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Low Cost Carrier auf Erholungskurs in Deutschland

31. Oktober 2012

Starke Wachstumsraten markierten vor rund zehn Jahren die Anfangsphase der Low Cost Carrier in Deutschland. Dieses Wachstum schwächte sich stark ab und es zeigten sich deutliche Sättigungstendenzen. In den ersten Jahren kamen jährlich etwa hundert neue Strecken hinzu. Selbst in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 waren noch Streckenzuwächse zu verzeichnen, mittlerweile pendelt sich die Streckenanzahl bei etwa 650 Verbindungen ab Deutschland ein. Nach einem Rückgang im letzten Jahr um sechs Prozent kommt es dieses Jahr erstmals wieder zu einer leichten Zunahme der Verbindungen um zwei Prozent. Diese und weitere Ergebnisse zur Entwicklung der „Günstigflieger“ enthält der nun erschienene „Low Cost Monitor 2/2012“ (LCM). Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) veröffentlicht den Bericht seit 2006 jeweils im Frühling und Herbst.

Die aktuelle Entwicklung führt dazu, dass das Angebot in Deutschland seit 2008 zwischen 617 und 675 Strecken schwankt. Demgegenüber ist in Europa die Zahl der angebotenen Verbindungen bis heute permanent angestiegen. Dieses Jahr erreichten die Low Cost Carrier mit europaweit über 7000 Verbindungen einen neuen Rekord. Obwohl sich auch hier das Wachstum mit „nur noch“ sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr langsam abschwächt, so liegt es doch deutlich über dem Wachstum in Deutschland. Die Ergebnisse des Low Cost Monitors 2/2012 basieren auf Daten einer Referenzwoche aus dem Sommerflugplan 2012. Die Passagierangaben beziehen sich auf das erste Halbjahr 2012.

Low Cost und traditionelle Fluggesellschaften nähern sich bei Geschäftsmodellen an

Ähnlich wie im letzten Jahr zählen wir in diesem Herbst 20 Fluggesellschaften zum deutschen Low Cost Carrier Markt, wobei die Airlines ihr Angebot zum Teil sehr unterschiedlich gestalten. Dadurch lassen sich nur wenige und eindeutige Abgrenzungskriterien für das Marktsegment Low Cost definieren wie beispielsweise der niedrige Preis und die generelle Verfügbarkeit oder ein Direktvertrieb über das Internet. Zudem verschmelzen die Geschäftsmodelle einiger Gesellschaften durch Annäherung von Low Cost- und traditionellen Linienfluggesellschaften und erschweren somit eine eindeutige Zuordnung. Dies trifft besonders auf die Fluggesellschaft Air Berlin zu, die als Hybridcarrier neben dem Low Cost Segment auch traditionellen Linien- und Charterverkehr durchführt und im Frühjahr der Luftfahrtallianz Oneworld beigetreten ist. Trotzdem gibt es bei Air Berlin weiterhin Merkmale – insbesondere der günstige Flugpreis – die es rechtfertigen einen Teil der Flüge dem Low Cost Verkehr zuzurechnen.

Leichter Anstieg in der Gesamtentwicklung

Insgesamt konnten in dem Untersuchungszeitraum dieses Jahres 648 unterschiedliche Strecken im innerdeutschen und grenzüberschreitenden Low Cost Verkehr identifiziert werden. Dies ist zwar ein Wachstum um zwei Prozent gegenüber dem letzten Jahr, jedoch nur unwesentlich mehr als in den Jahren 2008 und 2009 und weniger als 2010. Neue deutsche Flughäfen kamen nicht zum Low Cost Netz dazu und auch neue Zielflughäfen gibt es nur wenige. Ein Beispiel ist Rijeka in Kroatien. Besonders innerhalb Deutschlands ging die Zahl der bedienten Strecken um über acht Prozent zurück. Demgegenüber steht ein starkes Wachstum nach Spanien, wobei hier ein neuer Rekord sowohl an Flügen (790 Starts) als auch an Strecken (96 Verbindungen) erreicht werden konnte.

Berlin-Tegel hat größtes Low Cost Carrier Angebot

Die Entwicklung an den einzelnen deutschen Flughäfen fällt unterschiedlich aus. An Großflughäfen wie Berlin-Tegel, Stuttgart oder Leipzig erhöhte sich die Anzahl der Low Cost Flugangebote wieder. Aber auch an zahlreichen kleineren Flughäfen wie Weeze, Hahn, Karlsruhe/Baden-Baden oder Memmingen, die im letzten Jahr starke Rückgänge hinnehmen mussten, war eine Zunahme der Flüge zu verzeichnen. Dies ist besonders für die kleineren Flughäfen wichtig, da bei diesen der Linienverkehr oft zu neunzig Prozent und mehr von Low Cost Fluggesellschaften durchgeführt wird. Rückgänge bei den Low Cost Angebotengab es besonders bei größeren Flughäfen wie Berlin-Schönefeld, Köln/Bonn, Hamburg, München oder Frankfurt. Berlin-Tegel weist mit knapp 650 Low Cost Flügen pro Woche in dieser Untersuchungsperiode das größte Angebot vor Köln/Bonn auf.

Germanwings nach Air Berlin auf Platz 2

Das Low Cost Segment von Air Berlin stellt trotz eines weiter anhaltenden Abbaus von zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr das mit Abstand größte Angebot aller Low Cost Carrier in Deutschland dar. Air Berlin wickelt dabei rund 2300 Low Cost Starts in einer Woche ab. Darauf folgt Germanwings mit 968 Starts. Das entspricht einem Plus von einem Prozent gegenüber dem letzten Jahr. Ein starkes Wachstum ist bei Ryanair zu verzeichnen. Nachdem diese Gesellschaft im Jahr 2011 ihr Angebot drastisch reduziert hatte, gibt es in diesem Jahr einen Anstieg um zwölf Prozent auf 672 Starts pro Woche. Die Anzahl der angebotenen Strecken erhöhte sich sogar um sechzehn Prozent auf 187 und erreicht damit einen neuen Rekord, der den bisherigen Wert aus dem Jahr 2010 um 13 Strecken übertrifft. So legt Ryanair offenbar mehr Wert auf einen Ausbau des Streckennetzes als auf eine Erhöhung der Frequenzen. Das gesamte Flugangebot der Low Cost Carrier hat sich gegenüber dem letzten Jahr zwar um rund anderthalb Prozent auf knapp 4900 Starts erhöht, liegt aber noch weit unter dem bisherigen Rekord aus dem Jahr 2010, als 5400 Starts pro Woche angeboten wurden. Insgesamt vereinen die sieben größten Low Cost Carrier (Air Berlin, Germanwings, Ryanair, Easyjet, Intersky, Wizz, flybe) in diesem Frühjahr 94 Prozent des LCC Marktes auf sich.

Annäherung bei den Flugpreisen

Die Durchschnittspreise der bedeutendsten Low Cost Anbieter auf dem deutschen Markt variieren untereinander und in Abhängigkeit vom Vorausbuchungszeitraum. So wurden in einer etwa zehnprozentigen Stichprobe aller Low Cost Strecken Deutschlands die Flugpreise für verschiedene Zeitpunkte ermittelt. Die über alle Strecken und Buchungszeitpunkte ermittelten Durchschnittspreise für einen Flug variieren je nach Carrier im Herbst 2012 zwischen rund 40 Euro und 90 Euro bei den Nettopreisen und zwischen 70 Euro und 120 Euro bei den Bruttopreisen. Während die Durchschnittspreise bei den meisten preiswerteren Low Cost Carriern leicht angestiegen sind, gibt es teilweise einen Rückgang bei den etwas teureren Low Cost Carriern. Die Preisspanne hat sich erneut angenähert.

Marktanteil von Low Cost Carriern geht leicht zurück

Im ersten Halbjahr 2012 nutzten auf den 26 internationalen und regionalen Verkehrsflughäfen in Deutschland knapp 29 Millionen Passagiere die Angebote von Low Cost Airlines. Bei einem lokalen Gesamtpassagieraufkommen von fast 95 Millionen Passagieren in diesen Monaten beträgt der Marktanteil des LCC Segments rund 30 Prozent. Dies bedeutet einen Rückgang um 3 Prozentpunkte gegenüber dem letzten Jahr. Insgesamt hatten die Berliner Flughäfen zusammen genommen mit über 7 Millionen Passagieren im Low Cost Verkehr das höchste Aufkommen aller Flughäfen in Deutschland.

Anhaltender Streckenausbau in Europa

Bei einer Betrachtung des gesamten europäischen Markts zeigt sich die Bedeutung der beiden Marktführer Ryanair und Easyjet, die zusammen mit über 44 Prozent, und damit ein Prozentpunkt mehr als im letzten Jahr, fast die Hälfte aller Low Cost Flüge in Europa anbieten: Mit über 11700 Starts sowie rund 2600 Strecken verfügt Ryanair über das größte Verkehrsangebot. Das Zielland Nummer eins bei den Low Cost Carriern bleibt Großbritannien, das mit weitem Abstand mit über 10 Tausend Starts pro Woche die meisten Flüge aufweist. Während lange Zeit Deutschland das Land mit dem zweithöchsten Angebot an Low Cost Flügen war, ist es mittlerweile auf den vierten Platz abgerutscht und liegt nun hinter Spanien und Italien. Auch bei den Flughäfen mit den meisten Low Cost Angeboten in Europa hat ein Wechsel stattgefunden. Während bis 2009 lange Zeit London-Stansted die meisten Flüge im Low Cost Verkehr aufwies, war es in den letzten beiden Jahren London-Gatwick, das in diesem Jahr von Barcelona abgelöst worden ist. Die deutschen Flughäfen Berlin-Tegel und Köln/Bonn liegen ähnlich wie im letzten Jahr auf den Plätzen 15 und 18. Im Europaverkehr hat der Anteil des Low Cost Carrier Marktes einen Wert von rund 29 Prozent bei den Flugangeboten erreicht und damit im Vergleich zum Vorjahr noch geringfügig zugenommen. Inzwischen gibt es Low Cost Angebote in fast 45 Ländern Europas, dabei werden auch die Grenzen nach Nordafrika und dem Nahen Osten überschritten. Insgesamt ist in Europa im Vergleich zu Deutschland mit sechs Prozent noch ein absolutes Streckenwachstum zu erkennen, auch die Anzahl der Flüge stieg um sechs Prozent, die der Sitze sogar um neun Prozent. Das deutet darauf hin, dass zum einen hier noch Potential besteht und zum anderen auch innerhalb des europäischen Low Cost Verkehrs mittlerweile verstärkt größeres Fluggerät eingesetzt wird.


Lowcost Monitor 2/2012 (1,9 MB)

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