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News-Archiv Weltraum bis 2007

Eine Legende wird 50: Der Weltraumbahnhof Baikonur

1. Juni 2005

'Grundsteinlegung' für den Weltraumbahnhof Baikonur
zum Bild "Grundsteinlegung" für den Weltraumbahnhof Baikonur

Eigentlich ist es nur ein Schwarz-Weiß-Foto, das zeigt, wie zwei Soldaten mitten in der Steppe einen Holzpflock einschlagen. Und doch ist es ein Zeitdokument, denn dieser Holzpflock war der Mittelpunkt, um den herum das Kosmodrom Baikonur entstand.

Mitten in der kasachischen Steppe: Baikonur. Das ehemalige Bergarbeiterstädtchen liegt an der Bahnstation Tjuratam, ganz in der Nähe des Weltraumbahnhofs gleichen Namens am Fluss Syr-Darja. Heute eine Stadt, in der die Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler des Kosmodroms mit ihren Familien leben. Zu den aktivsten Zeiten lebten und arbeiteten hier 150.000 Menschen, heute sollen es noch rund 50.000 sein. 2.100 Kilometer südöstlich von Moskau gelegen ist das Kosmodrom mit seinen 6717 Quadratkilometern eine Legende und der größte Weltraumbahnhof der Welt. Die Ausdehnung beträgt von Nord nach Süd 75 Kilometer, von Ost nach West 90 Kilometer.

Sputnik 1, Gagarin, die russischen Raumstationen, tausende Missionen bis hin zur ISS - alles nahm hier seinen Anfang. Nach dem Beschluss des sowjetischen Ministerrates am 12. Februar 1955 ein Kosmodrom in der kasachischen Steppe zu bauen, ging es am 2. Juni 1955 los, und der erste Start einer Interkontinental-Rakete vom Typ R-7 erfolgte am 21. August 1957. Dazu wurden Teile der Anlagen und die Wohnhäuser leitender Angestellter in Kasputin Jar - dem Kosmodrom, dessen Erbe Baikonur antrat - demontiert und in der kasachischen Steppe wieder aufgebaut. Am 4. Oktober 1957 begann das Raumfahrtzeitalter mit Sputnik 1. Weitere Satelliten folgten im November 1957 und im Mai 1958. Der erste bemannte Start fand am 12. April 1961 statt: Juri Gagarin. Um diese Starts sicherzustellen, war mehr als nur ein Startplatz notwendig. Neben dem Startplatz 31 entstanden die Integrationshallen, ein Kontrollzentrum und weitere wissenschaftliche Einrichtungen.

 Baikonur Stadt
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1964 begannen die Bauarbeiten für die Anlagen zur Montage und zum Start der russischen Mondrakete N1. Nach fünf Fehlschlägen wurde dieses Programm Ende der sechziger Jahre eingestellt. Der Mutter aller russischen Raketen, der R7, folgte am 16. Juni 1965 der Schwerlastträger Proton an den Startplätzen 81 und 200. Mit dieser Rakete wurden die russischen Raumstationen Saljut und MIR sowie die Planeten-Missionen zum Mond, zur Venus und zum Mars gestartet. Mit den Trägerraketen Zyklon (1967, Startplatz 90) und Zenit (Anfang der achtziger Jahre, Startplatz 42) wurde das Kosmodrom weiter ausgebaut.

Das russische Transporterprogramm Energija/Buran war dann auch das größte Ausbauprogramm des Kosmodroms. Neben der Landebahn für den Buran entstanden weitere sechs riesige Einrichtungen. Für die Energija-Rakete wurde ein integrierter Test- und Startplatz errichtet (Nr. 250). Und hier erfolgte auch der erste Start am 15. Mai 1987. Die Weltraumtaufe für das Gesamtsystem Energija/Buran fand am 15. November 1988 statt. Mit dem Start des ersten Bauteils der Internationalen Raumstation ISS im November 1998, dem Zarya-Modul (FGB - Functional Payload Block), begann ein neues Kapitel.

Juri Gagarins Schlafraum auf dem Kosmodrom Baikonur
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In den letzten Jahrzehnten entstanden in der kasachischen Steppe neun Startkomplexe mit insgesamt 15 Startplätzen. Dazu gehören elf Integrations- und Testhallen zur Startvorbereitung der Trägerraketen und Nutzlasten sowie drei Betankungsstationen und zwei Flugplätze. Diese Anlagen wurden in Abstimmung mit den Partnern im ISS-Programm gebaut und dienen auch dem Service im Rahmen kommerzieller Missionen.

Spätestens seit dem Jahr 1978 gehen Deutsche in Baikonur ein und aus - am 26. August 1978 startete Sigmund Jähn als erster Deutscher ins All. Mit Klaus-Dieter Flade folgt 1992 der erste gesamtdeutsche Kosmonaut, der in Baikonur zur MIR-Station startet. Ulf Merbold, Thomas Reiter und Reinhold Ewald flogen in den folgenden Jahren ebenfalls mit russischen Sojus-Trägerraketen in den Erdorbit. Aber auch in der unbemannten Raumfahrt begann hier die Reise für deutsche Hochtechnologie. Nach dem Verlust von Mars96 startete die Folgemission Mars Express im Juni 2003 erfolgreich. Nach dem medizinischen Experiment Matroshka im Januar 2004 flog am 24. Dezember 2004 der deutsche Roboterarm ROKVISS mit Progress M51 zur Internationalen Raumstation ISS.

 Ein Proton-Startkomplex in Baikonur
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Für die russischen Betreiber liegt das Kosmodrom im Ausland, zur Einreise benötigt der Besucher ein Visum. Kasachstan als selbstständiger Staat hat nach dem Ende der Sowjetunion sehr schnell erkannt, wie wichtig diese Geldquelle ist.

Anfänglich wollten die Kasachen sieben Milliarden US Dollar jährliche Miete, nach langen Verhandlungen einigte man sich auf 115 Millionen US Dollar. Im Zusammenhang mit Raketenabstürzen wurden von kasachischer Seite Startverbote ausgesprochen oder einfach der Strom abgeschaltet. Anfang 2003 einigten sich die Parteien auf eine Verlängerung des Nutzungsvertrages, denn Kasachstan sieht auch mit der potenziellen Beteiligung am Raumfahrtprogramm Russlands die Möglichkeit, selbst zu einer Weltraumnation zu werden. Der Start des ersten eigenen Kommunikationssatelliten ist für 2006 geplant, und zwei Kosmonautenanwärter sind bereits ausgewählt.

Und wenn am 2. Juni 2005 der kasachische Präsident Nasarbajew und sein russischer Amtskollege Putin gemeinsam die traditionelle Parade abnehmen, so dürfte auch das ein Zeichen für die weitere Zukunft Baikonurs sein.


Kontakt
Andreas Schütz
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

Geschäftsführung Berlin-Adlershof
, Kommunikation
Tel.: +49 30 67055-130

Fax: +49 30 67055-120


Erstellt am: 01.06.2005 11:00:00 Uhr