Jan Wörner Blog | 08. September 2010 | von Jan Wörner

Geodaten und Beschränkungen

Als am 2. September 2010 gleich mehrere Minister das DLR besuchten (siehe meinen Blogeintrag vom 3. September) ging es unter anderem auch um die Verwendung von Satellitendaten im Rahmen humanitärer und anderer Notfälle. Bilder aus dem All sowie aus anderen Quellen können in schwierigen Situationen einen raschen Überblick sichern und so Hilfsaktionen vorbereiten und unterstützen. Diese wichtige Aufgabe trifft auf den aktuellen Hype um die Frage nach Persönlichkeits- und Bildrechten, nicht nur im Rahmen von Google Street View.

Unsere Welt, unsere Gesellschaft ist jeden Tag Bedrohungen ausgesetzt. Diese Bedrohungen können natürlichen Ursprungs sein, wie beispielsweise im Rahmen von Erdbeben, Vulkanausbrüchen oder Tsunamis. Sie können aber auch durch Menschen, die in krimineller oder militärischer Absicht handeln, entstehen.

Erdbeben in Haiti vom 12. Januar 2010: Satellitenbildkarte zur Schadensbewertung Die aktuelle Diskussion rund um das Thema Google Street View betont in besonderem Maße die Frage der Zulässigkeit von Aufnahmen im öffentlichen Bereich. Nüchtern betrachtet ist diese Diskussion sehr fragwürdig: Jedes Individuum ist in der Lage, im öffentlichen Raum Foto- oder Filmaufnahmen zu machen und diese - unterstellen wir einmal kriminelle oder andere unlautere Absichten - jederzeit gezielt zu realisieren und zu aktualisieren. Aber nicht nur das Recht auf dieser Seite ist von Interesse sondern auch die andere Seite ist zu betrachten: Unsere Gesellschaft hat sich längst daran gewöhnt, beliebig viele Informationen preiszugeben, sobald ein persönlicher Nutzen erwartet wird. Ob Facebook, laute Handy-Gespräche, E-Mails ohne Verschlüsselung oder der offene Umgang mit weiteren modernen Kommunikationsmedien - stets wird der erhoffte Nutzen über das Risiko gestellt. Dabei werden persönliche Daten und Informationen preisgegeben oder sogar gezielt kommuniziert, die weit über das "Foto" eines Gebäudes hinausgehen. Im Zug oder auch im Flughafenbus während der Fahrt vom Vorfeld zum Terminal erfährt man fast alles, was das neugierige Gemüt über Familienverhältnisse, Firmengeschäfte und andere Planungen wissen oder auch nicht wissen möchte. Nur bei den Geodaten, die weit entfernt von individueller Betroffenheit erhoben werden, wird urplötzlich der Ruf nach Personenschutz laut. Ich bin gespannt, wie weit die Diskussion an dieser Stelle noch gehen wird: Nach der Verpixelung digitaler Gebäudeaufnahmen folgt als nächstes vielleicht auch die Forderung nach Verfremdung der Stimme am Telefon, Vermummung der Nachrichtensprecher im Fernsehen oder besser totales Verrauschen der Bild- und Tonsignale, Unkenntlichmachung der Fahrzeugkennzeichen aufgrund der persönlichkeitsverletzender Radarkontrollen und Schwarzfärbung der Ausweispapiere, denn was geht es den Bundesgrenzschutz an, ob ich das Land verlasse oder zurückkomme? Irgendwie wird meiner Ansicht nach mal wieder weit über das Ziel hinausgeschossen, die Balance zwischen legitimem individuellen Persönlichkeitsrecht, allgemeiner Information und öffentlichen Interessen werden stammtischartig verwischt.

Ein verantwortungsvoller Umgang mit Daten muss gleichwohl gesichert sein, um individuelle Rechte zu gewährleisten. Als DLR stehen wir zu dieser Verantwortung und nutzen unsere Möglichkeiten, um in Krisensituationen durch gezielte Informationen zu helfen und humanitäre und sicherheitsrelevante Maßnahmen zu unterstützen. Dies haben beispielsweise sowohl Helfer als auch Betroffene nach dem Erdbeben in Haiti und während der noch andauernden Flutkatastrophe in Pakistan sehr geschätzt. Und auch die Klärung des Ausmaßes der durch den Ausbruch des isländischen Eyjafjalla-Vulkans entstandenen Aschewolke wurde durch entsprechende Satelliten- und Flugzeugdaten erst möglich. Kurzum: Ein Zurückdrehen in die vordigitale Welt ohne Geodaten ist sinnlos und schadet unserer Gesellschaft!

Bild oben: Schadenskarte (Ausschnitt) zur Hochwassersituation in Pakistan, Mianwali/Bhakkar-Distrikt, erstellt am 6. August 2010 durch das Zentrum für Satellitengestützte Kriseninformation (ZKI) des DLR.

Bild Mitte: Satellitenbild-Übersichtskarte (Ausschnitt) zur Schadensbewertung des westlichen Teils von Port-au-Prince, erstellt nach dem Erdbeben in Haiti am 12. Januar 2010 vom Zentrum für Satellitengestützte Kriseninformation (ZKI) des DLR.

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Über den Autor

Im Jan-Wörner-Blog bloggt der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Prof. Dr.-Ing. Johann-Dietrich "Jan" Wörner, selbst - kein Schwindel! Seit dem 01. März 2007 ist er Vorsitzender des Vorstandes des DLR. zur Autorenseite

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