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News Archive 2008

"Ein überwältigendes Gefühl" – Interview mit Thomas Reiter, Teil 1

22. Dezember 2008

 Thomas Reiter bei Wartungsarbeiten auf der Mir
zum Bild Thomas Reiter bei Wartungsarbeiten auf der Mir

Thomas Reiters erste Mission ins All ging 1995 zur russischen Raumstation Mir. 179 Tage lebte und arbeitete er dort während der Euromir 95-Mission. Er betreute rund 40 wissenschaftliche Experimente und unterstützte seine russischen Astronauten-Kollegen beim Betrieb und der Wartung der Raumstation. Im ersten Teil des Interviews berichtet Thomas Reiter von seiner Mission zur Mir.

Frage: Sie haben als elfjähriger Junge einen Brief an Neil Armstrong geschrieben. Wissen Sie noch, was in dem Brief stand?

Thomas Reiter: Das war im Grunde nur ein ganz knapper, ein kindlicher Brief. Ich habe Neil Armstrong natürlich geschrieben, dass ich seine Mond-Mission bewundert habe. Ich habe ihn gebeten, dass er mir ein Missionsemblem schickt. Da mir die Anschrift der NASA nicht bekannt war, ging der Brief an eine Zeitschrift, die sehr intensiv über die Mondlandung berichtet hatte - eine Rückmeldung gab es allerdings nicht.

Frage: Hatten Sie in diesem Alter schon den Wunsch Astronaut zu werden?

Reiter: Ja, das war ganz klar ein Kindheitstraum. Mit der Begeisterung, die sich dafür entwickelt hat, kam dann logischerweise auch der Gedanke: "Astronaut zu sein, das wäre was." Als ich mir vor dem Abitur Gedanken gemacht habe, welchen Weg ich einschlagen soll, sah ich die Sache dann schon etwas realistischer. Dass ich beruflich in der Luft- und Raumfahrt tätig sein wollte, stand für mich fest. Mir war aber auch bewusst, dass die Chancen, in Europa tatsächlich als Astronaut eingesetzt zu werden, nahezu bei Null lagen. Zunächst habe ich dann ein Ingenieurstudium der Luft- und Raumfahrttechnik absolviert, später bin ich Militärpilot geworden. Eine Kombination, die im Rückblick wirklich optimal war. Insbesondere als sich dann diese einmalige Gelegenheit bot, tatsächlich bei der ESA als Astronautenkandidat rekrutiert zu werden.

Euromir 95: Die ersten sechs Monate im All

 Sojus-Rakete auf dem Weg zur Startrampe
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Frage: 1995 sind Sie zum ersten Mal ins All geflogen, mit der Euromir 95-Mission. Auch wissenschaftliche Experimente gehörten damals zum Missionsprogramm.

Reiter: Ja, das war eines der großen Ziele dieser Mission. Wir hatten ein umfassendes wissenschaftliches Programm mit rund 40 Experimenten. Meine Aufgabe bestand zum größeren Anteil in der Durchführung der Experimente, aber auch in der Unterstützung meiner russischen Kollegen bei der Wartung der Raumstation Mir. Denn aus Sicht der ESA war das zweite Ziel dieser Mission, Erfahrungen beim Betreiben einer Station in der Erdumlaufbahn zu sammeln. Hintergrund war natürlich die geplante europäische Beteiligung an der Internationalen Raumstation.

Frage: Am 3. September 1995 sind Sie mit einer russischen Sojus Trägerrakete zur Raumstation Mir gestartet. Wie haben Sie den Start erlebt?

 Biomechanische Tests im 'Silversuit'
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Reiter: Dem Start habe ich sehr lange entgegengefiebert. Zweieinhalb Stunden vor dem Abheben steigt man in die Kapsel, schnallt sich fest und führt die erforderlichen Kontrollen durch. Durch den Steppenwind, der außen an der Rakete vorbeistreicht, bewegt sich dieser Koloss, und man hat das Gefühl: dieses Ding lebt! Die Startsequenz beginnt mit der Zündung der Turbopumpen, was sich durch ein Vibrieren der Rakete bemerkbar macht. Der Countdown läuft ab, die Haupttriebwerke fahren hoch auf volle Leistung. Dann lösen sich die Klammern, welche die Sojus auf der Startrampe halten und die Rakete hebt ab. Es war ein traumhafter Moment. Am Anfang steigt die Rakete recht zaghaft, dann jedoch mit dem Drei- bis Dreieinhalbfachen der Erdbeschleunigung. Mit einem starken Ruck wurde die erste Raketenstufe abgesprengt. Bedauerlicherweise war es in dieser Phase noch nicht möglich, aus dem Fenster zu beobachten, wie die Erde langsam kleiner wird.

Frage: Hatten Sie Anpassungsschwierigkeiten an die Schwerelosigkeit, Schwindelgefühle und Übelkeit?

 Aus der Raumfähre Atlantis: Blick auf die Mir
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Reiter: Nein. Aber es ist in der Tat so, dass sich der Organismus an die Schwerelosigkeit gewöhnen muss. Solange man sich nicht bewegt, ist das kein Problem. Man muss das Ganze eben behutsam angehen. In meiner Arbeitsfähigkeit war ich jedenfalls nicht eingeschränkt. Bemerkenswert war, wie schnell sich der Körper an diese Bedingungen gewöhnt, und wie schnell man beginnt, die Schwerelosigkeit zu genießen.

Einzigartige Eindrücke der Schwerelosigkeit

Frage: Sie absolvierten auf der Mir zwei Außenbordeinsätze, am 20. Oktober 1995 und 8. Februar 1996. Was waren Ihre Eindrücke?

Reiter: Wer lange Zeit in einer Raumstation arbeitet, ist natürlich froh, "wenn er auch mal nach Draußen darf". Näher konnte ich dem Weltall nicht sein. Man arbeitet am Äußeren der Station, bewegt sich mit 28.000 Stundenkilometern und hat einen Blick, der sich durch ein Fenster nie bietet. Das ist ein überwältigendes Erlebnis, ein fast unbeschreibliches Gefühl.

Frage: Nach 179 Tagen Schwerelosigkeit kehrten Sie am 29. Februar 1996 zur Erde zurück. Wie lief die Landung mit der Sojus-Kapsel ab und wie ist dabei die Belastung für die Besatzung?

 Sojus TM-22 Kapsel nach der Landung
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Reiter: Die Landung ist natürlich eine weitere sehr dynamische Phase des Fluges, die leider viel zu schnell vorbei geht. Wenn die Sojus-Kapsel auf die ersten Luftmoleküle in den oberen Schichten der Atmosphäre trifft, sieht man durch das Fenster ein orangefarbenes Leuchten: Plasma, das sich um die Kapsel bildet und immer intensiver wird. Dann ist es leider so, dass die Fenster durch die enorme Hitze "blind" werden. Die Kapsel wird durch die Atmosphäre abgebremst, zunächst ganz sanft und dann hoch bis auf das Vierfache der Erdbeschleunigung. Das ist jedoch gut zu ertragen, immerhin konnten wir uns in der Kapsel noch miteinander unterhalten. Härter wird es dann, wenn sich der erste Bremsfallschirm öffnet. Die Kapsel schlägt in diesem Moment hin und her und man merkt, dass es ein Gleichgewichtsorgan im Ohr gibt. Mit einem weiteren Ruck öffnet sich dann der Hauptfallschirm. Danach verläuft die Landung eigentlich sehr ruhig. Der Hitzeschild wird abgesprengt, gleichzeitig werden die äußeren Schichten von den Fenstern gelöst, es fällt wieder Licht in die Kapsel. In dieser Phase wird ein Stoßdämpfer aktiviert, der einen Teil des Landestoßes aufnimmt.

Von da an sind es noch ungefähr zehn Minuten bis zum Aufsetzen. Bei der Landung schlägt die Kapsel mit einer Geschwindigkeit von vier Metern pro Sekunde auf der Erdoberfläche auf. Kurz davor zünden die Bremstriebwerke in einer Höhe von einem Meter. Unsere Kapsel kippte wegen des Seitenwindes, den wir hatten, zur Seite. Dann herrschte zunächst absolute Stille. Bereits wenige Minuten nach dem Aufsetzen kamen schon die ersten Helfer der Bergungsmannschaft zur Kapsel.

2006 ist Thomas Reiter erneut ins All geflogen, er startete mit dem Space Shuttle Discovery - Astrolab-Mission – zur Internationalen Raumstation ISS. Die Eindrücke seines zweiten Allaufenthaltes schildert Thomas Reiter im zweiten Teil des Interviews.

Das Gespräch wurde geführt von Gerhard Daum und redaktionell überarbeitet von Dorothee Bürkle.


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Zuletzt geändert am: 22.12.2008 11:39:00 Uhr
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