Power aus der Wüste

Verglichen mit dem Alter der Pyramiden in Ägypten sind zehn Jahre keine Ewigkeit. Spätestens dann soll der Sonnenstrom aus der Wüste Nordafrikas zu uns kommen. Bild: Photos.com
Verglichen mit dem Alter der Pyramiden in Ägypten sind zehn Jahre keine Ewigkeit. Spätestens dann soll der Sonnenstrom aus der Wüste Nordafrikas zu uns kommen. Bild: Photos.com

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Irgendwann in der Zukunft: In deinem Zimmer brennt Licht. Der Akku in deinem Handy ist frisch aufgeladen und du telefonierst gerade. Nebenbei läuft dein PC. Vielleicht auch noch das Radio – wenn es dann so etwas noch gibt. Und nebenan in der Küche brummen Kühlschrank und Spülmaschine leise vor sich hin. Was das mit der Zukunft zu tun hat? Ist doch alles so wie heute! Nein, nicht ganz: Erstens bist du dann rund zehn Jahre älter als jetzt … Zweitens kommt aus deinen Steckdosen Strom aus der Wüste. Und drittens kannst du dir diesen Text ja mal ausdrucken, in die Schublade legen und in zehn Jahren mit der Wirklichkeit vergleichen. Mal sehen, ob diese Vision von der Wüsten-Power dann Realität geworden ist ...

So sehen die Kollektoren aus, die beim Projekt Desertec die Sonnenstrahlen in der Wüste einfangen und bündeln sollen.<br> Bild: DLR
So sehen die Kollektoren aus, die beim Projekt Desertec die Sonnenstrahlen in der Wüste einfangen und bündeln sollen.
Bild: DLR

Denn wenn das alles wirklich eines Tages der Fall sein sollte, habt ihr jungen Leute von heute echt Glück gehabt! Dann ist nämlich eine Vision, die Ingenieure und Wissenschaftler gegenwärtig entwickeln, in die Tat umgesetzt worden. Und das bedeutet: Die Luft draußen müsste etwas sauberer sein als heute – oder zumindest ist sie nicht noch stärker mit Kohlendioxid belastet. Denn der Strom aus der Wüste wird völlig abgasfrei erzeugt. Ein paar Kohlekraftwerke sollten dafür im Gegenzug inzwischen abgeschaltet worden sein. Und vielleicht gibt es ja auch keine Atomkraftwerke mehr.

Sonnenstrom aus der Sahara

So sieht der Plan von Desertec aus: Sonnenkraftwerke in der Wüste, Windräder an der Küste und ein neues Netz für den Strom-Transport. Bild: Desertec
So sieht der Plan von Desertec aus: Sonnenkraftwerke in der Wüste, Windräder an der Küste und ein neues Netz für den Strom-Transport. Bild: Desertec

Das Zukunftsprojekt, von dem hier die Rede ist, heißt „Desertec“. Da steckt das englische Wort für Wüste – also „Desert“ – drin. Und „tec“ für Technik. Und jede Menge Hoffnung! Dass man nämlich in Nordafrika auf umweltfreundliche Weise Strom erzeugen kann. Nordafrika? Genau! Denn dort in der Sahara scheint tagsüber bekanntlich andauernd die Sonne. Deshalb ist man auf die Idee gekommen, in dieser Gegend Solarkraftwerke zu bauen. Denn „Gegend“ gibt es da reichlich: Die Wüste ist riesig! So groß, dass ein Land wie Deutschland da gleich ein paar Mal hineinpassen würde. Also kann man dort viele solcher umweltfreundlichen Anlagen bauen. Und auch Windparks mit großen Windrädern, die Strom erzeugen. So will man die Kraft von Sonne und Wind nutzen, um nicht nur die afrikanischen Länder mit Elektrizität zu versorgen. Ein Teil der „Power“ aus der Wüste soll auch nach Europa geliefert werden. Schon im Jahr 2020 könnte das alles Wirklichkeit werden. Und bis 2050 will man auf diese Art rund 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken. Dass das geht, haben die Forscher des DLR kürzlich in einer Studie nachgewiesen.

Kompakt & wissenswert
  • Was ist der Brennpunkt?
    Was ein Brennpunkt ist, kannst du im Physikbuch nachlesen. Oder du nimmst draußen im Freien mal eine Lupe zur Hand und hältst sie bei Sonnenschein über ein Stück Papier. Wenn du den richtigen Abstand wählst, wird die Lupe zum Brennglas: Das Papier fängt dann sehr schnell zu qualmen und zu brennen an. Aber Vorsicht! Mach das nur, wenn Erwachsene dabei sind! Und stell dir sicherheitshalber einen Eimer Wasser zum Löschen daneben! Oder lies dir vielleicht doch besser das Physikbuch durch … Experimente mit Feuer sind nämlich nicht ganz ungefährlich! Und nie darf man bei diesem Versuch mit bloßem Auge in die Sonne schauen. Auch das Brennglas darf man nur auf harmlose Dinge richten – auf keinen Fall auf die Augen oder die Haut!

Und so soll der Plan funktionieren: Eingefangen wird das Licht mit „Parabolrinnen-Kollektoren“. Das sind gewölbte Spiegel, die von der Form her wie eine Dachrinne aussehen – als ob man ein Rohr der Länge nach durchgeschnitten hätte. Das ist etwas kompliziert zu beschreiben – seht euch einfach die Fotos auf dieser Seite an. Diese viele Meter langen Spiegelröhren bündeln das Sonnenlicht in einer Leitung genau in ihrer Mitte: im Brennpunkt. In dieser Leitung befindet sich eine Flüssigkeit – Wasser oder ein spezielles Öl. Sie wird durch den „Lupeneffekt“ der Spiegel stark erhitzt und dann ins Innere des Kraftwerks geleitet, wo sie eine normale Dampfturbine und damit den Generator in Bewegung versetzt. Das Resultat: Strom ohne Schadstoffe oder radioaktiven Müll – einfach nur sauber.

Die „Strom-Autobahn“

Bei dieser Detail-Aufnahme sieht man die Spiegelröhre (links) ganz deutlich. Sie ist mit einer speziellen Flüssigkeit gefüllt, die von den Sonnenstrahlen erhitzt wird. Bild: DLR
Bei dieser Detail-Aufnahme sieht man die Spiegelröhre (links) ganz deutlich. Sie ist mit einer speziellen Flüssigkeit gefüllt, die von den Sonnenstrahlen erhitzt wird. Bild: DLR

Diese Technik ist übrigens bereits heute entwickelt und erprobt: Parabolrinnen-Spiegel sind schon in Solarkraftwerken in Spanien und Kalifornien in Betrieb. Und auch, wie sich nachts Strom erzeugen lässt, weiß man schon: mit Wärmespeichern. Dabei wird am Tag die überschüssige Hitze in riesigen Tanks gespeichert, die mit speziellen Salzlösungen gefüllt sind. Nachts kann die darin vorgehaltene Wärme an die Turbine abgegeben und so in Strom verwandelt werden.

Und wie kommt der Strom aus der Wüste zu uns in den Norden? Über eine „Strom-Autobahn“, die mit speziellen unterirdischen Leitungen Tausende Kilometer weit von der Sahara bis nach Europa führt. Gibt’s übrigens auch schon – solche Leitungen: etwa in Brasilien, wo sie aus Wasserkraftwerken in die großen Städte führen.

Auch in der Wüste wird es jeden Tag dunkel. Trotzdem kann dann weiter Solarstrom erzeugt werden: Die Wärme der Sonne wird am Tag gespeichert und in der Nacht genutzt. Bild: Photos.com
Auch in der Wüste wird es jeden Tag dunkel. Trotzdem kann dann weiter Solarstrom erzeugt werden: Die Wärme der Sonne wird am Tag gespeichert und in der Nacht genutzt. Bild: Photos.com

Neben der Stromerzeugung soll Desertec aber noch mehr können. Denn die Studie sieht vor, dass das Projekt „nebenbei“ auch noch zur Lösung eines anderen Problems beiträgt: Die Rede ist von der Trinkwasserversorgung im Norden Afrikas. Denn mit der Restwärme der Kraftwerke, die ansonsten ungenutzt verpuffen würde, könnten Anlagen zur Entsalzung des Meerwassers betrieben werden. Bekanntlich ist Meerwasser nur dann trinkbar, wenn ihm das Salz entzogen wird. Das bedeutet neben umweltfreundlichem Strom: Trinkwasser in großen Mengen.

Übrigens: „Desertec“ wird natürlich nur einen Teil des Stroms liefern können, den man in Zukunft in Europa benötigt. Weiterer „sauberer“ Strom kann beispielsweise aus der entgegengesetzten Richtung kommen: aus großen Windparks in der Nordsee. Denn so wie in der Sahara fast immer die Sonne scheint, so weht draußen auf dem Meer fast immer der Wind.