Verabredung mit einem Kometen

Die europäische Sonde Rosetta hat bereits einen langen Weg hinter sich. Seit dem 2. März 2004 reist sie durch das Sonnensystem. Bild: DLR (CC-BY 3.0).
Die europäische Sonde Rosetta hat bereits einen langen Weg hinter sich. Seit dem 2. März 2004 reist sie durch das Sonnensystem. Bild: DLR (CC-BY 3.0).

Am 20. Januar 2014 um 11 Uhr Mitteleuropäischer Zeit (MEZ) klingelte weit draußen im Weltraum ein Wecker, Hunderte von Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Natürlich war es kein echter Wecker. Es handelte sich vielmehr um ein vorprogrammiertes Computersignal. Es weckte die Sonde Rosetta auf, die sich mehr als 30 Monate in einem „kosmischen Dornröschenschlaf“ befunden hatte. Nach dieser energiesparenden Schlummerphase fuhr Rosetta automatisch die Bordsysteme wieder hoch – und einige Wochen später wurde auch das kleine Landegerät namens Philae aus dem Schlaf geholt, das „huckepack“ auf der Rosetta-Sonde mitfliegt. Damit begann die „heiße Phase“ einer faszinierenden Reise durchs All!

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Dieses Bild zeigt den Kometen aus Sicht der Rosetta-Sonde am 3. August aus rund 280 Kilometern Distanz. Bild: ESA/Rosetta/MPS for OSIRIS Team MPS/UPD/LAM/IAA/SSO/INTA/UPM/DASP/IDA
Dieses Bild zeigt den Kometen aus Sicht der Rosetta-Sonde am 3. August aus rund 280 Kilometern Distanz. Bild: ESA/Rosetta/MPS for OSIRIS Team MPS/UPD/LAM/IAA/SSO/INTA/UPM/DASP/IDA

Im Jahre 2004 war die Rosetta-Sonde gestartet. Ihr Ziel: ein Komet namens 67P/Tschurjumow-Gerasimenko. Der Weg war kompliziert. Auch wenn es seltsam klingt: Man kann nicht einfach geradeaus dorthin fliegen. Stattdessen musste Rosetta mehrfach knapp an der Erde und anderen Himmelskörpern vorbeifliegen und bei diesen sogenannten Swing-by-Manövern Schwung holen. Das alles wurde lange im Voraus geplant. Und während Rosetta immer schneller durchs Sonnensystem sauste, näherte sich der Komet aus der Ferne.

Das Rendezvous im All

So ähnlich wie in dieser künstlerischen Darstellung könnte es aussehen, wenn Rosetta die kleine Landesonde Philae über den Kometen  67P/Tschurjumow-Gerasimenko ausklinkt. Bild: ESA-C. Carreau/ATG medialab
So ähnlich wie in dieser künstlerischen Darstellung könnte es aussehen, wenn Rosetta die kleine Landesonde Philae über den Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko ausklinkt. Bild: ESA-C. Carreau/ATG medialab

Jetzt, im Jahr 2014, kommt es zum Rendezvous! Rosetta umkreist den Kometen, beobachtet und fotografiert ihn – und dann wird die kleine Landesonde Philae ausgeklinkt. Sie soll auf dem Kometen landen – erstmals in der Geschichte der Raumfahrt! Das ist eine komplizierte Angelegenheit: Denn Kometen sind so klein, dass sie kaum eine Anziehungskraft haben. Eine Sonde würde da auf die Oberfläche auftreffen und gleich wieder ins All „hüpfen“ – wenn sie nicht wie Philae „Harpunen“ hätte, mit denen sich der Lander auf der Oberfläche verankert. Aber was für eine Oberfläche ist das überhaupt? Eis und Staub – daraus bestehen Kometen. Aber wie ist diese Mischung beschaffen? Ist sie fest oder weich? Verkrustet oder wie Pulverschnee? All das musste man lange vor dem Start herausfinden. Dazu wurden in Weltraumkammern viele Tests gemacht: Man setzte eine Mischung aus Eis und Staub den Weltraumtemperaturen von -180 Grad aus, erzeugte ein Vakuum, schaltete eine künstliche „Sonne“ ein und beobachtete. Immer wieder. Ingenieure und Wissenschaftler testeten, diskutierten, verbesserten die Systeme – und nun wird sich zeigen, ob sie Erfolg haben. Wenn alles klappt, wird Philae Bodenproben entnehmen, in einem Mini-Labor vor Ort analysieren und die Ergebnisse zur Erde funken. Dann wüssten wir viel genauer als bisher, woraus Kometen wirklich bestehen.

Eine Reise in die Vergangenheit

Der Komet 67P/Churyumov-Gerasimenko. Bild: DLR (CC-BY 3.0).
Der Komet 67P/Churyumov-Gerasimenko. Bild: DLR (CC-BY 3.0).

Warum sich Wissenschaftler für Kometen interessieren? Weil Kometen so etwas wie kosmische Tiefkühltruhen sind: Sie haben die Materie, aus der das Sonnensystem entstanden ist, im Ur-Zustand konserviert. Auf der Erde ist das anders: Hier haben Wind und Wetter und geologische Prozesse wie Vulkanismus alles Gestein immer wieder verändert. Wenn wir einen Kometen untersuchen, blicken wir praktisch in die Entstehungszeit unseres eigenen Planeten, der sich wie die übrigen Himmelskörper des Sonnensystems vor 4,6 Milliarden Jahren aus einer Wolke von kosmischen Gas- und Staubteilchen geformt hat. Rosetta ist also so etwas wie eine Reise in die Vergangenheit.

Aber es gibt noch viele andere Fragen: In ihrer Frühzeit wurde die Erde von Kometen regelrecht bombardiert. Ist so das Wasser auf unsere Welt gekommen? Offenbar ja. Wurden so vielleicht sogar auch die „Bausteine“ des Lebens auf unseren Planeten „importiert“? Man weiß es nicht, noch nicht. Rosetta und Philae könnten Aufschlüsse liefern. Ein anderer Grund, weshalb uns Kometen nicht egal sein sollten: Sie sind zwar schön anzusehen, wenn sie in der Nähe der Sonne ihren leuchtenden Schweif ausbilden. Aber sie könnten uns auch irgendwann einmal gefährlich werden. Was, wenn ein Komet auf Kollisionskurs zur Erde gerät? Man müsste ihn von seiner Bahn abbringen oder vielleicht im Weltraum zerstören – solche Szenarien mit unbemannten Sonden werden zurzeit diskutiert, auch wenn wir bisher keinen Himmelskörper kennen, der auf Crash-Kurs mit der Erde ist. Aber das könnte sich eines Tages ändern. Und dann wäre es gut, wenn man weiß, woraus Kometen bestehen. Das gilt natürlich auch für Asteroiden, die anders als Kometen aus Gestein bestehen und die ebenfalls untersucht werden.

Rosetta ist eine Mission der Europäischen Weltraum-Organisation ESA. Der Philae-Lander wurde unter maßgeblicher Beteiligung des DLR entwickelt.