Komm Blog | 04. Januar 2012 | von Henning Krause | 4 Kommentare

Das SpaceTweetup als neues Format der Raumfahrt-Kommunikation

SpaceTweetup. Foto: Simon Bierwald.

Am 18. September 2011, dem Tag der Luft- und Raumfahrt, veranstalteten das DLR und die ESA das erste europäische Raumfahrt-Tweetup. Ein Tweetup ist eine Veranstaltung, bei der sich Benutzer der Social Media-Plattform Twitter treffen. Die ESA und wir hatten unsere Twitter-Follower eingeladen, mehr über die europäische Luft- und Raumfahrt zu lernen, Wissenschaftler und Astronauten zu treffen sowie sich unsere Forschungsanlagen und -flugzeuge anzusehen.

Da mein ESA-Kollege Andreas Schepers und ich das Programm dieses SpaceTweetups zusammen geplant und organisiert haben, war es für mich neben dem Erfolg des Podcasts Raumzeit ein Höhepunkt 2011, auf den ich heute nochmal zurückblicken möchte, auch wenn wir hier im Blog schon einige Beiträge zum SpaceTweetup hatten. Die Idee, ein Tweetup als neues Genre der Social Media-Kommunikation einzusetzen, stammt von der amerikanischen Weltraumbehörde NASA. Veronica McGregor führte das erste NASATweetup im Januar 2009 durch. Seitdem veranstaltet die NASA regelmäßig Tweetups, insbesondere zu Missionsstarts. Mein Chef Marco Trovatello vereinbarte mit den Kollegen der ESA (Fulvio Drigani, Erica Rolfe u.a.) an unserem Tag der offenen Tür das erste Raumfahrt-Tweetup Europas durchzuführen - soweit uns bekannt, überhaupt der erste europäische Tweetup dieser Veranstaltungsform. Über unser kommunikationsstrategisches Interesse an einem Tweetup hatte Marco Trovatello ja hier im Blog bereits berichtet.

Gruppenfoto der 60 Teilnehmer des ersten europäischen SpaceTweetups (Foto: Stefan Meiners)

Blick ins Tweetup-Zelt: Die Teilnehmer sitzen an den Tischen - auf der Bühne: Alois Himmes. (Foto: Stefan Meiners)

Gedränge auf dem DLR-Gelände beim Tag der Luft- und Raumfahrt 2011 (Foto: DLR)

Das SpaceTweetup war zwar Teil des Tags der Luft- und Raumfahrt 2011, zu dem 80.000 Besucher aus ganz Deutschland kamen. Das Tweetup selbst war aber als internationaler Event rein englischsprachig konzipiert. Knapp zwei Monate vor dem Termin luden wir 60 unserer Twitter-Follower ein. Das Interesse überwältigte uns: 418 Menschen aus 29 Ländern meldeten sich für die 60 zu vergebenen Plätze. Sogar aus den USA und Kanada wollten sie anreisen. Letztendlich verteilten wir die 60 Plätze auf Teilnehmer aus den folgenden 13 Ländern: Belgien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Italien, Kanada, Mazedonien, Niederlande, Österreich, Schweiz, Spanien und USA. Die Gruppe war bunt gemischt: ein Drittel Frauen; viele, die noch studieren; einige die man als amtliche Space-Geeks bezeichnen kann und andere, die wir dazu gemacht haben.

Auf der "Zulu-Plattform" können sich die Besucher des Tags der Luft- und Raumfahrt besondere Flugzeuge ansehen: Im Vordergrund der Airbus A380 und die Kanzlerin-Maschine, links das Parabelflugzeug Zero-G und ganze rechts die fliegende Sternwarte SOFIA. (Foto: DLR)

SpaceTweetup-Besichtigung des Airbus A380: "Awesome!" (Foto: Stefan Meiners)

Am 18. September 2011 haben wir den Teilnehmern dann exklusiven Zugang zu unseren Forschungsanlagen gegeben und ihnen ein VIP-Programm mit Vorträgen, Führungen und direktem Austausch mit Forschern und Astronauten geboten. Schon vor der eigentlichen Toresöffnung brachten wir die Teilnehmer auf die so genannte Zulu-Plattform, auf der am Tag der Luft- und Raumfahrt die Forschungsflugzeuge des DLR und viele andere besondere Luftfahrzeuge stehen. Die SpaceTweeps konnten sich dort exklusiv den Airbus A380 und die fliegende Sternwarte SOFIA ansehen. SOFIA war für den Tag der Luft- und Raumfahrt erstmals nach Europa gekommen - auf dem ungewöhnlichen Transferflug begleitete ich einige Journalisten, die den Wissenschaftlern über die Schulter gucken konnten. Der SOFIA-Projektleiter des DLR, Alois Himmes, stellte SOFIA vor und sich dann den Fragen der Tweetup-Teilnehmer.

Alexander Soucek bei seinem mitreißenden Vortrag über Erdbeobachtung (Foto: Simon Bierwald)

Oben: Die ESA-Astronauten Samantha Cristoferetti und Alexander Gerst (Foto: Simona Forti). Rechts SpaceTweetup-Moderator Andreas Schepers (Foto: Simon Bierwald)

Der Hauptteil des SapceTweetups fand in einem Zelt statt. Das Kochrezept eines Tweetup-Zelts für 60 Teilnehmer lautet: Man nehme zehn runde Tische, reichlich Mehrfachsteckdosen, ein passwortgeschütztes und mit viel Bandbreite angebundenes WLAN, eine kleine Bühne mit Bildschirm und Sound-Anlage, einen Moderator (mein ESA-Kollege Andreas Schepers hat das großartig gemacht), einen Catering-Service und 60 motivierte SpaceTweeps. Im Programm ging es neben SOFIA unter anderem um die Themen Internationale Raumstation ISS, Rosetta-Kometenmission und Erdbeobachtung. Bei den Vorträgen von Forschern und Projektmanagern achteten wir darauf, dass es genug Raum für Fragen gab. Da wir versuchen, eine offene und transparente Kommunikation zu pflegen, freuten wir uns auch über scheinbar kritische Fragen einiger Teilnehmer, z.B. zu Verzögerungen in Projekten.

Den Höhepunkt des SpaceTweetups stellen aber wohl die mehrmaligen Besuche von Astronauten im Tweetup-Zelt dar. Insgesamt hatten wir 11 europäische und amerikanische Astronauten vor Ort, da uns sowohl die ISS-Expedition 26/27 Crew als auch die STS-134 Crew sowie weitere ESA-Astronauten besuchten. Die Euphorie der SpaceTweeps erreichte ihren Höhepunkt während des Gruppenfotos mit allen 60 Teilnehmern und uns SpaceTweetup-Organisatoren als unerwartet zahlreiche Astronauten das Zelt betraten und sich spontan mit aufs Gruppen-Foto setzen.

Euphorische Stimmung als während des Gruppenfotos immer mehr Astronauten das SpaceTweetup-Zelt betreten und sich spontan zu den Teilnehmern setzen (Video: Arvid Bux)

Astronauten ganz nah (Foto: ESA)

Mein persönlicher Lieblingsmoment des SpaceTweetups war aber erst kurz danach. Auf ihrer "post mission tour" hatten die Astronauten nur etwa 30 Minuten Zeit für das SpaceTweetup. In der Vorbereitung hatte ich die Idee, in diesem Programmteil keine klassische Frage-und-Antwort-Runde zwischen Bühne und Publikum zu machen, bei der maximal je ein Teilnehmer und ein Astronaut gleichzeitig aktiv sein können, sondern ein Format, das besser zu dem Aspekt des Auf-Augenhöhe-Kommunizieren von Social Media passt. Und so verteilten wir die Astronauten an die Tische, so dass sich die SpaceTweeps mit den Astronauten im Verhältnis von etwa 1:6 persönlich unterhalten konnten. Die Stimmung im Zelt in diesem Moment war ganz besonders.

Oben: Autogramm für den jüngsten SpaceTweetup-Gast - rechts: Beth Beck und Stephanie Schierholz stellen die Social Media-Kommunikation der NASA vor. (Fotos: ESA)

Besonderer Dank gebührt Beth Beck und Stephanie Schierholz. Die beiden Social Media-Manager der NASA sind extra für das SpaceTweetup nach Europa gereist, um uns zu unterstützen und von ihren Erfahrungen mit Social Media in der Raumfahrt-Kommunikation zu berichten. Den Abschluss des SpaceTweetups bildeten Exkursionen zur Human-Kurzarmzentrifuge des DLR und ins Europäische Astronauten-Zentrum der ESA.

Bemerkenswert fand ich die Selbstorganisation der Teilnehmer. Nachdem wir im Vorfeld der Veranstaltung ein SpaceTweetup-Wiki aufgesetzt hatten, tauchte sofort die Idee einiger Teilnehmer auf, sich schon am Vortag zu treffen, um gemeinsam eine Sternwarte zu besuchen. Daran nahmen auch viele von weit her angereisten SpaceTweeps teil. Die 60 Teilnehmer bereiteten sogar ein Geschenk für uns Organisatoren vor - ein Plakat, auf dem alle unterschrieben -, für das wir uns nochmals ganz herzlich bedanken!

Das SpaceTweetup ist in zahlreichen Fotos dokumentiert, z.B. von @Unkreativnet, @SimSullen, @DanielScuka und im Flickr-SpaceTweetup-Pool. Außerdem gibt es viele (Blog-)Berichte auf deutsch: ZDF Hyperland, Rhein-Zeitung, von Andreas Schepers, @Unkreativnet, Daniel Fischer und Karl Urban sowie auf englisch von @akanel auf Space Tweetup Society, @mfrissen, Beth Beck, @unkreativnet, @olidax im OEWF-Blog, Camilla SDO und Marco Trovatello. Das 4 Stunden lange Video des Bühnenprogramms gibt es bei der ESA.

Livestream des SpaceTweetup-Programms (Foto: Simon Bierwald)

"SpaceBarbies" beim SpaceTweetup (Foto: Simon Bierwald)

Das SpaceTweetup-Team von DLR und ESA (Foto: Simon Bierwald)

Wir betrachten das erste europäische SpaceTweetup als vollen Erfolg. Das Tweetup ist ein tolles neues Format der Wissenschaftskommunikation. Man erzielt durch den Multiplikationseffekt der Follower eine ungeheure Reichweite. Hierzu wird Marco Trovatello demnächst noch einige Details bloggen. Unsere Lessons learnt: Wir würden fast alles nochmal genau so machen. Am Anfang des Events würden wir allerdings eine Vorstellungsrunde aller Teilnehmer und Mitarbeiter einbauen. Und wir würden auf ein oder zwei Themen verzichten, um mehr Raum für die Interaktion der Teilnehmer untereinander zu schaffen. Außerdem wäre ein noch höherer Anteil von Teilnehmern wünschenswert, die nicht ohnehin schon tief im Thema Raumfahrt engagiert sind. Wir hoffen bei der nächsten Einladungsrunde also auf einen noch breiteten Interessentenkreis zu treffen. Denn: Das nächste SpaceTweetup kommt garantiert! Meine persönliche Lessons learnt lautet: immer Gaffa dabei haben. Und ich bitte alle Interessierten weiterhin um Feedback zu meinem Aufruf, dass wir an Ideen und Vorschlägen zu neuen Formaten der Online-/Social Media-Kommunikation für Wissenschaft und Raumfahrt sehr interessiert sind.

"Awesome!" - Gruppenfoto mit Astronauten (Foto: ESA). Bildquellen: Simon Bierwald, Stefan Meiners, Simona Forti, DLR, ESA.

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Über den Autor

Henning Krause arbeitete bis Juli 2012 als Online-Redakteur und Manager des DLR Web Portals. Außerdem ist er Internet-Bewohner, Exil-Hamburger, Radfahrer und bekennender Milchtrinker. Seit August 2012 ist er Social Media-Manager bei der Helmholtz-Gemeinschaft. zur Autorenseite

Kommentare

2 Kommentare | RSS-Feed Kommentare
Stefan
04. Januar 2012 um 16:52 Uhr

Der Text ist gut und richtig. Er hat aber das gleiche Problem wie alle Texte und alle Fotos, die es vom #spacetweetup bei Euch gegeben hat: Es kommt nicht annähernd rüber, wie unglaubliche #AWESOME der Tag gewesen ist. Und ich werde nicht der Einzige sein, der noch Tage später alle die es hören wollten und alle die es nicht hören wollte damit zugelabert hat, wie unglaublich geil das gewesen ist. In diesem Sinne noch mal ein RIESEN DANKE an die Organisatoren, die das alles möglich gemacht haben. Und das DLR, dass das Spielchen mitgemacht hat.

SimSullen
11. Januar 2012 um 01:35 Uhr

genau das, was stefan sagt!
und auch von mir nochmal: DANKE!