350 Tage im All
"Außenposten" im All
Internationale Raumstation ISS
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Alltag im All - Interview mit Thomas Reiter, Teil 2

  • Thomas Reiter beim Außenbordeinsatz Thomas Reiter beim Außenbordeinsatz

    Thomas Reiter beim Außenbordeinsatz

    Thomas Reiter, Flugingenieur der Expedition 13, während seines 5 Stunden und 54 Minuten dauernden Außenbordeinsatzes am 3. August 2006.

  • Start der Raumfähre Discovery mit Thomas Reiter an Bord Start der Raumfähre Discovery mit Thomas Reiter an Bord

    Start der Raumfähre Discovery mit Thomas Reiter an Bord

    Die Raumfähre Discovery schießt in den blauen Himmel über Cape Canaveral zum achteinhalb Minuten dauernden Aufstieg in den Erdorbit. Die Countdown-Uhr auf dem Gelände des NASA-Pressezentrums, die noch aus den Tagen von Apollo stammt, zeigt 17 Sekunden nach dem Start. Die enorme Flamme der Feststoffraketen ist etwa 200 Meter lang.

  • STS%2d121 Crew im Orbit STS%2d121 Crew im Orbit

    STS-121 Crew im Orbit

    Die STS-121 Besatzungsmitglieder und Expedition 13 Flugingenieur Thomas Reiter bei einem Gruppenfoto im Destiny Labormodul an Bord der Internationalen Raumstation ISS.

  • Zweieinhalb Stunden Sport täglich Zweieinhalb Stunden Sport täglich

    Zweieinhalb Stunden Sport täglich

    Thomas Reiter trainiert auf dem Fahrrad-Ergometer im Destiny Labormodul der ISS.

  • Reiters Aussicht bei der Arbeit im freien Weltraum Reiters Aussicht bei der Arbeit im freien Weltraum

    Reiters Aussicht bei der Arbeit im freien Weltraum

    Volles Programm hatten Thomas Reiter und sein Kollege, der NASA-Astronaut, Jeff Williams bei ihrem EVA (Außenbordeinsatz) am 3. August 2006. Reiter nahm sich trotzdem etwas Zeit, die spektakuläre Aussicht zu fotografieren.

  • Landung nach 171 Tagen im All Landung nach 171 Tagen im All

    Landung nach 171 Tagen im All

    Die Raumfähre Discovery kurz vor dem Aufsetzen auf Landebahn 15 der Shuttle-Landebahn (Shuttle Landing Facility, SLF) des Kennedy Space Center. Die Mission STS-116 und die Astrolab-Mission von Thomas Reiter gingen damit am 22. Dezember 2006 zu Ende.

  • "Die ersten Stunden nach der Landung sind nicht so angenehm" "Die ersten Stunden nach der Landung sind nicht so angenehm"

    "Die ersten Stunden nach der Landung sind nicht so angenehm"

    Thomas Reiter nach seiner Rückkehr von der 171 Tage langen Astrolab-Mission auf der ISS Ende 2006 im Kennedy Space Center (KSC).

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Elf Jahre nach seinem Flug zur russischen Raumstation Mir startete Thomas Reiter im Juli 2006 erneut ins All. Während der Astrolab-Mission lebte und arbeitet er fast ein halbes Jahr auf der Internationalen Raumstation ISS und war damit insgesamt 350 Tage im All. Am 22. Dezember 2006 kehrte er zurück zur Erde. Heute ist Thomas Reiter im DLR-Vorstand zuständig für die Bereiche Raumfahrtforschung und -entwicklung.

Frage: Am 4. Juli 2006 sind Sie erneut ins All gestartet, dieses Mal mit einer amerikanischen Raumfähre. Wie haben die den Start mit dem Space Shuttle empfunden, im Gegensatz zur Sojus?

Thomas Reiter: Der erste Teil des Fluges, solange die Feststoffraketen brennen, ist im Space Shuttle etwas rauer als in der Sojusrakete. Die ersten zwei Minuten wackelt es im Shuttle ganz schön kräftig, ein Rütteln, als würde man mit dem Bus über einen Feldweg fahren. Nachdem die Feststoffraketen abgesprengt waren, ging es ganz ruhig weiter. Diese Flugphase ist durchaus vergleichbar mit dem Start in der Sojusrakete.

Der Alltag auf der ISS

Frage: Wie muss man sich den Tagesablauf auf der ISS vorstellen? Wird der Tag immer im Voraus geplant?

Reiter: Ja, jeden Sonntag gibt es eine Planungskonferenz, in der die Aktivitäten für die nächste Woche durchgesprochen werden. Für jeden Tag wird ein Zeitplan erstellt. An einem normalen Arbeitstag ist jede Minute verplant. Der Tag beginnt morgens um sieben. Nach dem Aufstehen werden zunächst alle wichtigen Systeme überprüft. Dann hatten wir ungefähr eine Stunde für die Morgentoilette und das Frühstück bis unsere Planungskonferenz für den Tag begann. Gegen 8.30 Uhr ist auf der ISS Arbeitsbeginn, also etwa eineinhalb Stunden nach dem Aufstehen. Dann folgt eine Aktivität auf die andere. Mitunter gab es zwischendurch mal eine kleine Pause, in der wir vielleicht einen Tee oder Kaffee trinken konnten. Das war aber die Ausnahme. Eigentlich steht man die meiste Zeit unter extremem Zeitdruck, weil die Arbeitsabläufe so geplant sind, dass man die Aufgaben in der vorgesehenen Zeit gerade mal schaffen kann. Wenn irgendwelche Probleme auftreten und mehr Zeit benötigt wird, dann entsteht ein Domino-Effekt und der nächste Tagesordnungspunkt beginnt später. So kann sich das durch einen ganzen Tag ziehen.

Ein weiterer wichtiger Punkt im Tagesablauf auf der ISS ist der Sport, jeden Tag ungefähr zweieinhalb Stunden. Ich habe das Pensum immer auf zwei Einheiten aufgeteilt, eine Stunde vor dem Mittagessen und eineinhalb Stunden vor dem Abendessen trainiert. Ab 13 Uhr ist etwa eine halbe Stunde Mittagspause, bevor es mit der Arbeit weiter geht, bis 16 oder 17 Uhr. Danach haben wir dann den zweiten Teil unseres Fitnessprogramms absolviert, bis zur Planungskonferenz am Abend. Eine Art Nachbereitung dessen, was tagsüber passiert ist. Das Abendessen ist so gegen acht, danach hat sich jeder von uns noch einmal eine Stunde auf die Arbeiten für den nächsten Tag vorbereitet. Wir sind die Prozeduren noch mal durchgegangen und haben die Werkzeuge und Geräte, die man braucht, zusammengestellt.

Laut Dienstplan ist immer zwischen 22 und 23 Uhr noch eine bis eineinhalb Stunden Freizeit. In der Praxis ist für Freizeit unter der Woche meistens keine Zeit. So habe ich meine E-Mails abgearbeitet, und bin im Schnitt nie vor Mitternacht zur Ruhe gekommen.

Freizeit auf der ISS

Frage: Bei solch einem vollen Arbeitsprogramm, gibt es da genügend Zeit, um zu entspannen und wieder neue Energie zu tanken?

Reiter: Trotz dieses sehr gedrängten Arbeitsplanes, der jeden Tag zu absolvieren ist, findet sich sehr schnell einen Modus, in dem man kurz entspannen und abschalten kann. Das ist natürlich nicht jeden Tag ohne weiteres möglich, manchmal geht die Arbeit bis in die Nacht, so dass das Arbeitspensum bewältigen werden kann. Umso wichtiger ist es, dass man die Fähigkeit besitzt – und wenn es nur fünf Minuten sind – abzuschalten, um zu entspannen. Ich habe dann meine Lieblingsmusik gehört oder mich vor ein Fenster "gehängt" und einfach für ein paar Minuten den Ausblick genossen.

Frage: Entspannen. Hatten Sie eine eigene Kajüte?

Reiter: Ja, ich habe eine der beiden Kajüten im Service-Modul im russischen Segment bezogen, sogar mit Fenster. Gegenüber meiner ersten Mission auf der Mir war das natürlich ein Riesenfortschritt, da habe ich nämlich im Spektr-Modul ohne eigene Kajüte und ohne Fenster geschlafen. Natürlich ist es ein enormer Gewinn an Komfort, wenn man hinter sich die Tür schließen kann, seine eigenen 0,6 Quadratmeter hat und vor dem Einschlafen noch einmal ein paar Blicke aus dem Fenster wirft. Allerdings ist der Lärm der Lüfter und der elektrischen Anlagen auf der ISS nicht mehr so stark wie auf der Mir, aber nach wie vor immens. Deshalb haben wir mit Ohrenstöpseln geschlafen.

Astrolab: Europas Beginn der Langzeitforschung

Frage: Welche wissenschaftlichen Experimente haben Sie durchgeführt?

Reiter: Insgesamt waren es etwa 30 Experimente aus Medizin, Biologie, Physik und Astrophysik. Auch im amerikanischen Modul arbeitete ich an einigen Versuchsanlagen, die heute im europäischen Forschungslabor Columbus installiert sind, hauptsächlich in der "Human Research Facility". Diese hat jetzt ihren endgültigen Platz im Columbus-Labor gefunden. Wir haben mit der STS-121-Mission den Gefrierkühlschrank (MELFI) und die Zellkultivationsanlage (EMCS) auf die ISS gebracht, beides Geräte, die von der ESA entwickelt wurden und perfekt funktioniert haben. Obwohl diese Anlagen in Europa hergestellt wurden, werden sie im US-Labor bleiben. MELFI, der zum Lagern von biologischen Proben dient, kann diese auf minus 90 Grad Celsius kühlen, Das "European Modular Cultivation System", kurz EMCS, für biologische Experimente wurde von uns nicht nur getestet, sondern auch für NASA-Experimente in Betrieb genommen.

Frage: Sie haben am 3. August 2006 einen Außenbordeinsatz durchgeführt. Was stand auf dem Arbeitsplan?

Reiter: Ich glaube, es hat noch keinen Außenbordeinsatz gegeben, bei dem so viele Ausrüstungsgegenstände im Außenbereich der Raumstation zu installieren waren. In der Luftschleuße vor dem Ausstieg ins All hatten wir kaum Platz, um uns zu bewegen. Mit dabei war die so genannte "Floating Point Measurement Unit", ein
Gerät, dass das elektrostatische Feld vermisst, das sich um die Station aufbaut. Das sollten wir auf der Steuerbordseite der Gitterstruktur montieren. Danach folgte die Installation zweier großer Plattformen, auf denen Materialien dem freien Weltraum ausgesetzt werden, an der Steuerbordseite und an der unteren Seite der Luftschleuse. Zudem mussten noch Computer, die für die Steuerung der Radiatoren auf der Steuerbordseite zuständig sind, eingebaut und ein weiterer, der für die Steuerung des Wärmekontrollsystems zuständig ist, ausgetauscht werden. So hatten wir die Luftschleuse voll mit Werkzeug und Hardware, und haben selbst gerade noch so mit unseren Raumanzügen rein gepasst.

Entbehrungen im All

Frage: Was haben Sie während der 171 Tage im All am meisten vermisst?

Reiter: Es gibt da verschiedene Dinge, die man nach einigen Wochen oder Monaten beginnt zu vermissen. Das fängt mit dem Gefühl an, in der freien Natur zu sein und den Duft von Blumen oder frischer Waldluft wahrzunehmen. Die Luft auf der ISS ist gefiltert und daher fast geruchsneutral. Wenn man in die Station kommt, riecht es eher wie in einen Raum, der voll steht mit elektrischen Geräten.

Dann natürlich das Essen: Das war zwar nicht schlecht, allerdings bin ich ein großer Fan von frischen Salaten, und so etwas vermisst man natürlich schon. Dass es kein frisch gekochtes Essen gab, das hat mich gar nicht so gestört.

Vermisst habe ich während der ganzen Zeit im All natürlich den Kontakt zu meiner Familie. Allerdings ist der auf der ISS um einiges besser als auf der Mir. Über Internet konnte ich nahezu täglich mit meiner Familie telefonieren.

Frage: Wie war die Landung mit der Discovery? Lässt sich das mit der Landung eines Verkehrsflugzeuges vergleichen?

Reiter: Ja, durchaus, das Aufsetzen ist ganz sanft – im Gegensatz zur Sojus. Obwohl ich es nach fast sechs Monaten im All deutlich gespürt habe, auch die Belastung beim Wiedereintritt war im Vergleich zur Sojus viel geringer. Dort wirkt das Vierfache der Erdbeschleunigung, beim Space Shuttle dagegen nur das Anderthalbfache. Da ich fast ein halbes Jahr in der Schwerelosigkeit war, wurde mein Sitz um 90 Grad gekippt, so dass ich auf dem Rücken lag, damit ich mich beim Wiedereintritt besser an mein wieder gewonnenes Gewicht gewöhnen konnte.

Zurück in der Schwerkraft

Frage: Nach sechs Monaten im All ist die Anpassung an die Schwerkraft nicht einfach. Wie ist es Ihnen dabei ergangen?

Reiter: Unmittelbar nach der Landung dachte ich: "Das gibt es ja nicht, ich fühle mich richtig super." Nach dem Abschnallen war ich allerdings ein wenig zu voreilig. Nachdem ich mich aufgerichtet hatte, wurde mir sehr schnell klar: Das fühlt sich jetzt doch ein bisschen anders an. In den ersten Minuten fühlte ich überhaupt keine Symptome - bis ich aufstehen wollte. Es war unglaublich, wie tonnenschwer sich der Körper nach knapp sechs Monaten Schwerelosigkeit anfühlte. Das deckte sich natürlich auch mit den Erfahrungen bei der Landung nach meiner ersten Mission. Für Langzeitastronauten sind die ersten paar Stunden nach der Landung nicht ganz so angenehm. Aber dieses unangenehme Gefühl geht relativ schnell wieder vorbei.

Frage: Haben Ihnen die Erfahrungen Ihres sechsmonatigen Aufenthaltes auf der russischen Raumstation Mir bei der Astrolab-Mission geholfen?

Reiter: Es war sehr hilfreiches Wissen, wie das Leben an Bord einer Raumstation abläuft. Da gab es kaum noch Überraschungen, es ist klar, das Tagesprogramm ist sehr gedrängt und man steht permanent unter Zeitdruck. Nach etwa drei Monaten wird einem bewusst, dass man schon lange Zeit von der Erde weg ist. Man schaut schon mal auf den Kalender und fragt sich: "Wie viele Wochen sind das denn noch bis zur Rückkehr?"

Was das Arbeiten in der Schwerelosigkeit angeht, habe ich ebenfalls von der Mir-Station profitiert. Zum Beispiel geht es dabei auch um die Erfahrung, wie schnell etwas in der Schwerelosigkeit verloren geht, Werkzeuge oder andere kleine Teile. Hat man zum Beispiel etwas mit einem Schraubendreher montiert, legt ihn aus der Hand und denkt: "Der schwebt an dieser Stelle und bewegt sich nicht weg." Im nächsten Moment ist er verschwunden. Solche Dinge sind mir bei meinem zweiten Flug nicht mehr passiert.

Lieblingsplätze in der Raumstation

Frage: Gibt es Module und Plätze in der Station, in denen Sie sich besonders gern aufgehalten haben?

Reiter: Ja, ich habe hin und wieder in meiner Freizeit, hauptsächlich an den Wochenenden, ein bisschen Gitarre gespielt. Da hat sich die Luftschleuse Quest angeboten, weil es dort am leisesten war. Dort gibt es kaum Ventilationsgeräusche und man konnte hören, was man spielt. Was den Blick auf die Erde und in das Universum angeht, war natürlich das russische Pirs-Modul sehr schön. Dort gab es zwei Fenster, einmal in Flugrichtung und einmal entgegengesetzt der Flugrichtung. Das heißt, von dort war sehr schön der Horizont zu sehen.

Das Gespräch wurde geführt von Gerhard Daum und redaktionell überarbeitet von Dorothee Bürkle.

Zuletzt geändert am:
11.08.2011 14:19:01 Uhr