Radfahren für die Relativitätstheorie: deutsch-französische Freundschaft im DLR_School_Lab Lampoldshausen

Montag, 16. Dezember 2013

Was hat Radfahren mit Raketenantrieben zu tun? Die französischen Schüler schauen skeptisch von dem Ergometer-Rad zu Dirk Meinköhn. Er ist Tutor beim DLR_School_Lab und betreut den Versuch zur speziellen Relativitätstheorie. Er lacht und ermuntert einen der Schüler, sich auf das sogenannte Einstein-Rad zu setzen. Es ist am Boden verankert und über ein USB-Kabel mit einem Rechner verbunden. Durch den Antrieb, den der Radfahrer erzeugt, kann man hohe Geschwindigkeiten simulieren. Die Geschwindigkeit wird am Rechner und veranschaulicht die Wahrnehmung eines Astronauten. Tutor Dirk Meinköhn erklärt den Hintergrund des Versuchs: "Ich kann Geschwindigkeit nur in Bezug auf etwas sehen. Deswegen setzen wir die Leistung des Fahrrads in Beziehung zur Lichtgeschwindigkeit." Nicht um Schnelligkeit, sondern um Wachstum geht es beim Versuch zum Verhalten von Gegenständen im Vakuum. Blickt man in einen klaren Morgenhimmel kann man sich kaum vorstellen, dass die Welt in 100km Höhe plötzlich kalt und lebensfeindlich wird. Dort, wo der Weltraum anfängt, ist die Atmosphäre dünner und der Luftdruck niedriger. Mit zunehmendem Abstand zur Erde verändern sich die physikalischen Prozesse drastisch. Deswegen muss das Oberstufentriebwerk der Trägerrakete Ariane, die  auch die Internationale Raumstation in über 300km Höhe versorgt, extreme Bedingungen aushalten. Vereinfacht zeigt Tutor Frank Seeck das Verhalten unter Weltraumbedingungen an einem Marshmallow, der unter einer Glasglocke sein Volumen verdreifacht. Die Gäste aus Frankreich sind gespannt dabei. Nur einige sind betrübt darüber, dass der leckere Marshmallow wieder zusammenschrumpft. 

Forschung am Raketenprüfstand erleben

Die Teilnahme an den Experimenten ist Teil eines umfangreichen Besuchsprogramms, das die 29 Schülerinnen und Schüler aus Frankreich absolvierten. Um Raketentechnik praktisch zu erleben, empfing DLR-Mitarbeiter Fritz Wildner die Schülergruppe am Prüfstand P8. Am europäischen Hochdruckprüfstand für Raketenantriebe finden Forschungs- und Technologieversuche mit der kryogenen Treibstoffkombination Flüssigwasserstoff-/Flüssigsauerstoff statt. Derzeit finden Tests von Schubkammern für Raketenantriebe statt, die mit dem neuen Treibstoff Flüssigmethan betrieben werden. Dieser Treibstoff ist günstiger als der derzeit genutzte Treibstoff Wasserstoff und lässt sich einfacher produzieren und transportieren. Verblüffung löste die Auskunft aus, dass am Prüfstand P8 über 100 Versuchstagen im Jahr stattfinden. "Das sind viel mehr, als wir erwartet haben", meinen die Schüler aus Frankreich. 

Gemeinsame europäische Raketentechnik

Die Idee, Schüler aus Mülhausen einzuladen, stammt nicht von ungefähr. In diesem Jahr feiern Franzosen und Deutsche den 50. Geburtstag des Elysée-Vertrags. Am 22. Januar 1963 unterzeichneten Bundeskanzler Konrad Adenauer und der französische Staatspräsident Charles de Gaulle den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, der die beiden Nachbarn wirtschaftlich, wissenschaftlich und persönlich immer stärker zusammenführte. Der Vertrag ist die Grundlage dafür, dass die europäische Trägerrakete Ariane ein gemeinsames Kind der Franzosen und der Deutschen werden konnte. Beide Nationen haben sich in der Nachkriegszeit bemüht,  einen autonomen europäischen Zugang zum All zu schaffen. Frankreich und Deutschland sind seit den 1970er Jahren die führenden Kraft hinter dem Bau der Ariane – einer Rakete, die es ermöglicht, unabhängig von den USA und Russland Raumstationen mit Lebensmitteln, Treibstoff und Wasser zu versorgen oder schwere Satelliten ins All zu befördern. 

Vorsitz des Ariane-Städtebunds
 

Wer hätte gedacht, dass das elsässische Mühlhausen und das kleine Lampoldshausen einen gewichtigen Anteil an der europäischen Raumfahrt haben? Mühlhausen ist Hauptsitz der Firma Clemessy, die unter anderem die Bodeninfrastrukturen der Ariane sowie die elektronische Datenverarbeitung für deren Steuer- und Kontrollsysteme produziert. Seit 22. Januar 2013 hat Mühlhausen die Präsidentschaft über das Ariane-Städtenetzwerk (Communauté des Villes Ariane – CVA). Der gemeinnützige Verein wurde 1998 gegründet und umfasst Städte und Regionen, auf deren Territorium Unternehmen an der Entwicklung und Produktion der europäischen Trägerrakete beteiligt sind. Hier kommt Lampoldshausen ins Spiel. Unweit der Gemeinde mit ca. 1000 Einwohnern, testen Mitarbeiter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt Antriebe der europäischen Trägerrakete. 

Enge deutsch-französische Zusammenarbeit

Neben einem Imagegewinn für die Region Haut-Rhin und die Luft- und Raumfahrtindustrie dort, steht die Nachwuchsförderung im Mittelpunkt der französischen CVA-Präsidentschaft. Jean-Marie Bockel, Präsident des Muhlhouse-Alsace-Agglomération, sagte dazu: "Ich sehe die Prduktion im Bereich der Weltraumforschung als wichtige Zukunftsbranche, die spannende Berufsmöglichkeiten bietet – denn die Raumfahrt hat immer auch etwas Phantastisches und Abenteuerliches." Stefan Schlechtriem, Leiter des Instituts für Raketenantriebe, teilt diese Begeisterung. Bei seiner Willkommensansprache betont er die Bedeutung der deutsch-französischen Zusammenarbeit für den Standort Lampoldshausen: "Das DLR leistet seit über 50 Jahren einen Beitrag zur europäischen Raumfahrt. Vom Elysée-Vertrag profitieren wir und unsere Freunde/Partner, die Firma Snecma in Vernon, die Raketenantriebe produziert, gleichermaßen."
Wenn die Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Franzosen von so viel gegenseitigem Respekt und Freundschaft geprägt ist, wie der Besuch der Mühlhausener Schulklasse, kann die europäische Raumfahrt gelassen in die Zukunft blicken. Tobias Neff, Leiter des DLR_Campus, freut sich darauf, auch im Jahr 2014 Schüler aus dem Ausland zu Experimenten in Lampoldshausen zu begrüßen: "Über die europäische Weltraumagentur ESA werden Deutschland und Frankreich auch künftig in engem Austausch zueinander stehen. Mit unseren Experimenten, zu denen wir Schüler und Studierende einladen, können wir schon früh für Raumfahrtforschung begeistern. Dadurch fördern wir indirekt auch die Bedeutung der Wirtschaftsregion Heilbronn und unseres DLR-Standorts in Lampoldshausen."


 

Zuletzt geändert am: 16.12.2013 11:41:58 Uhr

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Kontakte

Dr. Simone Scheps
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

Kommunikation, Lampoldshausen

Tel.: +49 6298 28-201

Fax: +49 6298 28-190
Tobias Neff
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

DLR_School_Lab Lampoldshausen/Stuttgart

Deutsch-französische Freundschaft am DLR-Standort Lampoldshausen

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Deutsch-Französiche Freundschaft am DLR-Standort Lampoldshausen

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