Energie | 25. Juli 2013 | von Jan Oliver Löfken | 5 Kommentare

Desertec: Die Wüstenstrom-Idee lebt

Wer auf die Schlagzeilen der vergangenen Wochen schaut, könnte den Glauben an die faszinierende Wüstenstrom-Idee verlieren. So wurde das Industriekonsortium Dii von Austritten, inneren Querelen und Streit um Führungspositionen heftig in seinen Grundfesten erschüttert. Einen Höhepunkt setzte die Desertec Foundation als Vordenker der Wüstenstrom-Idee, als sie ebenfalls ihre Mitgliedschaft in der Dii aufkündigte. Doch der Traum von Solar- und Windstrom aus den Wüstenregionen der Erde ist damit nicht ausgeträumt. Ganz im Gegenteil.

Die Querelen um das Industriekonsortium Dii haben wenig mit der großen Desertec-Vision zu tun.

Vor fast exakt vier Jahren gelang es dem Industriekonsortium Dii, die Wüstenstrom-Ideen einer sehr breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Mit namhaften Industrieunternehmen im Rücken wurden konkrete Zahlen zu den Kosten genannt, um Europa mit grünem Strom aus Nordafrika in Zukunft versorgen zu können. Die Presse sprang auf und schnell waren Abermillionen von Bürgern vom Wüstenstrom begeistert. Doch die Folgejahre lieferten wenig Konkretes, dafür aber immer mehr über Strategiewechsel oder schwierige Diskussionen.

Kaum ein Journalist machte sich die Mühe, zwischen dem Industriekonsortium Dii und den Vordenkern der Desertec-Vision – die sich auch zahlreich unter DLR-Forschern finden – zu unterscheiden. Schien ja auch nicht wichtig. Doch dafür fällt nun die interne Dii-Krise auf die gesamte Wüstenstrom-Bewegung zumindest in Deutschland zurück. Und das zu Unrecht. Denn längst haben Staaten in Nordafrika – allen voran Marokko – das Potenzial von Wind und Sonne auf ihrem Gebiet erkannt. Die ersten Windparks und Solarkraftwerke stehen, eine größere Unabhängigkeit von Energieimporten wird angestrebt. Selbst die ölverwöhnten Staaten Katar und Saudi Arabien setzen in Zukunft verstärkt auf die erneuerbaren Energiequellen. Wann weitere Staaten wie Libyen und Ägypten folgen werden, ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit.

Der Austritt der Desertec Foundation ist daher ein wichtiger Schritt, um die Ursprungsidee von Desertec nicht aus dem Auge zu verlieren. Es ist nur sinnvoll, dass das Dii dabei als genau die Einrichtung deutlich wird, die sie ist: Ein Interessensverband der beteiligten Industrieunternehmen. Nun können die Vordenker unbelastet den Ausbau der Desertec-Vision und auch den in Zukunft immer noch sinnvollen Export etwa nach Europa ins Auge fassen. So zeigte jüngst eine DLR-Studie, dass Wüstenstrom im Unterschied zu heimischen Wind- und Solarstrom durchaus als kostbarer Regelstrom in ein europäisches Netz eingespeist werden könnte. Und auch für weitere Wüstenregionen rund um den Globus stößt die Desertec-Idee auf immer mehr Mitstreiter.

Die Dii wird in Zukunft als Verband der Industrie wieder eine aktive Rolle spielen können, sobald es zu einer schlüssigen und klaren Linie zurückgefunden haben wird. Es steht außer Frage, dass die Verfechter der Desertec-Idee einen hohen Nutzen vom Industriekonsortium haben: ohne dessen 2009 gestartete PR-Kampagne, wäre die breite Öffentlichkeit nicht in diesem Maße erreicht worden. Forscher und Politiker haben davon gelernt. So bestätigte das Auswärtige Amt kürzlich, die Desertec Foundation weiter zu unterstützen: Hochkarätig besetzte Desertec-Dialoge werden bald in Marokko und Tunesien stattfinden. Das Projekt Wüstenstrom wird mit und ohne Dii weiterverfolgt werden.

Über den Wissenschaftsjournalisten Jan Oliver Löfken im DLR-EnergieBlog

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Über den Autor

Der Energiejournalist Jan Oliver Löfken schreibt unter anderem für Technologie Review, Wissenschaft aktuell, Tagesspiegel, Berliner Zeitung und das P.M. Magazin. Derzeit diskutiert er im DLR-Energieblog aktuelle Themen rund um die Energiewende. zur Autorenseite