mit Gesamtinvestitionen in Milliardenhöhe wurden bereits in Marokko, Algerien und Ägypten gebaut. Auch durch die Initiative der Dii (Desertec Industrial Initiative) sind weitere Ausschreibungen in der Vorbereitung. Regenerativer Strom ist heute noch teurer als fossil erzeugter Strom, daher sind die Projekte auf Unterstützung von internationalen Entwicklungsbanken angewiesen, unter anderem von der KfW.

Strom für Europa im großen Maßstab ab 2030

In den nächsten 10-15 Jahren werden die nordafrikanischen Länder den größten Anteil des Stroms selbst verbrauchen. Der Import nach Europa wird erst nach 2030 in großem Maßstab relevant. Bis dahin werden wir in Europa einen sehr hohen Anteil an fluktuierendem Wind- und Solarstrom im Stromnetz haben. Eine großräumige Vernetzung sowie Solarkraftwerke als regelbare Kraftwerke können das Stromnetz dann kostengünstig stabilisieren. Erste kleinere Referenzprojekte, die die Machbarkeit belegen, könnte es bereits 2020 geben.

Preiswerter erneuerbarer Strom ist aber auch die Basis für eine nachhaltige Versorgung der nordafrikanischen Länder mit Wasser. Dieses braucht die Region zur eigenen Versorgung fast noch dringender als Strom. Damit könnte die Meerwasserentsalzung, die heute nur in den ölreichen Golfstaaten betrieben wird, für alle Länder im mittleren Osten und in Nordafrika (MENA-Staaten) erschwinglich werden und langfristig auch zur Nahrungsmittelproduktion genutzt werden.

DLR unterstützt Marokko beim Aufbau einer Forschungsanlage

Ebenfalls wird in der Öffentlichkeit oft angenommen, DESERTEC sei ein Stromprojekt für Europa. Wir gehen davon aus, dass vor allem die Länder in Nordafrika davon profitieren können. Schon heute beobachten wir einen von Projekt zu Projekt steigenden Anteil an lokaler Wertschöpfung. Das bedeutet neue Arbeitsplätze und weniger Abhängigkeit von Rohstoffimporten. In vielen Ausschreibungen wird ein schrittweiser Technologietransfer erwartet. Wir im DLR unterstützen zum Beispiel die marokkanische Regierung beim Aufbau eigener Forschungs- und Testinfrastruktur. Aber auch die europäische Wirtschaft wird weiter mit etwa 40-50 Prozent Lieferanteil profitieren, da viele Hightech-Komponenten aus Europa stammen. Wir müssen uns klar machen, dass ein Solarkraftwerk bis zu einer Milliarde Euro Investitionen in einem Land auslöst, bis zur Hälfte davon durch lokale Wertschöpfung. Dieses Geld kann dann langfristig beim Kauf von Öl und Gas eingespart werden.

DESERTEC-Projekt: Solarenergie aus der Wüste, Windenergie von den Küsten - Die DESERTEC-Pläne basieren auf drei satellitendatengestützte DLR-Studien. Bild: DLR.

Durch den weiteren Ausbau erwarten wir, dass Solar- und Windstrom schon in den nächsten zehn Jahren für viele Länder günstiger sein wird als Öl und Gas zu Weltmarktpreisen zu importieren. Das wird den weiteren Ausbau beschleunigen. Die Dii hat in den letzten Jahren genauer kalkuliert, was europäische Stromkunden durch den Wüstenstrom sparen, ohne auf Versorgungssicherheit verzichten zu müssen: Es sind immerhin etwa 30 Milliarden Euro pro Jahr. Diese Studie stellt die Kosten einer Versorgung mit erneuerbaren Energien im Jahr 2050  in einem vernetzten (EU -MENA) und einem nicht vernetzten Szenario gegenüber. Für eine Vernetzung muss zwar zunächst investiert werden, langfristig bringt sie aber Vorteile, da weniger Kraftwerke notwendig sind, um die gleiche Energie und Versorgungssicherheit bereit zu stellen.

Prof. Robert Pitz-Paal ist Co-Direktor des DLR-Instituts für Solarforschung, er forscht an der Weiterentwicklung von Solarkraftwerken und ist Autor zahlreicher Studien zu den Potenzialen solarthermischer Kraftwerke

TrackbackURL

Über den Autor

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Robert Pitz-Paal leitet seit Juni 2011 als einer von zwei Co-Direktoren das Institut für Solarforschung. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die technische Analyse und Optimierung von konzentrierenden Solarsystemen zur Strom- und Brennstofferzeugung. zur Autorenseite