News-Archiv Stuttgart

Strom aus der Wüste: "Wir bereiten die ganze Entwicklung vor"

30. Juni 2010

 Paul van Son, Chef der Desertec Industrieinitiative
zum Bild Paul van Son, Chef der Desertec Industrieinitiative

Paul van Son, Chef der Desertec Industrieinitiative, über Herausforderungen, Fortschritte und die Zusammenarbeit mit dem DLR

Interview von Dorothee Bürkle und Manuela Braun

Paul van Son ist Vorstandschef der im November 2009 gegründeten Desertec Industrieinitiative. Beim 13. Sonnenkolloquium des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) am 29. Juni 2010 in Köln tauschte er sich mit über 200 Wissenschaftlern und Anlagenbauern über die Forschritte und Herausforderungen des Desertec-Projektes aus. Im Gespräch mit der DLR-Kommunikation beschreibt Paul van Son das bislang Erreichte und die Zusammenarbeit des Industriekonsortiums mit dem Forschungszentrum DLR.

In ein oder zwei Sätzen: Wie beschreiben Sie Desertec und die Idee dahinter?

van Son: Die Idee ist, Strom aus Sonnen- und Windenergie in den Wüsten zu erzeugen und mit Übertragungsnetzen an die lokale Bevölkerung und zum Teil auch nach Europa zu transportieren.

Aus Sicht der europäischen Energieversorgung: Warum brauchen wir Desertec?

van Son: Europa hat nicht so viele Energie-Optionen. Fossile Energieträger werden allmählich verschwinden oder sehr teuer werden und haben außerdem unter Klimagesichtspunkten viele Nachteile. Als Optionen für Erneuerbare Energie in Europa haben wir die Photovoltaik, die Windenergie und dann noch die Wasserkraft. Alle diese Optionen sind begrenzt und langfristig brauchen wir große Mengen Erneuerbarer Energie. Ein Teil davon kann aus der Sahara oder aus dem Mittleren Osten kommen.

 13. Sonnenkolloquium bei DLR in Köln am 29. Juni 2010
zum Bild 13. Sonnenkolloquium bei DLR in Köln am 29. Juni 2010

Welche Funktion hat die Desertec Industrieinitiative (Dii) in diesem Prozess?

van Son: Wir bereiten die ganze Entwicklung vor, die nötig ist, damit Investoren in Nordafrika und dem Mittleren Osten Anlagen bauen können. Wir verhandeln, damit es zu ersten Genehmigungen kommt oder damit der Strom aus den Kraftwerken an die lokalen Netzbetreiber angeboten werden darf. Wir treiben den Bau von Hochspannungsgleichstrom-Übertragungsleitungen voran, damit Strom von einem Land zum anderen übertragen werden kann. Oder wir setzen uns für stimulierende Maßnahmen ein – zum Beispiel, dass in nordafrikanischen Ländern auch ein Einspeisegesetz wie in Deutschland gibt oder dass die deutsche Einspeisevergütung auch in MENA-Ländern gilt. Außerdem beraten wir, welche Technologie an unterschiedlichen Standorten am Besten ist und wie die Kosten für die Stromgewinnung gesenkt werden können – die sind noch sehr hoch.

Die Dii wurde im November 2009 gegründet. Gibt es da schon Erkenntnisse?

van Son: Eine ganze Menge. Wir kennen Marokko zum Beispiel inzwischen sehr gut. Wir wissen, welche Pläne die marokkanische Regierung hat, was dort möglich ist. Wir haben gelernt, welche Standorte in Marokko in Frage kommen, um solare Kraftwerke zu bauen und wie die Netze vor Ort heute aussehen. Und wir wissen, welche Möglichkeiten es gibt, Strom von Marokko nach Spanien zu exportieren. In all diesen Bereichen wissen wir heute wesentlich mehr als im November 2009. Ähnliches gilt für andere nordafrikanische Länder.

 Solares Turmkraftwerk auf der Plataforma Solar de Almería in Spanien
zum Bild Solares Turmkraftwerk auf der Plataforma Solar de Almería in Spanien

Was sind die größten Herausforderungen, die auf Dii zukommen?

van Son: Eine Herausforderung ist die Differenz zwischen Kosten und Markt in den ersten Jahren. In Deutschland wird Wind- und Solarenergie gefördert, das muss auch in den Ländern im Mittleren Osten und in Nordafrika gemacht werden. Außerdem gibt es noch keinen richtigen Strommarkt für Erneuerbare Energien. Die Stromnetze und die Infrastruktur an vielen möglichen Standorten sind noch nicht ausreichend ausgebaut. Es gibt sehr viele Herausforderungen.

Das Konsortium besteht aus ganz unterschiedlichen Unternehmen und arbeitet mit dem DLR als Forschungseinrichtung zusammen. Was bringt jeder mit?

van Son: Ein Forschungszentrum bringt Studien und Wissen mit, die Industriepartner bringen vielleicht Geld, Produkte und Kontakte mit. Wir haben verschiedene Interessen, aber wir haben auch komplementäre Möglichkeiten. Jeder lernt vom anderen, das ergänzt sich. Bisher machen alle mit und sind sehr interessiert, es gibt kaum Probleme in der Zusammenarbeit.

Das DLR hat schon im Vorfeld sehr viel gemacht. Das Konzept für Desertec ist das Konzept des DLR. Das DLR könnte auch in Zukunft noch viele Aufträge und Fragestellungen übernehmen - Systemstudien, Messungen, Technologie-Entwicklung, Studien über Wärmespeicher sowie Bildungsprogramme, die Fachkräfte in den Ländern im Mittleren Osten und Nordafrika ausbilden. Das DLR kann über die gesamte Breite zum Erfolg beitragen.

Wo sehen Sie Desertec in den nächsten fünf, zehn Jahren?

van Son: Wir werden sehen, dass in den kommenden Jahrzehnten in den Wüstengegenden Anlagen gebaut werden, dass die Stromnetze insgesamt ausgebaut werden und dass zwischen Afrika und Europa und dem Mittleren Osten Hochspannungsgleichstrom-Leitungen gebaut werden.


Kontakt
Dorothee Bürkle
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

Kommunikation, Redaktion Energie

Tel: +49 2203 601-3492

Fax: +49 2203 601-3249

E-Mail: Dorothee.Buerkle@dlr.de
URL dieses Artikels
http://www.dlr.de/desktopdefault.aspx/tabid-837/1344_read-25391/1344_page-2/
Links zu diesem Artikel
http://www.dlr.de/tt//desktopdefault.aspx/tabid-6448
http://www.dii-eumena.com
Texte zu diesem Artikel
Solar-Atlas für den Mittelmeerraum: Wo lohnt sich der Bau von Solarkraftwerken? (http://www.dlr.de/desktopdefault.aspx/tabid-344/1345_read-27289/1344_page-2/usetemplate-print/)
DESERTEC: Solarstrom aus der Wüste (http://www.dlr.de/desktopdefault.aspx/tabid-5885/9548_read-18787/1344_page-2/usetemplate-print/)