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Soccer - Verkehrsdatenerfassung aus der Luft während der Fußball-WM

Reportage: Zwei Augen für den Bussard

10. Mai 2006

Baden-Württembergischer Polizeihubschrauber bekommt Sensorsystem zur Verkehrsbeobachtung

Die Erlaubnis des Innenministeriums liegt vor, der Leiter der Hubschrauberstaffel weiß Bescheid: Der Testeinbau des DLR-Verkehrsbeobachtungssystems in einen Hubschrauber der Baden-Württembergischen Polizei soll dokumentiert werden. Redakteurin, Fotograf und Kamerateam erhalten eine Sondergenehmigung und können das Wissenschaftler-Team des DLR bei seiner Arbeit im Hangar begleiten. Die Mitarbeiter des DLR-Instituts für Verkehrsforschung (Verkehrsstudien, Optische Informationssysteme) wollen mit dem Test der Realisierung ihres Forschungsprojektes "Soccer" ein gutes Stück näher rücken, das die Erfassung und Verarbeitung von Verkehrsdaten während der Fußballweltmeisterschaft vorsieht. Die Hubschrauberstaffel der Polizei will mit der neuen Technik aus dem DLR das Verkehrsmanagement qualifizieren.

Bildergalerie: Technikeinbau in den Hubschrauber - Öffnen
Der Abend des 14. März 2006 gehört unverhofft mir. Die Verabredung mit Martin Ruhé platzt. Um 20 Uhr, als wir uns eigentlich zu einem Vorgespräch in der Stuttgarter Innenstadt treffen wollten, arbeitet er gemeinsam mit seiner DLR-Projektgruppe Soccer noch bei der Hubschrauberstaffel hinter dem Stuttgarter Flughafen. Er will sicher gehen, dass für den Testeinbau am Folgetag alles optimal vorbereitet ist. Er weiß: Sie haben nur diesen einen Tag. Dann muss der Hubschrauber MD 900 Explorer wieder für polizeiliche Aufgaben einsatzbereit sein.

Also suche ich mir ein Bistro in der Stuttgarter Fußgängerzone, bestelle einen Tee und lese mich noch einmal in die Unterlagen ein: Was anlässlich des Weltjugendtages 2005 in Köln auf einem Zeppelin begann, soll zur FIFA-Weltmeisterschaft an drei Standorten fortgesetzt werden: Die Verkehrsdatenerfassung aus der Luft mit dem Ziel, das Verkehrsmanagement mit daraus errechneten Vorhersagen zu unterstützen. Während dies in Berlin von einem Kleinflugzeug und in Köln wieder vom Zeppelin aus geplant ist, wird in Stuttgart ein Polizeihubschrauber zur Plattform für die DLR-Technik umgerüstet.

 Polizeihubschrauber bereit zum Einbau der DLR-Technologie
zum Bild Polizeihubschrauber bereit zum Einbau der DLR-Technologie

Für den nächsten Tag, der wieder winterlich kalt zu werden verspricht, steht auf dem Programm, den Träger der Kameratechnik außen an den Hubschrauber zu montieren, die Verarbeitungstechnik für die Bilddaten im Inneren des Fluggerätes zu installieren, die Verbindung zum Monitor des Piloten herzustellen und schließlich die Datenübertragung auf den Boden zu testen. Ein anspruchsvolles Programm, in dem nicht nur die Technik, sondern auch das Zusammenspiel der handelnden Personen funktionieren muss. Ich bin gespannt.

Die Wachposten am US Army Airfield interessieren sich wenig für die zwei Gäste, die zur Hubschrauberstaffel Baden-Württembergs wollen. Sie schauen zu, wie wir telefonieren und uns kurze Zeit später ein Kleintransporter der Hubschrauberstaffel mit erhobener Grußhand in Richtung der Wachposten abholt. "Anders als mit mir kommen Sie hier nicht rein", erklärt der Fahrer und signalisiert damit, dass die 'Taxi'-Fahrt zum 1.500 Meter entfernten Domizil der Hubschrauberstaffel nicht weiter stört.

"Heute ist Großkampftag bei uns", begrüßt uns der Technische Leiter der Hubschrauberstaffel, Polizeihauptkommissar Bernd Wilhelm, als wolle er sich für die Unruhe im Empfangsraum entschuldigen. "Wir platzen aus allen Nähten, deshalb werden neben der Flughalle Büro-Container aufgestellt. Die EDV-Techniker sind auch im Haus und eure Wissenschaftler", sagt er im Gehen über die Schulter zu uns blickend. Dann verschwindet er noch einmal kurz - nicht ohne uns zuvor einen heißen Kaffee einzugießen. Polizeidirektor Volker Erlewein, der die Staffel leitet, übernimmt.

Kamerasystem vor dem Einbau
zum Bild Kamerasystem vor dem Einbau

Einen seiner Hubschrauber mit Sensoren zur zeitnahen und genauen Lagedarstellung auf den staugeplagten Straßen im Großraum Stuttgart auszurüsten, ist ihm ein wichtiges Anliegen. Die DLR-Technik soll hier auch nach der FIFA-Weltmeisterschaft wertvolle Dienste leisten. Noch bevor ich Weiteres fragen kann, kommt von Bernd Wilhelm das Signal zum Beginn der Arbeiten am Hubschrauber. Wir passieren abermals den Flur und den Haupteingang, wo sich das Gewusel inzwischen wie von Zauberhand gelegt hat, und kommen in die Hubschrauberhalle. Auf der Hallenfläche von der Größe eines Handballfeldes steht 'unser' Hubschrauber MD900 mit dem taktischen Rufnamen Bussard 807.

Die Kollegen aus dem Berliner DLR-Institut für Verkehrsforschung haben ihre Geräte-Kisten bereits ausgepackt. Martin Ruhé bestätigt uns das Tagesprogramm, stellt kurz das Team vor und dann schlüpfen wir in die Rolle der stillen Beobachter. Möglichst wenig stören heißt nun die Devise. Ich versuche mich mit einem Schulter-Blick auf die Baupläne des ANTAR-Systems (Air borNe Traffic AnalyzeR) zu orientieren … Neben dem Tisch mit den Ordnern, die Projektpläne und die Hubschrauberstammdaten in sich bergen, sitzt Dr. Sergey Zuev. Gemeinsam mit Christian Walter von der Gilchinger Firma CAM, die vom DLR mit der Konfiguration des Datenübertragungskanals vom Hubschrauber zum Boden beauftragt ist, diskutiert er die Anforderungen an die Sendeantenne auf dem Hubschrauber.

 Der erste Schwenk des Kamerasystems
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Währenddessen wird im Hubschrauberinnenraum der so genannte Geräteträger auf den Sitzschienen montiert. Das elektronische Gehirn des Systems ANTAR bekommt Stromanschluss, wird mit der GPS-Antenne verbunden und an die Kameras gekoppelt. Um den Anschluss zum Monitor im Cockpit kümmert sich Polizeihauptkommissar Wilhelm selbst.

 Aerodynamische Hülle für die Sensoren
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Die neuen Maschinen - äußerlich am fehlenden Heckrotor zu erkennen - sind noch nicht lange im Besitz der Staffel. Wilhelm ist stolz auf sie, wacht über jeden Handgriff. Für die Arbeiten im Cockpit lässt er sich nicht das Zepter aus der Hand nehmen, taucht selbst in das Kabeldickicht hinter dem Monitor ein und bestätigt schließlich fast beiläufig: "Monitor-Signal okay".

Inzwischen hat sich Martin Ruhés Kollege Ronny Terzer, der eben noch an der Rechnereinheit im Hubschrauber hantierte, schon den Kameraträger vorgenommen. An den kreisrunden, etwa 25 Zentimeter hohen Trägerfuß, den die Experten Adapterplatte nennen, sind bereits die beiden Sensoren montiert: Die optische und eine Wärmebildkamera sind schwenkbar daran angebracht. Fast unbemerkt wird am Steuerpult der Kameraschwenk aktiviert. Dann sehen wir Ronny Terzer, der zuvor seine ganze Aufmerksamkeit auf die Technik konzentriert hatte, erstmals aufblicken und leicht lächeln. "Die Funktionalität der Schwenk-Neigeeinrichtung über Betätigung des Steuerungspultes wurde erfolgreich getestet", wird nachher im Protokoll zu lesen sein.

Stirnrunzeln allerdings noch bei Wolfgang Schlossmacher. Er muss für sein Ingenieurbüro in Unterschleißheim letztlich für die Zulassung des ungewöhnlichen Anbaus an die Kufenhaltestange vorn rechts unterschreiben. Das kann er so, wie die Kameras jetzt da hängen, noch nicht tun. Zwar sind sie sicher angebracht, doch brauchen sie ein Gehäuse, damit der Hubschrauber in seiner Aerodynamik nicht negativ beeinflusst wird. Nachdem Schlossmacher gemeinsam mit den DLR-Ingenieuren und dem technischen Leiter der Hubschrauberstaffel die Details der zu produzierenden Kamerahaube besprochen haben, geht es an die nächste Aufgabe.

 Premierenflug mit Kameras unter dem Bug
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Die Kamerakabel, die von außen an der Kufenhalterung entlang nach innen zur Rechnereinheit führen, müssen nicht nur sorgfältig zu einem Kabelbaum zusammen gebunden werden, sie sind auch in einen wasserfesten Schlauch zu hüllen und schließlich durch einen "Zellendurchbruch" ins Innere zu verlegen. Bernd Wilhelm macht auf die Notwendigkeit eines schnellen Ein- und Ausbaus der Technik aufmerksam. Da kann man nicht erst aufwendig den Kabelbaum auspacken und auseinander nehmen. Eine Idee haben die DLR-Wissenschaftler schnell anzubieten. Doch dazu muss der Kabelbaum nach der Trennung von Kameras und Rechnereinheit am Hubschrauber verbleiben. Die perfekte Lösung dafür wird noch gefunden werden. Bernd Wilhelm und Ronny Terzer haben da schon eine Idee …

Problemlos funktioniert indessen das grafische Nutzer-Interface der DLR-Software auf dem Monitor des Hubschraubers. Die Signalwandlung klappt einwandfrei. Über die Statusanzeige "Transmission" allerdings stolpert der Flugtechniker und Prüfer Wilhelm. Er assoziiert mit dem Begriff die Kraftübertragung des Getriebes - für die DLR-Wissenschaftler ist damit die Datenübertragung gemeint. Schmunzeln ob des Missverständnisses. Nach kurzer Denkpause einigt man sich darauf, in der DLR-Software für "Transmission" den Begriff "Data Down Link" einzuführen, damit die spätere Bedienung für die Piloten eindeutig ist. All die anderen Funktions- und Fehlermeldungen sind okay, bestätigt Wilhelm.

Doch funktioniert auch die ganze Signalübertragungskette vom Kamerabild über den Rechner und die Antenne zum Boden? Ein Experiment soll das zeigen: Ein Versuchsaufbau  für Sendung und Empfang wird improvisiert. Der Hubschrauber muss dazu die warme Halle verlassen. Er wird aufs Vorfeld geschleppt. Nach wenigen Handgriffen steht das Kamerabild (meine gestiefelten Füße, die ausnahmsweise das Flugvorfeld betreten durften, bekommen jetzt eine Komparsenrolle). Die Sendeantenne wird angelegt. Im Hangar wird eine WLAN-Richtfunkstrecke aufgebaut und zur Simulation der Entfernungen in künftigen realen Einsätzen eine künstliche Signaldämpfung vorgenommen. Dann folgt der kurze Test.

 Neue Bilder für die Verkehrsbeobachter
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Martin Ruhé, ansonsten die Ruhe selbst, hat es jetzt eilig, das Cockpit des Hubschraubers zu verlassen, wo er eben noch mit Bernd Wilhelm die Bedienung durch den Co-Piloten durchspielte. Er läuft zum Hangar, um zu erfahren, wie die Kamera-Signale vom Hubschrauber angekommen sind. Die Techniker in der Halle nicken unaufgeregt. Die Sendung vom Bord-PC in einer Sequenz von 1.000 Bildern mit der Übertragungsrate von 5 Bildern pro Sekunde war erfolgreich. "Wir haben kein einziges Bild verloren", berichtet Bernd Wilhelm am Abend dem Leiter der Hubschrauberstaffel. Von der Verantwortung für diesen Teilerfolg des DLR-Forschungsprojektes Soccer trägt der Polizeihauptkommissar inzwischen einen wichtigen Teil mit.

Bis zum Einsatz während der Fußball-Weltmeisterschaft bleibt noch allerhand zu tun. Die Bodenempfangsstation ist einzurichten. Das Funktionieren des Gesamtsystems im Flug muss noch nachgewiesen werden. Viel Zeit zum Aufatmen bleibt nicht. Noch am Abend dieses 15. März 2006 wird die ganze Technik wieder ausgebaut, in die Kisten verstaut und zurück in die Labor-Räume des DLR in Berlin-Adlershof gebracht. Der Morgen des 16. März 2006 beginnt für Martin Ruhé nach kurzer Nacht sehr früh: Ein Gespräch über den Zeppelin-Einsatz in Köln steht an. Martin Ruhé hat nicht viel Zeit für Ruhe in diesen Tagen …

Cordula Tegen
Redakteurin, DLR-Unternehmenskommunikation


Erstellt am: 10.05.2006 15:40:00 Uhr