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Internationale Raumstation ISS
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"Wir Astronauten sind Entdecker" - Interview mit Alexander Gerst

Astronaut Alexander Gerst beim Training in einer Sojus-Raumkapsel
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  • Training in einer Sojus%2dKapsel

    Training in einer Sojus-Kapsel

    Für seine Mission "Blue Dot" zur Internationalen Raumstation ISS hat der deutsche ESA-Astronaut Alexander Gerst auch am Juri Gagarin-Kosmonauten-Trainingszentrum in Russland lange Zeit trainiert. Auf dem Bild sieht man ihn während des Trainings in einer Sojus-Raumkapsel.

  • Alexander Gerst auf dem Mount Erebus in der Antarktis

    Als Geophysiker war Alexander Gerst schon auf vielen Vulkanen – unter anderem auf dem Mount Erebus in der Antarktis, über dessen Eruptionsdynamik er seine Diplomarbeit verfasste.

  • Alexander Gerst

    Training im Sternenstädtchen bei Moskau

    Viereinhalb Jahre lang trainierte Astronaut Alexander Gerst für seine Mission "Blue Dot". Unter Wasser trainierte er unter anderem im Sternenstädtchen bei Moskau. Mit diesem Training bereitet er sich auf einen Ausstieg aus der Internationalen Raumstation ISS vor. Am 28. Mai 2014 beginnt seine Mission "Blue Dot" mit dem Start vom Weltraumbahnhof Baikonur.

Von Elisabeth Mittelbach und Martin Fleischmann

Wenn Alexander Gerst am 28. Mai 2014 zur Internationalen Raumstation aufbricht, wird er der elfte deutsche Astronaut und der dritte Deutsche auf der ISS sein. Mehr über seine Mission "Blue Dot - shaping the future" verrät er im folgenden Interview.

Bevor Sie als Astronaut ausgewählt wurden, haben Sie als Geophysiker und Vulkanforscher unsere Erde - und vor allem die Phänomene im  Erdinneren - genau untersucht. Auf Ihrer Mission Blue Dot werden Sie unseren Heimatplaneten aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten. Was reizt Sie am meisten daran?

Gerst: Die Reise in den Weltraum ist für mich ein Trip ins Unbekannte. Astronauten sind Entdecker und stehen auf den Schultern von Columbus, Magellan und Cook. Uns treibt die Neugier an. Der Mensch hat immer neue Kontinente und Inseln erforscht, sich immer einen Schritt weiter in neue Lebensräume gewagt und die Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Genau das machen wir Astronauten auch. Wir verlassen unsere Erde, um sie aus einer anderen, grandiosen Perspektive zu sehen. Doch das können wir erst seit 50 Jahren - einem Wimpernschlag in der Geschichte. Die Raumfahrt bietet uns seitdem die großartige Möglichkeit, unsere Erde mit anderen Augen zu sehen und wissenschaftliche Entdeckungen zu machen, die uns sonst verborgen geblieben wären. Genau deswegen ist mein Job als Astronaut die Erweiterung von dem, was ich vorher als Geophysiker gemacht habe. Vorher habe ich mich um das Erdinnere gekümmert. Was ist dort in der Tiefe los? Wie können wir Menschen unsere Erde besser verstehen und uns dadurch wirksamer vor Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Vulkanausbrüchen schützen? Jetzt werde ich unseren Heimatplaneten verlassen, um unsere Umgebung im All zu erforschen, die uns ja tatsächlich auch gefährlich werden kann. Asteroiden und Sonnenstürme sind Bedrohungen, die wir verstehen müssen, um uns davor zu schützen.

Auf Vorschlag des Astronomen Carl Edward Sagan wurde die Raumsonde Voyager 1 so gedreht, dass die Kamerainstrumente die Erde aus 6,4 Milliarden Kilometern Entfernung aufgenommen haben - der größten Distanz, aus der unser Heimatplanet jemals abgebildet wurde. Sie war nur noch als "pale blue dot" - als blasser blauer Punkt - zu sehen. Hat der "Namensgeber" Ihrer Mission deutlich gemacht, wie klein, verwundbar und gleichzeitig unheimlich wertvoll unsere Erde ist?

Gerst: Ja, genau aus diesem Gedanken heraus ist der Missionsname Blue Dot entstanden. Ich war von diesem Voyager-Bild sehr beeindruckt. Zum ersten Mal haben wir eine Aufnahme, auf der mehrere Planeten unseres Sonnensystems von außen gesehen abgebildet sind - alles einzelne Pixel. Die Erde ist eben nur einer davon - ein kleiner, blasser, blauer Punkt. Und gerade einmal zwölf Prozent dieses Bildpunktes sind von der Erde ausgefüllt. Wir leben wirklich auf einer winzigen Steinkugel, die durch das dunkle Universum rast und nur von einer hauchdünnen Atmosphäre umgeben ist. Das ist unser Raumschiff Erde. Das ist alles, was wir haben. Unsere gesamte Geschichte, angefangen von Einzellern und Dinosauriern bis hin zu den Menschen, hat sich auf diesem einen, winzigen blauen Punkt im unendlichen Universum abgespielt. Unsere Ressourcen wie Öl, Energie, Wasser und Luft sind nur begrenzt vorhanden. Wir leben aber, als wäre alles in unendlichen Mengen vorhanden, als wenn es kein Ende gäbe. Verlässt man unseren Planeten, so sieht man mit eigenen Augen, dass wir nur ganz begrenzte Ressourcen haben. Sieht, wie verletzlich unsere Erde ist. Unser kleiner blauer Planet, mit dem wir alle zusammen jedes Jahr einmal um die Sonne reisen. Wenn wir unser Raumschiff Erde verlieren, endet unsere Geschichte. Das ist die Perspektive, die ich gerne von der Raumstation zurückbringen will. Jeder hat die Wahl, ob er nur als Passagier mitreisen oder zur Mannschaft gehören möchte.

Ihre Mission steht unter dem Motto "Shaping the future". Was bedeutet das für Sie?

Gerst: Dass wir sehr viele Experimente auf der ISS haben, die unser zukünftiges Leben beeinflussen. Es hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass uns die Raumfahrt weiterhelfen kann, unsere Probleme auf der Erde zu lösen. Wir haben Experimente zur Materialphysik an Bord, mit denen wir neue Legierungen untersuchen. Im Elektromagnetischen Levitator, an dem auch das DLR beteiligt ist, entwickeln wir Materialien der Zukunft, die in zehn Jahren womöglich in Flugzeugturbinen stecken, Autos leichter machen und uns so helfen, Treibstoff zu sparen. Das ist für mich "Shaping the future". Wir machen die Zukunft besser. Wir untersuchen auch Krankheiten, zum Beispiel multiresistente Keime im Immunsystem. Weil im Weltraum ein verstärkter Knochenabbau stattfindet, lässt sich dort Osteoporose sehr gut im Zeitraffer erforschen. Da sind wir Astronauten Versuchskaninchen dafür, dass es in Zukunft den Kranken auf der Erde besser geht und man sie gezielter behandeln kann. Schon jetzt gibt es Medikamente, die aufgrund solcher Forschung entwickelt wurden und Patienten auf der Erde helfen. Doch wir greifen nicht nur positiv in die Zukunft ein, sondern wollen auch deutlich machen, dass jeder Mensch auf der Erde eine Verantwortung trägt. Jeder hat die Möglichkeit, seine eigene Zukunft und die seiner Nachfahren zu beeinflussen.

Welche Kriterien haben Sie erfüllt, um aus dem Pool von 8.400 Bewerbern ausgewählt zu werden?

Gerst: Im Detail weiß ich das gar nicht. Das ist eine Entscheidung der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Was man aber für den Beruf des Astronauten definitiv braucht, ist Neugier. Man sollte Begeisterung haben für das, was man tut. Zielstrebig und verlässlich sein. Deswegen wählt die ESA Kandidaten aus, die mentalen und physischen Belastungen Stand halten können. Das wird zwar bei den Auswahltests schon geprüft, es ist aber nicht so einfach, herauszufinden, wie sich jeder einzelne in Extremsituationen verhält. Deswegen werden bevorzugt Bewerber ausgesucht, die anhand ihres Lebenslaufs gezeigt haben, dass sie mit solchen Situationen umgehen können. Ich war zum Beispiel in der Antarktis und auf Vulkanen, habe dort zum Teil Wochen lang mit nur wenigen anderen Menschen abgeschieden und auf engstem Raum zusammengelebt und gearbeitet. Ich denke, diese Erfahrung hat mir bei meiner Auswahl geholfen. Auf der Raumstation lebe und forsche ich sechs Monate lang mit sechs Kolleginnen und Kollegen in einem Raum von der Größe eines 747-Jumbojets zusammen. Wir sind vielseitig ausgebildet, jeder von uns muss nahezu alles können, was auf der ISS gefragt ist. Neben meiner persönlichen Lebenserfahrung musste ich viele neue Dinge dazu lernen. Dabei ist es eigentlich zweitrangig, wo man herkommt und was man vorher gemacht hat. Ich habe in den letzten viereinhalb Jahren einen völlig neuen Beruf gelernt - das war wie ein zweites Studium.

Zuletzt geändert am:
24.05.2014 13:37:36 Uhr

Kontakte

 

Elisabeth Mittelbach
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

Kommunikation, Raumfahrtmanagement

Tel.: +49 228 447-385

Fax: +49 228 447-386
Martin Fleischmann
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

Raumfahrtmanagement, Kommunikation

Tel.: +49 228 447-120

Fax: +49 228 447-386