Luftfahrt | 29. August 2014 | von Peter Pletschacher | 6 Kommentare

Ohains erstes Strahltriebwerk als technologische Pionierleistung

Quelle: Privat
Nach dem Erstflug wird Hans von Ohain von Heinkel-Mitarbeitern gefeiert

Die Erfindung des Strahltriebwerks durch Hans von Ohain war zweifellos die wichtigste Innovation der Luftfahrt. Die Technologie des Flugzeugantriebs mit Kolbenmotoren und Propellern war in den 1930er Jahren an ihre technischen Grenzen gestoßen, und ohne die Revolution der Jets wäre der heutige globale Luftverkehr nicht denkbar. Das gleiche Grundprinzip der Gasturbine wird aber auch in allen Turboprop-Flugzeugen und als Antrieb von Hubschraubern angewandt.

Ohain hat versucht, mit einfachsten Mittel nachzuweisen, dass der Strahlantrieb für Flugzeuge möglich ist. Er wählte deshalb die Bauart mit einem Radialverdichter, während Junkers und BMW später mit Axialverdichtern arbeiteten, die allerdings einen wesentlich höheren Entwicklungsaufwand erforderten. Bei seinem letzten und leistungsfähigsten Triebwerk He S011 im Jahr 1944 kombinierte von Ohain die radiale und axiale Bauart und schuf damit erstmals ein Standard-Konzept, das heute als Antrieb in allen Business-Jets, Turboprop-Flugzeugen und Hubschraubern angewandt wird. Nur die Strahltriebwerke hoher Leistung für größere Jets arbeiten mit reinen Axialtriebwerken. Zu Ohains Konstruktionsprinzipien, die heute noch als technologischer Standard für sämtliche Triebwerke gelten, gehört aber auch die Ringbrennkammer mit einem einzigen Brennraum, während andere Hersteller viele Jahre lang Einzelbrennkammern wählten, die heute längst obsolet sind.##markend##

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Das erste Düsenflugzeug der Welt: Die Heinkel He 178 beim Start

Wie weit die Kreativität Hans von Ohains reichte, beweist auch ein Patent aus dem Jahr 1939, in dem er erstmals das Zweikreistriebwerk vorschlug, das erst in den 1960er Jahren technisch realisiert wurde und seitdem zu den heutigen Fantriebwerken mit hoher Schubkraft bei geringem Verbrauch und niedrigem Lärmniveau führte. Zudem erfand von Ohain in diesem Patent auch den Getriebefan, der heute zu den jüngsten technologischen Errungenschaften zählt und im Airbus A320neo sowie in vier weiteren Flugzeugprogrammen in Kanada, Brasilien, Russland und Japan als Antrieb dient. Dabei werden die Drehzahlen der ersten Verdichterstufe, des Fans, und der Turbine entkoppelt, so dass sie effizienter arbeiten können. Auf der Basis dieses Patents entstand bei Heinkel das Triebwerksprojekt He S10, das allerdings nicht realisiert wurde.

Die bahnbrechende Pionierleistung des damals jungen Physikstudenten Hans von Ohain ist auch ein Beispiel dafür, dass Innovationen nicht immer nur in staatlich geförderten Technologieprogrammen entstehen können.

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Über den Autor

Peter Pletschacher ist Geschäftsführer der Aviatic Verlag GmbH, die neben Buchproduktionen das DGLR-Magazin "Luft- und Raumfahrt", das "REUSS Jahrbuch der Luft- und Raumfahrt" und den wöchentlichen Info-Dienst "Flugpost" publiziert. Seit 1982 ist er auch Präsident des Luftfahrt-Presse-Clubs e.V. (LPC). zur Autorenseite