Katastrophenhilfe
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Der Geograf Jens Danzeglocke arbeitet als wissenschaftlicher Mitar-
beiter beim DLR Raumfahrtmanagement in Bonn und koordiniert die
deutsche Charter-Präsidentschaft von April bis Oktober 2013
Weshalb ist Deutschland dem Verbund der Raumfahrt­
organisationen zur Katastrophenhilfe beigetreten?
Mit dem Beitritt zur Charter im Oktober 2010 folgten
wir einem wesentlichen Ziel der deutschen Raumfahrtstrategie:
Raumfahrttechnologie zum Nutzen der Menschen auf der Erde
einzusetzen. Wir setzen auch die ausdrückliche Forderung der
Vereinten Nationen um, die satellitenbasierte Erdbeobachtung
für den Schutz der Menschen vor Naturkatastrophen anzuwen­
den (UN-Resolution 41/65).
Und welche technischen Voraussetzungen prädestinieren
Deutschland, sich hier einzubringen?
Wir steuern mit den beiden Radarsatelliten TerraSAR-X
und TanDEM-X zwei nationale Erdbeobachtungsmissionen. Zudem
verfügt das DLR an seinem Standort in Oberpfaffenhofen über
die operative Infrastruktur, um die Daten zeitnah und in der
notwendigen Qualität zur Verfügung zu stellen. TerraSAR-X und
TanDEM-X-Daten werden oft bei Flutkatastrophen verwendet. Die
Satelliten können sehr schnell detaillierte Bilder unabhängig von
Wolken oder Tageszeit aufnehmen. Die Radar­aufnahmen eignen
sich gut, um Überflutungsflächen zu kartieren. In einigen Fällen
stellt das DLR auch optische Daten der RapidEye-Satelliten zur
Verfügung, insbesondere bei Wald­bränden. Auch nach dem
Tsunami in Japan im März 2011 war das der Fall. Von dem Tag
an, als der TerraSAR-X-Satellit im Juni 2007 erfolgreich ins All
gebracht worden war, war es also nur eine Frage der Zeit, bis
das DLR ein Vollmitglied der Charter wurde.
Das heißt, das DLR war schon länger in der Charter aktiv?
Ja. Über die deutsche Mitgliedschaft in der Europäischen
Weltraumorganisation ESA haben wir schon seit 2002 als
„Junior-Partner“ die 1999 von der ESA und der französischen
Raumfahrtagentur CNES gegründete Charter unterstützt. Bis
heute wurde der Verbund in mehr als 350 Fällen in über 120
Ländern aktiviert. Im Jahr 2012 gab es 40 Aktivierungen, der
Schnitt der vergangenen fünf Jahre lag bei 42 pro Jahr. Wichtig
zu wissen: Bei der Charter geht es um die Hilfe bei plötzlich ein­
tretenden Großkatastrophen, nicht um Unterstützung bei „vor­
hersehbaren“ oder sich über längere Zeiträume entwickelnden
Notfällen wie einer Dürre. Die Charter ist in ihrer Form einzigar­
tig und basiert auf dem freiwilligen Prinzip, dass jedes Mitglied
seine Ressourcen nach besten Kräften einbringt. Die Hilfe ist für
den Nutzer kostenlos und steht rund um die Uhr zur Verfügung.
Welche Aufgabe hat das deutsche Sekretariat?
Das deutsche Sekretariat ist beim DLR Raumfahrtmanage­
ment in Bonn angesiedelt. Als Sekretär koordiniere ich unsere
nationalen Aktivitäten. Bei 15 Charter-Mitgliedern gibt es auch
15 Sekretäre. Das oberste Gremium ist das sogenannte „Charter
Board“. Hier vertreten Dr. Hans-Peter Lüttenberg als Leiter der
Abteilung Erdbeobachtung im DLR Raumfahrtmanagement und
Prof. Stefan Dech als Direktor des Deutschen Fernerkundungs­
datenzentrums beim DLR in Oberpfaffenhofen den DLR-Vor­
standsvorsitzenden. Das Charter-Sekretariat ist für die reibungs­
lose Umsetzung der Abläufe zuständig und entwickelt Ideen,
um das System noch besser zu machen.
Was bedeutet das im konkreten Fall eines Notrufs?
Dann prüft das Sekretariat den jeweiligen „Call“. Erst da­
nach wird das System wirklich aktiviert. Die operative Arbeit be­
ginnt allerdings schon unmittelbar nach Eingang eines Notrufs,
um keine Zeit zu verlieren, sie kann aber vom Sekretariat wieder
abgebrochen werden. Zudem nominiert das Sekretariat den ver­
antwortlichen Projektmanager. Nicht zuletzt muss sichergestellt
werden, dass unsere wertvollen Daten nicht zweckentfremdet
genutzt werden.
Welchen Inhalten will sich Deutschland in der Zeit seines
Vorsitzes widmen?
Der deutsche Vorsitz beginnt am 16. April 2013 mit einer
viertägigen Konferenz in Berlin, bei der sich alle Board-Mitglieder
und Sekretäre treffen. Momentan bewegt uns, dass die Charter
immer mehr Mitglieder bekommt und auch immer häufiger aus­
gelöst wird. Das spricht einerseits für den Erfolg unserer Arbeit,
macht das Ganze aber auch komplexer. Im Herbst 2012 haben
wir die Initiative „Universal Access“ gestartet, die einen Meilen­
stein für die Charter darstellt. Damit soll Nutzern, zum Beispiel
Katastrophenschutzbehörden weltweit, der Zugang weiter er­
leichtert werden. Die Charter kann von autorisierten Nutzern
aktiviert werden. Dieser Nutzerkreis ist heute noch nicht welt­
umspannend; vor allem in Mittel- und Südamerika, Afrika und
Teilen Asiens gibt es „weiße Flecken“. „Universal Access“ soll
diese Flecken beseitigen oder zumindest verkleinern. Vor dem
Hintergrund einer wachsenden Nutzerbasis müssen die Charter-
Mitglieder deshalb noch stärker im Auge behalten, dass das
System effektiv und leistungsfähig bleibt und unter welchen
Bedingungen es aktiviert wird.
Unbürokratisch helfen
Interview mit Jens Danzeglocke, Sekretär des DLR in der International Charter Space and Major Disasters
Einsatzkoordinator
(ECO)
Projektmanager
Diensthabender
Operator (ODO)
Neustrelitz,
DLR-Bodenstation,
Datenempfang
Weilheim,
DLR-Bodenstation,
Datentransfer zum Satelliten
DLR-Datenmanager
DLR-ZKI
Krisen- bzw.
Katastrophenfall
Autorisierter
Nutzer
Datenveredelung
Beteiligte DLR-Standorte
Vier DLR-Standorte sind direkt in die Charter-Aktivitäten eingebun-
den: Das Sekretariat befindet sich beim Raumfahrtmanagement in
Bonn, beim ZKI in Oberpfaffenhofen werden die Erdbeobachtungs-
daten gesammelt und veredelt. Dazu sendet die Bodenstation in
Weilheim vorab entsprechende Datenbefehle zu den Satelliten. Die
dann aufgenommenen Rohdaten werden von der Bodenstation in
Neustrelitz empfangen und an die Datenmanager im ZKI weiterge-
leitet.
So wird die Charter aktiv
Schematische Darstellung des Ablaufs einer Charter-Aktivierung: Im
Krisenfall informiert der autorisierte Nutzer den „Diensthabenden
Operator“ bei der ESA. Dieser prüft die Anfrage und informiert den
Einsatzkoordinator. Dieser fungiert als „Ersthelfer“ in den ersten
drei Stunden nach Eingang des Hilferufs. Danach übernimmt ein
Projektmanager.
Köln
Berlin
Augsburg
Bonn
Braunschweig
Bremen
Göttingen
Hamburg
Lampoldshausen
Neustrelitz
Oberpfaffenhofen
Weilheim
Stuttgart
Trauen
Stade
Jülich
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In der „Schaltzentrale“ des ZKI: Ein Teil der an den Charter-Aktivitä-
ten beteiligten Wissenschaftler des DLR in Oberpfaffenhofen, dar-
unter Stefan Voigt (links) und Tobias Schneiderhan (vorne)
Es zählt jede Minute, wenn die Charter ausgelöst wird. Im Zentrum
für Satellitengestützte Kriseninformation kennt jeder seine Rolle,
nahtlos greifen Abläufe ineinander.
Teamwork für die optimale Karte: Die Helfer am Unglücksort be­
nötigen möglichst genaue Informationen – die ZKI-Mitarbeiter
nutzen deshalb hochaktuelle Satellitendaten, um daraus bedarfs-
gerechte Schadens- und Lagekarten zu erstellen
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