News-Archiv Energie 2010

Energie aus der Wüste: "Wir haben die Technologie, die Konzepte und die Kontakte"

8. Juli 2010

Prof. Hans Müller-Steinhagen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ist zum Vorsitzenden des internationalen Beratergremiums der Industrie Initiative (Dii) gewählt worden. Das Gremium soll die Dii beim Aufbau einer nachhaltigen Energieversorgung in den Wüsten Nordafrikas und im Mittleren Osten unterstützen. Im Interview berichtet Prof. Müller-Steinhagen, warum er an das Großprojekt glaubt.

Im Oktober 2009 wurde die Dii als "Desertec Industrial Initiative" gegründet. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, die Rahmenbedingungen für eine nachhaltige und klimafreundliche Energieversorgung in den Wüsten Nordafrikas und des Nahen Ostens zu schaffen.

 Prof. Müller-Steinhagen
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Interview von Dorothee Bürkle

Sie sind nun zum Vorsitzenden des ersten Dii-Beirats gewählt worden. Was hat sich seit der Gründung getan?

Müller-Steinhagen: Sehr viel, auch wenn es auf den ersten Blick nicht sichtbar ist: Die Geschäftsstelle der Dii in München ist eingerichtet, zwei Geschäftsführer, Paul von Son und Rainer Aringhoff, sind eingestellt, Mitarbeiter sind rekrutiert. Außerdem sind eine Unmenge an Gesprächen mit Vertretern aus der Politik, Verbänden und Wirtschaft in den entsprechenden Ländern geführt worden. Die Anzahl der an der Dii beteiligten Konzerne hat sich inzwischen auf 19 Mitglieder und 16 assoziierte Mitglieder erhöht. Wichtig dabei ist, dass eine ganze Reihe von Mitgliedern außerhalb Deutschlands dazugekommen ist, die Dii soll ja keine rein deutsche Initiative bleiben.

 Turmkraftwerke: Stromerzeugung mit Sonnenstrahlen
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Sie glauben an den Erfolg von Desertec, warum?

Müller-Steinhagen: Ich glaube an den Erfolg von Desertec, weil die Technologien funktionieren. Desertec ist bewusst ein Konzept, das auf realistischen Bedingungen basiert, wir haben dabei keine Technologiesprünge angenommen. Ich glaube auch, dass die finanziellen Rahmenbedingungen realisierbar sind. Die größere Hürde sehe ich persönlich bei der politischen Umsetzung. Werden wir die entsprechenden Verträge zustande bringen? Stromdurchleitung durch viele Länder und der Bau neuer Stromtrassen müssen dafür ausgehandelt werden. Ich bin optimistisch, wir erhalten viel Unterstützung von den Regierungen in Nordafrika, hier in Europa und auch von der EU. Im Augenblick: ein vorsichtig grünes Signal.

Wann wird das erste Kraftwerk gebaut werden?

Müller-Steinhagen: Das ist nicht Aufgabe der Dii. Die Initiative ist der Wegbereiter und soll die politischen, regulatorischen und ökonomischen Rahmenbedingungen schaffen. Trotzdem: In Marokko, Ägypten und in Algerien werden bereits solarthermische Kraftwerke gebaut, außerdem sind eine ganze Reihe Standorte identifiziert, über die schon Gespräche zwischen Firmen und Regierungen laufen. Wir sind eigentlich schon weiter, als wir es um diese Zeit erwartet haben.

Die Dii ist ja eines der größten Industrie- bzw. Infrastrukturprojekte überhaupt. Warum nehmen die Konzerne dieses Großprojekt in Angriff?

Müller-Steinhagen: Was die Firmen motiviert, sind zwei Dinge: Die Länder in Nordafrika und im Mittleren Osten werden ihren Strombedarf bis 2050 etwa verfünffachen. Das heißt, es müssen Kraftwerke gebaut werden, ganz egal mit welcher Technologie. Hinzu kommt, dass die Vorräte an Erdöl, Erdgas und Kohle geringer und damit teurer werden, und dass außerdem ihre Emissionen einen negativen Einfluss auf das Klima haben. Auf der anderen Seite sehen viele Firmen ganz klar einen Markt. Durch das spanische Energieeinspeisungsgesetz sind unzählige Projekte angestoßen worden, auch in den USA gehen Projekte in die Realisierungsphase. Damit beginnt diese Technologie in der Energiewirtschaft weltweit eine Rolle zu spielen. In zehn bis 15 Jahren werden diese Kraftwerke mit konventionellen wettbewerbsfähig sein. Für Firmen wie Siemens, Eon, RWE und Solar Millennium gilt: Nur wer heute drin ist, wird auch in zehn Jahren dabei sein.

 Strom im Verbund: Das Desertec-Konzept
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Den Direktor eines Instituts des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt erwartet man nicht unbedingt als Vorsitzenden dieses Beirats. Was ist der Beitrag des DLR zu Desertec?

Müller-Steinhagen: Das DLR beschäftigt sich seit etwa 30 Jahren mit solarthermischen Kraftwerken. Wir sind auf diesem Gebiet ohne Zweifel eine der weltweit führenden Forschungsorganisationen. Zum anderen hat unsere Energie-Systemanalyse im Auftrag des Bundesumweltministeriums in den letzten acht Jahren mehrere detaillierte Studien durchgeführt. Ausgehend von deren Ergebnissen hat sich die Dii gegründet. Es war also nicht überraschend, dass ein Vertreter des DLR in den Beirat gewählt wurde, wir haben die Technologie, die Konzepte und die Kontakte in die Länder und zu den Firmen.

Welchen Beitrag können die Wissenschaftler beim DLR in Zukunft leisten?

Unsere Aufgaben werden gewaltig zunehmen. Bereits jetzt schulen wir die neuen Mitarbeiter. Wir werden unsere bisherigen Studien aktualisieren und die Standortanalysen für neue Kraftwerke durchführen. Hier kommt dem DLR der Zugang zu Satellitendaten zu Gute. Sorgfältige Standortanalysen sind notwendig, damit die kostengünstigsten Lösungen gefunden werden. Außerdem treiben wird die Entwicklung der Technologie weiter voran. Mit immer mehr Industrieaufträgen verbessern wir sowohl einzelne Komponenten als auch Gesamtsysteme der Kraftwerke.

Das Konzept für Desertec gibt es seit mehr als 30 Jahren. Wie empfinden Sie die rasanten Entwicklungen der vergangenen Monate?

Das Desertec-Konzept ist zwar in den vergangenen Jahren immer realistischer geworden, war aber immer noch in weiter Ferne. Selbst bei den ersten Gesprächen mit der Industrie im Frühjahr war das ganze noch ein Zukunftsszenario. Seit der Gründung der Dii hat sich die Einstellung in der Öffentlichkeit, in der Politik, vor allem aber bei den Firmen geändert. Ich freue mich sehr, dass die Arbeiten meiner Mitarbeiter so viel Anerkennung finden. Es gibt derzeit eine gewisse Aufbruchsstimmung, weil wir die Möglichkeit haben, so viel von unseren Ideen umzusetzen.

Hinweis: Eine Publikation des Interviews in Online- oder Printmedien, auch in Auszügen, ist erwünscht. Bitte geben Sie als Quelle "DLR / www.DLR.de" an.


Kontakt
Dorothee Bürkle
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

Kommunikation, Redaktion Energie

Tel: +49 2203 601-3492

Fax: +49 2203 601-3249

E-Mail: Dorothee.Buerkle@dlr.de
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http://www.dlr.de/desertec
http://www.dii-eumena.com
http://www.desertec.org
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Solar-Atlas für den Mittelmeerraum: Wo lohnt sich der Bau von Solarkraftwerken? (http://www.dlr.de/desktopdefault.aspx/tabid-344/1345_read-27289/usetemplate-print/)
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