News-Archiv 2007

Über sichtbare und unsichtbare Grenzen hinweg - Interview mit Prof. Johann-Dietrich Wörner

20. Dezember 2007

 'Meine Rezeptur sieht einfach aus' - Prof. Johann-Dietrich Wörner
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Im Interview zum Jahresende 2007 spricht der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Prof. Dr.-Ing. Johann-Dietrich Wörner, über seine ersten zehn Monate im Amt. Wörner würdigt die Tradition des DLR und die Zukunftsperspektiven für die Forschung in den Bereichen Luftfahrt, Raumfahrt, Energie und Verkehr. Die Columbus-Mission steht unmittelbar bevor: Sie wird Grenzen überschreiten und neue Erkenntnisse bringen. Das DLR sieht Wörner für die Zukunft bestens gewappnet.

Herr Prof. Wörner, dieses Jahr feiert das DLR 100 Jahre Luft- und Raumfahrtforschung in Deutschland. Welches waren die bedeutendsten Erfolge des DLR im vergangenen Jahrhundert?

Wörner: Das lässt sich einfach und geradezu schlicht beantworten: Der bedeutendste Erfolg des DLR ist seine Existenz. Genau: Die Tatsache, dass es in Deutschland und für Deutschland nun ein Jahrhundert lang eine Luft- und Raumfahrteinrichtung gibt (Raumfahrtforschung existiert seit den 1920-er Jahren), in der universitäre Forschung, staatliche Forschung und die Arbeit einer Großforschungseinrichtung institutionell verbunden sind. Wo bitte auf der Welt gibt es das sonst noch mit so langer Tradition?

In Deutschland hält das aber nicht nur bereits ein Jahrhundert: Die deutsche Luft- und Raumfahrtforschung hat auch fünf verschiedene Regierungsformen überdauert. Vom Kaiserreich über Weimar, zwei Diktaturen bis hin zur geeinten Republik – das steht auch für die Demokratisierung der Forschung.

 Vorstandsvorsitzender Wörner
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Natürlich möchten Sie mit Ihrer Frage auf einzelne Glanzpunkte hinaus. Aber genau im Kleinen liegt unsere Größe: Das DLR (respektive seine Vorläufer) konnte und kann nur Großes hervorbringen, weil wir der Forschung im Kleinen, also der jedes einzelnen, ihren Wert beimessen. Ich kann das pointiert ausdrücken: Im Kleinen sind wir groß, das Große kann bei uns sehr klein sein.

Lassen Sie mich bitte auch meinen Anfangsgedanken pointieren: Unser Erfolg heißt Fortschritt. Fortschritt hat bei uns Tradition, mehr als hundert Jahre bereits. Und ich verspreche: Wir bleiben so gesehen sehr "traditionell"!

Am 10. Januar 2008 soll das Space Shuttle Atlantis das europäische Forschungslabor Columbus zur Internationalen Raumstation bringen. Was ist das Besondere an Columbus?

Wörner: Sein Name: Columbus. Der ist nämlich Programm. Wie der einstige Entdecker Kolumbus, so überschreitet auch Columbus Grenzen. Die einen sind sichtbar. Darüber fliegt das Labor hinweg. Kein Zöllner, kein Grenzbaum kann Columbus und die ISS aufhalten. Die anderen Grenzen sind unsichtbar. Es sind die unseres Wissens. Wir wissen zwar noch nicht, welche Erkenntnisse uns die Forschung mit Columbus bringt. Aber wir wissen, dass wir neue Erkenntnisse gewinnen werden. Vielleicht meinen wir, nach Indien zu reisen, und wir entdecken Amerika...

Konkret: Das europäische Weltraumlabor lässt Forschung in Schwerelosigkeit auf höchstem Niveau zu. Auf der ISS herrschen Bedingungen, die auf der Erde nicht herstellbar sind. Das öffnet Perspektiven – von der Materialforschung über die Lebenswissenschaften bis zur Grundlagenforschung. Mit seinem Beitrag ist Deutschland hier übrigens nicht nur an herausragender, sondern an führender Stelle in Europa!

 Johann-Dietrich Wörner: 'Unser Erfolg heißt Fortschritt'
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Vor zehn Monaten haben Sie den Vorstandsvorsitz des DLR übernommen. Was hält die Zukunft für das DLR bereit?

Wörner: Nach einem beliebten "On dit" hat die Gegenwart ohne Vergangenheit keine Zukunft. Meine Rezeptur sieht einfach aus: Man nehme ...

... aus der Vergangenheit: die hervorragenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, exzellente Forschung und Entwicklung, beste nationale und internationale Netzwerke sowie eine gute Prise forscherische Individualität – damit ist das DLR für die nächsten hundert Jahre bestens gewappnet. Mindestens, behaupte ich mal.

... für die Zukunft: Der Senat hatte mich beauftragt, zügig Vorschläge für eine neue Struktur des DLR zu machen. Wir haben das in meinen ersten Monaten im Amt gemeinsam entwickelt. Auf der Jahreshauptversammlung 2007 sind diese Vorschläge für eine strukturelle und teilweise programmatische Neuausrichtung beziehungsweise Fortentwicklung verabschiedet worden. Ich nenne das Feintuning von bereits Bestehendem, ausgerichtet an den Herausforderungen der Gegenwart, um diejenigen der Zukunft zu bestehen.

Lassen Sie mich es bildlich sagen: 1969 flog die erste Boeing 747. B 747-Machinen fliegen auch heute noch. Nur: In technischer Hinsicht sind sie nicht mehr mit dem Ursprungstypus identisch. Und außerdem haben wir mittlerweile Airbus.


Kontakt
Henning Krause
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

Kommunikation

Tel: +49 2203 601-2502

Fax: +49 2203 601-3249

E-Mail: henning.krause@dlr.de
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Texte zu diesem Artikel
Prof. Dr.-Ing. Johann-Dietrich Wörner - Vorsitzender des Vorstands (http://www.dlr.de/desktopdefault.aspx/tabid-624/1045_read-7827/usetemplate-print/)