Energie Blog | 13. September 2010 | von Jan Oliver Löfken | 2 Kommentare

Energie-Frage der Woche: Welche Rolle spielt Erdgas für die Energieversorgung Deutschlands?

Ob zum Heizen, als Treibstoff oder zur Stromerzeugung mit riesigen Turbinen – Erdgas nimmt eine sehr wichtige Rolle für die heimische Energieversorgung ein. Mit einem Verbrauch von knapp 100 Milliarden Kubikmeter pro Jahr hat sich der Bedarf – und damit auch der Import – seit 1970 fast verdoppelt. Und der Trend weist weiter in diese Richtung. Doch ist eine solche Entwicklung überhaupt sinnvoll?

Das an Methan reiche Erdgas hat gegenüber Erdöl und Kohle entscheidende Vorteile. Es kann in flexibel regelbaren Gaskraftwerken sehr effizient zur Stromerzeugung genutzt werden. Diese können binnen Minuten hochfahren und so Stromengpässe stopfen, die durch Spitzenverbrauch und schwankende Ausbeuten von Windparks entstehen können. Jüngst testete der Siemens-Konzern in Irsching die weltgrößte Gasturbine mit einer Leistung von 340 Megawatt. Gekoppelt mit einer Dampfturbine kann diese Anlage Wirkungsgrade von über 60 Prozent erreichen. Das sind Werte, von denen Kohlekraftwerke nur träumen können.

Montage der von Siemens neu entwickelten und weltweit leistungstärksten Gasturbine im bayerischen Irsching bei Ingolstadt. Bild: Siemens-Pressebild

Montage der von Siemens neu entwickelten und weltweit leistungstärksten Gasturbine im bayerischen Irsching bei Ingolstadt. Bild: Siemens-Pressebild

Erdgas-Reserven für über 100 Jahre

Im Unterschied zum Erdöl ist das maximale Förderpotenzial von Erdgas noch nicht ausgeschöpft. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover (BGR) schätzt das weltweite Gesamtpotenzial an konventionellem Erdgas auf gut 516 Billionen Kubikmeter. Ein Drittel davon seien bereits ausgebeutet. Gefördert werden jährlich etwa 3,1 Billionen Kubikmeter, so dass die Versorgung rein rechnerisch für über 100 Jahre auf der Basis des heutigen Verbrauchs gesichert ist. Die wichtigsten Reserven liegen in Sibirien und im Mittleren Osten. Und noch immer werden neue Vorkommen, wie kürzlich im Nildelta vor Ägypten mit geschätzten sechs Billionen Kubikmetern, entdeckt.

Erdgas und das Klima

Bei der Verbrennung von Erdgas entsteht wie bei allen fossilen Energieträgern auch das Treibhausgas Kohlendioxid. Doch dank der effizienten Gasturbinen ist der Ausstoß pro Kilowattstunde erzeugten Stroms geringer als bei Kohlenkraftwerken. Aus Lecks frei ausströmendes Erdgas hingegen hätte einen großen Einfluss. Denn es besteht hauptsächlich aus Methan, das - einmal in der Atmosphäre verteilt - zur Erderwärmung etwa 25 mal stärker beitragen kann als CO2.

Erdgasreserven: Die wichtigsten Länder und Regionen im Jahr 2008, Bild: Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe

Erdgasreserven: Die wichtigsten Länder und Regionen im Jahr 2008, Bild: Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe

Pipeline, Tanker oder Kühlschiffe

Aufwendig ist allerdings der Transport dieses wertvollen Energieträgers zu den Verbraucherstaaten. Für die EU spielt daher die umstrittene Ostsee-Pipeline, die derzeit auf einer Länge von 1220 Kilometern zwischen Wyborg bei St. Petersburg und Lubmin bei Greifswald gebaut wird, eine wichtige Rolle. Allerdings steigt mit ihr die Abhängigkeit von russischen Gasvorkommen. Daher treibt die EU auch das Projekt "Nabucco-Pipeline" voran. Die Entscheidung über den Bau des 3.300 Kilometer langen, stählernen Lindwurm durch die Türkei und Osteuropa soll noch dieses Jahr getroffen werden. Damit könnten die großen Erdgas-Vorkommen im kaspischen Raum (Iran, Turkmenistan, Kasachstan, Aserbaidschan) für eine sicherere Versorgung Europas ausgebeutet werden.

Weitere Infos zu Erdgasvorkommen:

Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe

Die DLR-Energiefrage der Woche im Wissenschaftsjahr "Die Zukunft der Energie"

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat das Wissenschaftsjahr 2010 unter das Motto "Die Zukunft der Energie" gestellt. Aus diesem Anlass beantwortet der Wissenschaftsjournalist Jan Oliver Löfken in diesem Jahr jede Woche eine Frage zum Thema Energie in diesem Blog. Haben Sie Fragen, wie unsere Energieversorgung in Zukunft aussehen könnte? Oder wollen Sie wissen, wie beispielsweise ein Wellenkraftwerk funktioniert und wie effizient damit Strom erzeugt werden kann? Dann schicken Sie uns Ihre Fragen. Wissenschaftsjournalist Jan Oliver Löfken recherchiert die Antworten und veröffentlicht sie jede Woche in diesem Blog.

Bild oben: Siemens-Pressebild

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Über den Autor

Der Energiejournalist Jan Oliver Löfken schreibt unter anderem für Technologie Review, Wissenschaft aktuell, Tagesspiegel, Berliner Zeitung und das P.M. Magazin. Derzeit diskutiert er im DLR-Energieblog aktuelle Themen rund um die Energiewende. zur Autorenseite

Kommentare

2 Kommentare | RSS-Feed Kommentare
24. September 2010 um 09:43 Uhr

Hallo, es gibt Wasserstoff, Methanol, Ethanol und demnächst Propan als Energieträger für Brennstoffzellen?

Jan Oliver Löfken
24. September 2010 um 09:53 Uhr

Methan oder gar Erdgas kann sehr wohl für Brennstoffzellen genutzt werden. Entweder nutzt man einen Reformer, der zuvor Wasserstoff aus Methan gewinnt oder eine Feststoff-BSZ, die Methan direkt verwerten kann. Besten Gruß, Löfken