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Ulf Merbold - 25 Jahre Astronaut und ein Leben zwischen Ost und West

28. November 2008

Als am 28. November 1983 die Raumfähre Columbia vom Kennedy Space Center abhebt, ist mit Ulf Merbold zum ersten Mal ein europäischer Astronaut mit an Bord. Zugleich ist Ulf Merbold der erste Ausländer überhaupt, der mit einem amerikanischen Space Shuttle ins All fliegt. In der Ladebucht der Raumfähre befindet sich ebenfalls europäische Fracht: Das Raumlabor Spacelab auf dem Weg zum ersten Einsatz. Mehr als fünf Jahre hatte sich der deutsche ESA-Astronaut Ulf Merbold auf den Flug vorbereitet.

Bei dieser ersten Mission von Ulf Merbold, der amerikanischen Mission STS-9, reisten erstmals sechs Personen gemeinsam in einem Raumfahrzeug. Zehn Tage blieb das Space Shuttle im Orbit, in denen die Crew insgesamt 73 wissenschaftliche Experimente durchführte. Auch für das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) gab es bei dieser Mission eine Premiere: das Deutsche Raumfahrt-Kontrollzentrum des DLR in Oberpfaffenhofen führte zum ersten Mal erfolgreich eine bemannte Raumfahrtmission durch.

Ulf Merbold flog danach noch zwei weitere Male ins All. 55 Tage verbrachte er im Weltraum, bei insgesamt drei Missionen, das heißt, kein Deutscher trat die Reise ins All öfter an. "Ulf Merbold hat mit seinem Flug 1983 auch die deutsch-amerikanische Kooperation in der bemannten Raumfahrt eingeleitet", sagt Prof. Johann-Dietrich Wörner, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR): "So gesehen hat er mit seinen Forschungsflügen auf dem Space Shuttle und der russischen MIR-Station nicht nur wertvolle Beiträge für die Wissenschaft und die internationale Zusammenarbeit in der Raumfahrt geleistet, sondern bereits damals einen Weg beschritten, der heute auf der Internationalen Raumstation ISS weiter gegangen wird."

Ulf Merbold - Werdegang eines Astronauten

Merbold wurde am 20. Juni 1941 im thüringischen Ort Greiz (Vogtland) geboren. Nachdem er in der damaligen DDR ein gutes Abitur abgelegt hatte, ging er als 19-jähriger in den Westen, um Physik, das Fach seiner Wahl, studieren zu können. Nach dem Studium an der Universität Stuttgart untersuchte Ulf Merbold als Diplom-Physiker von 1967 bis 1978 Probleme der Festkörperphysik am damaligen Stuttgarter Max-Planck-Institut für Metallforschung. 1976 erwarb er den Doktortitel.

Ab Juli 1978 arbeitet er für die Europäische Weltraumorganisation ESA. In dieser Zeit konnte er sich als einer von europaweit mehr als 2000 Bewerbern für die amerikanische Shuttle-Mission von 1983 qualifizieren. Nach seinem ersten Flug ins All begleitete er die Vorbereitungen für die erste deutsche Weltraummission (D-1, 1984), für die er auch Backup-Astronaut war. Nach dem Beschluss, eine zweite deutsche Mission zu fliegen, übernahm Ulf Merbold 1987 die Leitung des DLR-Astronauten-Teams und bereitete es auf die Weltraummission vor. Ein Jahr später ging er jedoch wieder zurück zur ESA, da er für die Crew der geplanten amerikanischen Mission Spacelab IML-1 im Jahr 1992 benannt worden war. Im Auswahlverfahren für die endgültige Besatzung dieser Space Shuttle-Mission (Discovery, Mission STS-42/IML-1, vom 22. bis zum 31. Januar 1992) konnte sich Merbold gegen die starke internationale Bewerberkonkurrenz durchsetzen und flog ein zweites Mal ins All.

Ulf Merbold und Kosmonaut Valery Polyakov bei Experimenten auf der Mir im Oktober 1994. Bild: ESA.

Unmittelbar nach seiner zweiten Shuttle-Mission im Jahr 1992 begann Merbold mit den Vorbereitungen für die russische MIR94-Mission. Er begleitete als erfahrener Astronaut und Ausbilder die zweite Astronautengeneration der ESA auf ihrem Weg ins All. Schließlich entschied sich die ESA zusammen mit den russischen Ausbildern für den Astronauten mit der größeren Erfahrung. Ulf Merbold flog am 3. Oktober 1994 zum dritten Mal ins All, zur MIR-Station, wo er bis zum 4. November 1994 blieb.

"Ulf Merbold ist nicht nur drei Mal ins All geflogen, er hat auch andere Astronauten- und Kosmonautenkollegen auf ihre Missionen mit vorbereitet. Während der Missionen D1 und D2 sowie MIR97 saß er außerdem an der Konsole im DLR-Raumfahrt-Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen und war der Kontaktmann zwischen Bord und Boden", sagt Astronautenkollege Thomas Reiter, heute DLR-Vorstand für Raumfahrtforschung und –entwicklung. "Neben der Begeisterung für die Raumfahrt hat Ulf Merbold seine Leidenschaft für das Segelfliegen nie vergessen: für die Arbeit in einer hochtechnisierten Umgebung im Orbit – an Bord des Shuttles oder der russischen Raumstation Mir - war und ist das Spiel mit den Naturgewalten im Segelflugzeug für ihn ein hervorragender Ausgleich."

Astronaut ohne wenn und aber

Das Ende des Kalten Krieges und die daraus resultierenden politischen Veränderungen hatten zu einer Vereinbarung der Europäischen Weltraumorganisation ESA mit der russischen Raumfahrtagentur RKA über zwei bemannte Flüge zur MIR-Station geführt, MIR94 und MIR95. Ulf Merbold konnte für die internationale Zusammenarbeit in der Raumfahrt und die Annäherung der beiden Raumfahrtagenturen wichtige Unterstützung leisten: Mit dem ersten deutschen Kosmonauten, Sigmund Jähn, der 1978 mit einer russischen Sojus-Rakete im All war, verbindet ihn nicht nur eine heimatlich Nähe - ihre Geburtsorte im Vogtland liegen nur etwa 50 Kilometer voneinander entfernt. Persönlich hatten sich die beiden Mitte der achtziger Jahre bei einem Kongress in Salzburg kennen gelernt und sind seitdem auch freundschaftlich miteinander verbunden. Sigmund Jähn zum Jubiläum seines Astronautenkollegen: "Nach wie vor arbeitet Ulf Merbold für die ESA als Berater in der Astronautenausbildung. Viel von seiner Zeit nimmt auch das umfangreiche ehrenamtliche Engagement in Anspruch, im Verein Luftfahrt ohne Grenzen oder im Kuratorium des wissenschaftlich-technischen Museums in Wolfsburg. Zur Ruhe hat sich Ulf Merbold nicht gesetzt."

Astronaut Sigmund Jähn über seinen Kollegen Ulf Merbold

"Für uns gibt es genug Stoff, um miteinander zu reden"

Die deutsche Nachkriegsgeschichte und die Zeit des Kalten Krieges haben es mit sich gebracht, dass sich die zwei ersten deutschen Raumfahrer, deren Geburtsorte im Vogtland nur 32 Kilometer auseinander liegen, erst viele Jahre nach ihren Missionen im All auf dem Boden des neutralen Lands Österreich kennen lernten.

Der Anlass war für uns beide geschichtsträchtig genug: Die Hermann Oberth Gesellschaft lud uns 1984 zu einem Kongress nach Salzburg ein. Anlass war der 90. Geburtstag von Hermann Oberth, dem größten deutschen Raumfahrtpionier und -theoretiker.

Ulf Merbold war auf diesem Parkett weit sicherer als ich. Aber er war mir gegenüber aufgeschlossen und ohne Vorbehalte. Das war nicht unbedingt zu erwarten, schließlich war ich Militärflieger in der DDR und hatte einen soliden Dienstgrad in der Nationalen Volksarmee. Mir wurde auch bald klar, dass er sich in der komplizierten deutschen Geschichte nicht nur hervorragend auskannte, sie bewegte ihn im Innersten, zumal er und seine Familie durch die Umstände der Nachkriegszeit an ihr schwer zu tragen hatten. Für uns gab es, auch während späterer Begegnungen auf Kongressen im Ausland, genug Stoff, um miteinander zu reden.

Ulfs Glaube an ein demokratisches Deutschland, in das er auch seine alte Heimat eingeschlossen haben wollte, hat sich zu unseren Lebzeiten erfüllt. Das war und ist für ihn ein verwirklichter Traum. Für mich wurde das Ende der DDR zunächst zum real existierenden Problem. Ich verlor am 2. Oktober 1990 meine Existenzgrundlage. Ulf Merbold, der in jenen Jahren für das Astronautenteam des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) verantwortlich war, blieb sich treu. Er verstand diese Jahre als eine Zeit der Chancen und nicht der Abrechnung. Nur so kann ich es verstehen, dass mir auf Ulfs Vorschlag hin noch 1990 angeboten wurde, für das DLR im russischen Kosmonautenausbildungszentrum zu arbeiten. 1993 kam der ESA-Astronaut Dr. Merbold selbst zur Ausbildung ins Sternenstädtchen. Er bereitete sich auf seinen dritten Raumflug, diesmal nicht mit dem amerikanischen Space Shuttle, sondern mit den russischen Raumfahrzeugen Sojus und Mir vor. Ich versuchte, ihn ebenso ehrlich zu unterstützen, wie er mir geholfen hatte.

Dr. Sigmund Jähn


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Andreas Schütz
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

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Spacelab-Bildergalerie: Ein Stück Raumfahrtgeschichte auf dem Weg ins Museum (http://www.dlr.de/iss/desktopdefault.aspx/tabid-1/86_read-13512/usetemplate-print/)