350 Tage im All
"Außenposten" im All
Internationale Raumstation ISS
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Thomas Reiter: 350 Tage schwerelos im Weltraum - Ein Porträt

  • Thomas Reiter zwischen Weltall und Erde Thomas Reiter zwischen Weltall und Erde

    Thomas Reiter zwischen Weltall und Erde

    Thomas Reiter arbeitet an einer Kühlleitung im S1 Truss Segment der ISS während seines 5 Stunden und 54 Minuten dauernden Außenbordeinsatzes (EVA) am 3. August 2006.

  • Im russischen Sokol%2dRaumanzug Im russischen Sokol%2dRaumanzug

    Im russischen Sokol-Raumanzug

    Portrait von Thomas Reiter in seinem Sokol Raumanzug vor seiner Euromir-95-Mission.

  • Reiter startet mit einer Sojus%2dRakete ins All Reiter startet mit einer Sojus%2dRakete ins All

    Reiter startet mit einer Sojus-Rakete ins All

    Reiter startete am 3. September 1995 vom Kosmodrom in Baikonur zur Raumstation Mir. Die Sojus TM-71 Rakete hob um 15.00 Uhr Ortszeit (11.00 Uhr Mitteleuropäische Sommerzeit) ab.

  • Reiters erster Außenbordeinsatz auf der Mir Reiters erster Außenbordeinsatz auf der Mir

    Reiters erster Außenbordeinsatz auf der Mir

    Thomas Reiter befindet sich am STRELA-Kran der Raumstation Mir während des ersten Außenbordeinsatzes (EVA) am 20. Oktober 1995.

  • Raumfähre Discovery nähert sich der ISS Raumfähre Discovery nähert sich der ISS

    Raumfähre Discovery nähert sich der ISS

    Die Raumfähre Discovery nähert sich der Internationalen Raumstation ISS zum Andocken am 6. Juli 2006. Discovery führt eine 360° Rolle für eine gründliche Inspektion der Hitzeschutzkacheln durch, die mit einer Serie von Fotos der Astronauten an Bord der ISS vor dem Andocken dokumentiert wird.

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Thomas Reiter war bei seinen beiden Missionen insgesamt 350 Tage im Weltall und umrundete 5525 Mal die Erde. Er ist damit der erfahrenste europäische Astronaut. Von einer Reise ins All träumte Thomas Reiter schon als Kind, als junger Erwachsener sah er jedoch kaum eine Chance, jemals ins All zu fliegen und schlug beruflich zunächst einen anderen Weg ein.

Als Thomas Reiter am 23. Mai 1958 in Frankfurt am Main geboren wurde, war von bemannten Raumflügen und Mondspaziergängen noch keine Rede. Doch schon in Kindesjahren lernte er, was es heißt "abzuheben", seine Eltern waren beide begeisterte Segelflieger. Als Schüler hatte er bereits den Wunsch, Astronaut zu werden, was zur damaligen Zeit utopisch schien, da nur die Amerikaner und Sowjets bemannte Raumfahrtprogramme hatten. Mit elf Jahren, im Jahr 1969, schrieb Thomas Reiter einen Brief an den amerikanischen Astronauten Neil Armstrong, nachdem dieser im selben Jahr als erster Mensch den Mond betreten hatte. Eine Antwort bekam er nicht – zunächst.

Der Griff nach den Sternen

Trotzdem, Thomas Reiters Begeisterung fürs All war durch die Mondlandung ein für allemal geweckt und in der Schule bastelte er an seinen ersten Raketen aus Pappe. Mit 14 Jahren hob er selbst ab und begann mit dem Segelfliegen. Schon damals war für ihn klar, dass er Pilot werden wollte. Reiter beendete 1977 die Schule mit dem Abitur und begann seinen Grundwehrdienst bei der Luftwaffe. Nach der Grundausbildung machte er sein Hobby zum Beruf und blieb als Berufssoldat bei der Luftwaffe. Er studierte Luft- und Raumfahrttechnik an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg bei München und machte seinen Abschluss als Diplom-Ingenieur im Dezember 1982. Er wurde als einer der Piloten-Anwärter ausgewählt, die auf der amerikanischen Sheppard Air Force Base in Texas zum Jet-Piloten ausgebildet wurden. Als Alpha-Jet-Pilot kehrte Reiter zurück und wurde beim Jagdbombergeschwader 43 in Oldenburg stationiert.

Dann nahm Thomas Reiter Anlauf zum Griff nach den Sternen: Im Jahr 1989 suchte die Europäische Weltraumorganisation ESA Piloten und Wissenschaftler für die zweite Astronautengruppe. Um die sechs freien Plätze bewarben sich 22.000 Kandidaten aus ganz Europa, darunter auch Thomas Reiter. Parallel zum Auswahlverfahren der ESA absolvierte er die Schulung zum Testpiloten. Zunächst wurde er an der Flugerprobungsstelle in Manching zum Testpiloten 2. Klasse und zwei Jahre später zum Testpiloten 1. Klasse an der englischen Testpilotenschule ETPS (Empire Test Pilots' School) in Boscombe Down ausgebildet. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits mehr als 2000 Flugstunden in 15 unterschiedlichen Kampfflugzeug-Typen absolviert. Nach einem langen Verfahren wurde Thomas Reiter im Mai 1992 als einer von sechs neuen Astronauten aus sechs europäischen Ländern von der ESA ausgewählt.

Langzeitmission auf der russischen Raumstation Mir

Nachdem er seine sechsmonatige Grundausbildung am Europäischen Astronautenzentrum (EAC) der ESA in Köln-Porz abgeschlossen hatte, erfolgte im Mai 1993 seine Auswahl für Euromir 95. Diese Mission war die zweite ESA-Mission zur Raumstation Mir im Rahmen einer Reihe von Vorbereitungsflügen für das europäische Weltraumlabor Columbus auf der Internationalen Raumstation ISS. Mit seinem schwedischen Kollegen Christer Fuglesang begann er die Ausbildung im August 1993 im russischen Kosmonauten-Ausbildungszentrum im Sternenstädtchen in der Nähe von Moskau. Beide Astronauten wurden für den Einsatz an Bord der Raumstation Mir als Bordingenieur, für Außenbordeinsätze im freien Weltraum sowie für die Bedienung der Sojus-Kapsel ausgebildet. Nach erfolgreichem Abschluss des Trainings wurde er im März 1995 zum Bordingenieur für die Mission Euromir 95 nominiert. Die Mission war mit 179 Tagen die bis dahin längste bemannte Weltraummission der ESA und die längste Mission, die jemals von einem nicht-russischen Astronauten auf der Raumstation Mir geflogen wurde. Sie war ursprünglich für 135 Tage geplant, wurde aber auf 179 Tage verlängert.

Euromir 95 – ein Europa-Rekord

Die Mission von Thomas Reiter begann am 3. September 1995 mit einem planmäßigen Start bei strahlenden Sonnenschein und blauem Himmel vom Kosmodrom in Baikonur in Kasachstan. Das Sojus-Raumschiff hob um 15 Uhr Ortszeit (11 Uhr Mitteleuropäische Sommerzeit) ab und erreichte knapp neun Minuten später die Erdumlaufbahn. Die 50 Meter hohe Rakete startete von der gleichen Startrampe wie auch Yuri Gagarin am 12. April 1961. Etwa zwei Tage später dockte das Raumfahrzeug Sojus TM-22 erfolgreich an die 120 Tonnen schwere Mir an. Reiter und seine russischen Kollegen, Sergei Avdeev und Yuri Gidzenko, schwebten etwa eineinhalb Stunden später durch die Luke in die Raumstation. Sie wurden von der Mir-Besatzung, Anatoli Solovyev und Nikolai Budarin, mit dem traditionellen russischen Angebot von Brot und Salz begrüßt.

Auf dieser Langzeitmission führte Reiter insgesamt 41 Experimente aus verschiedenen ESA-Mitgliedsstaaten durch. Zusätzlich zu seiner Aufgabe als Flugingenieur der Mission, sammelte Reiter wertvolle Erfahrungen für die Rolle der ESA beim bevorstehenden Programm der Internationalen Raumstation.

Auf der Mir erhielt Thomas Reiter auch endlich eine Antwort auf den Brief, den er 26 Jahre zuvor an Neil Armstrong geschrieben hatte. Reiters Vater hatte eine Kopie des Kinder-Briefes an die NASA geschickt. Neil Armstrong hatte die Gelegenheit ergriffen und seinem Astronauten-Kollegen eine Antwort ins All geschickt. 

Der erste Deutsche im freien Weltraum

Nicht alles verlief jedoch planmäßig auf Reiters Mission: Eine schwierige Situation brachte ein Defekt an einem Teilsystem für die Wärmeregulierung mit sich: Eine giftige Komponente des Energieträgers gelangte in die Atmosphäre der Station. Gemeinsam gelang der Besatzung die Reparatur der undichten Rohrleitungen.

Als erster Deutscher führte Thomas Reiter am 20. Oktober 1995 einen etwa fünfstündigen Außenbordeinsatz durch. Während dieses Ausstieges montierte er ein europäisches Experiment, genannt European Science Exposure Facility (ESEF), an der Außenseite des Spektr-Moduls.

Am 15. November 1995 erhielten Thomas Reiter, Sergei Avdeev und Yuri Gidzenko Besuch von fünf Kollegen, als die amerikanische Raumfähre Atlantis, Mission STS-74, an die Raumstation Mir andockte. Bei seinem zweiten Außenbordeinsatz, am 8. Februar 1996 barg Reiter zwei Kassetten eines Experiments. Am 29. Februar 1996 endete Thomas Reiters Mission, als die Sojus-Kapsel etwa 107 Kilometer nordöstlich von der Stadt Arkalyk in der schneebedeckten Steppe von Kasachstan landete.

Ausbildung zum Soyuz Return Commander und als Flugingenieur auf der ISS

Nach seiner Rückkehr trainierte Thomas Reiter weiter im Sternenstädtchen: Zwischen Oktober 1996 und Juli 1997 absolvierte er die Ausbildung für das Rendezvous und Andocken an die Raumstation sowie für die Rückkehr aus dem Orbit zur Erde mit dem Raumfahrzeug Sojus-TM. Ihm wurde das russische Zertifikat als "Soyuz Return Commander" verliehen, welches ihn dazu berechtigt, eine Sojus-Kapsel mit drei Besatzungsmitgliedern während ihrer Rückkehr aus dem Weltraum zu steuern.

Im September 1997 wurde Reiter wieder zur Luftwaffe abkommandiert und begann seinen Dienst als Kommodore auf dem Fliegerhorst Upjever in Niedersachsen beim Tornado-Jagdbombergeschwader 38. Im März 1999 endete sein Dienst bei der Luftwaffe, er kehrte zur ESA zurück, um für eine Langzeitmission auf der ISS zu trainieren. Zwischenzeitlich flog er immer wieder Tornados bei der Bundeswehr im Test. Diese Flüge bildeten eine wichtige Ergänzung zu seinem Training für eine mögliche Langzeitmission. Von Juni 1999 bis März 2000 absolvierte er eine neunmonatige Ausbildung im russischen Gagarin-Kosmonautenausbildungszentrum, um sich mit den russischen Segmenten der Internationalen Raumstation ISS vertraut zu machen. Von September 2001 bis September 2004 arbeitete er im Columbus-Projektteam an der Vorbereitung des europäischen Forschungslabors für die ISS.

Auf dem Weg zur ISS

Im April 2005 gab die ESA bekannt, dass Thomas Reiter der erste Europäer sei, der für eine Langzeitmission auf der Internationalen Raumstation vorgesehen ist. Reiters Astrolab-Mission war der Auftakt der künftigen Nutzung des europäischen Columbus-Labors auf der Internationalen Raumstation. Die Mission war auf eine Dauer von mehr als fünf Monaten ausgelegt. Der Starttermin für Reiter musste mehrfach verschoben werden, da beim ersten Space Shuttle-Start nach der Columbia-Katastrophe wieder Teile der Isolierung des Außentanks abbrachen. Der Aufprall eines solchen Schaumstoffbrockens auf den linken Flügel der Raumfähre verursachte eine Beschädigung am Hitzeschutzschild. Ein ähnlicher Vorfall hatte dazu geführt, dass am 1. Februar 2003 die Raumfähre Columbia beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühte und alle sieben Besatzungsmitglieder ums Leben kamen. Thomas Reiters Astrolab-Mission verschob sich noch um einige Monate. Mehr als 1870 Trainingsstunden im Sternenstädtchen bei Moskau, im Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln, im Johnson Space Center in Houston und im Kennedy Space Center in Cape Canaveral hatte Thomas Reiter schließlich bis zum Beginn der Mission absolviert. Am 4. Juli 2006, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, startete Reiter bei strahlendem Sonnenschein vom Kennedy Space Center in Florida mit der STS-121-Mission zur ISS.

Astrolab – Europas Beginn der Forschung auf der ISS

Mit der Ankunft von Thomas Reiter am 6. Juli 2006 erhöhte sich die Anzahl der Langzeitastronauten auf der ISS wieder von zwei auf drei. Als neues Mitglied der Expedition 13, mit Pavel Vinogradov und Jeff Williams, die seit dem 8. April 2006 im All waren, übernahm Thomas Reiter die Funktion des 2. Flugingenieurs. Mit beiden konnte Thomas Reiter sich gut verständigen, er spricht fließend englisch und russisch. Als erster Europäer führte Thomas Reiter lebenswichtige Aufgaben auf der ISS aus und war verantwortlich für Navigation, Lagekontrolle sowie Überwachung der Umweltbedingungen und der Lebenshaltungssysteme. Er führte 19 wissenschaftliche Experimente durch, die von der Physiologie über komplexe Plasmaphysik bis hin zu Strahlungsdosimetrie reichten.

Erneut im freien Raum

Am 3. August 2006 unternahm Thomas Reiter mit seinem amerikanischen Kollegen Jeff Williams einen Außenbordeinsatz (EVA, Extra vehicular activity). 5 Stunden und 54 Minuten arbeiteten die beiden Astronauten im freien Raum. In den Wochen danach flogen mehrere Missionen zur ISS: Die Raumfähre Atlantis brachte mit der STS-115-Besatzung am 11. September 2006 ein neues Bauteil zur ISS. Ein weiterer Solarzellenflügel wurde an der Raumstation erfolgreich montiert. Damit verdoppelte sich die elektrische Energie für die Station. Am 20. September 2006 kam die neue Stammbesatzung der Expedition 14 mit Michael Lopez-Alegria und Mikhail Tyurin an Bord einer Sojus-Kapsel zur Raumstation und löste die Expedition 13 ab. Am 11. Dezember 2006 dockte die Raumfähre Discovery mit dem schwedischen ESA-Astronauten Christer Fuglesang an der Raumstation an. Die Raumfähre brachte Thomas Reiter elf Tage später, am 22. Dezember, nach 171 Tagen im Weltraum, davon 159 Tagen an Bord der ISS, wieder zur Erde zurück.

Ein Novum bei Reiters Mission war, dass sie nicht nur von den Kontrollzentren in Houston und Moskau, sondern auch vom Deutschen Raumfahrt-Kontrollzentrum GSOC beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) Oberpfaffenhofen bei München betreut wurde – als Test und Vorbereitung auf das europäische Columbus-Modul.

Aufgaben auf der Erde

Er habe vom All die Nase noch lange nicht voll, sagte Thomas Reiter nach seiner Rückkehr von der ISS, aber für einen weiteren Flug ins All seien andere europäische Astronauten vor ihm an der Reihe. Zumindest in Gedanken fliegt Thomas Reiter jedoch weiterhin ins All. Vom 1. Oktober 2007 bis 15. April 2011 war er Mitglied des DLR-Vorstands und zuständig für die Bereiche Raumfahrtforschung und -entwicklung.

Von Gerhard Daum, redaktionell überarbeitet von Dorothee Bürkle.

Zuletzt geändert am:
11.08.2011 14:23:22 Uhr