News Archiv 2002

Weitere Hinweise für dramatische Entwicklung am Südpol: Noch größerer Eisberg in der West-Antarktis abgerissen

20. März 2002

Mallorca on the rocks: Europäischer Erdbeobachtungssatellit
ERS-2 entdeckt riesige schwimmende Eiszunge in der Antarktis

Köln - Nur wenige Tage nach dem Auseinanderbrechen eines gewaltigen Teils des Larsen-B-Eisschelfs auf der Antarktischen Halbinsel ist in der West-Antarktis ein weiterer, noch größerer Eisberg entstanden. Ein Großteil der schwimmenden Eiszunge
des Thwaites-Gletschers ist nun als ganzes Stück mit einer Ausdehnung von 40 mal 85 Kilometer abgerissen. Damit entstand eine "schwimmende Eisinsel" von der Größe Mallorcas, teilte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit. DLR-Wissenschaftler in Oberpfaffenhofen bei München beobachten seit langem per Satellit aus dem Weltraum die Veränderung der Eismassen an den Polen.

Gletschereis schiebt sich kontinuierlich ins Meer vor, sodass dieser Vorgang des Abtrennens von größeren Eismassen in regelmäßigen Abständen auftritt. Die Geschwindigkeit, in der nun diese Vorgänge auftreten, alarmiert jetzt allerdings die Experten. Modellrechnungen hatten den nächsten Abriss erst in 10 bis 20 Jahren erwarten lassen. Eine mögliche Ursache für die jetzige Entwicklung könnte sein, dass in diesem Jahr auf der antarktischen Halbinsel ungewöhnlich hohe Temperaturen herrschten, Niederschlag als Regen statt als Schnee fiel und das geringste Packeisaufkommen seit langer Zeit beobachtet wurde. Mit diesen Erscheinungen können weitgehend die Ereignisse am Larsen-B-Eisschelf erklärt werden. Ob allerdings ein Zusammenhang
mit dem nun festgestellten frühzeitigen Abriss des Thwaites-Gletschers besteht, muss noch untersucht werden. Der Thwaites-Gletscher wird seit längerer Zeit von DLR-Wissenschaftlern beobachtet. Er hat die höchste Eisflussgeschwindigkeit in der Antarktis (vier Kilometer pro Jahr) und transportiert 15 Prozent des Eises der Westantarktis. Sein Verhalten ist daher für die Änderung des globalen Klimas besonders wichtig. Die Aufnahmen des Thwaites-Gletschers stammen vom europäischen Erdbeobachtungssatelliten ERS-2 und wurden von der DLR-Empfangsstation in O'Higgins auf der Antarktischen Halbinsel aufgezeichnet.

Veränderungen in der West-Antarktis können weltweit dramatische Folgen für den Meeresspiegel haben. Der Thwaites Gletscher ist Teil des marinen westantarktischen Eisschildes. Ein mariner Eisschild ist eine von Eis bedeckte Inselgruppe. Nur durch das Gewicht des Eises wird das Meer zwischen den Inseln verdrängt, und es entsteht fälschlich der Eindruck festen Landes. Wo das Eis zu stark ausdünnt (z.B. durch verstärkten Abfluss von Eis ins Meer), kann Meerwasser unter den Eisschild eindringen und dadurch seine Fließgeschwindigkeit weiter erhöhen, wodurch dieser dann noch weiter ausdünnt. Dies kann zum selbstverstärkenden mechanischen Kollaps des marinen Eisschildes führen, mit verheerenden Folgen für den globalen Meeresspiegel. Deshalb wird die West-Antarktis weltweit von Wissenschaftlern besonders intensiv beobachtet, auch aus dem Weltraum per Satellit.


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