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Die erträgliche Leichtigkeit des Seins: Politik, Wissenschaft und Kunst - schwerelos



20. Parabelflugkampagne des DLR
 Fotokünstler Thomas Ruff...
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"Die Wissenschaft braucht die Kunst, damit sie menschlich bleibt. Die Kunst braucht die Wissenschaft, damit sie sich nicht lächerlich macht."
Raymond Chandler

Im September 2012 kam es auf Initiative des DLR im Parabelflugzeug „Zero G“ zu einem bislang einzigartigen Projekt. Politiker, Wissenschaftler und Künstler, darunter der weltberühmte Fotograf Thomas Ruff, begegneten sich in der Schwerelosigkeit zum Dialog. Der Name des Projekts: Kunst schwebt.

In der deutschen Verfassung, dem „Grundgesetz“ (GG), findet sich in Artikel 5 III ein nicht nur für Laien überraschender Satz: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Überraschend deshalb, weil Wissenschaft und Kunst nicht nur benannt werden, sondern im selben Atemzug. Die Väter des GG waren Politiker, die mit den Übeln der Nationalsozialisten ein für alle Mal aufräumen wollten, und dies verfassungsrechtlich geschützt. Kunst und Wissenschaft waren nämlich von den Nazis sowohl unterdrückt als auch missbraucht worden, teilweise sogar für verbrecherische Zwecke. Art 5 GG zählt zu den Verfassungsartikeln, denen das Grundgesetz eine „Ewigkeitsgarantie“ zuspricht: Die Kunst- und die Wissenschaftsfreiheit können nicht abgeschafft werden.

Das DLR hat im September 2012 auf seiner 20. Parabelflugkampagne in einer weltweit noch nicht dagewesenen Form die Bereiche Politik, Wissenschaft und Kunst in einem Schwerelosigkeitsprojekt zusammengeführt. Das Projekt heißt „Kunst schwebt“ und entstand bei einem Besuch der Wiener Ausstellung „Weltenraum Kunst – Die Kunst und ein Traum“. Hintergrund ist die Überzeugung, dass Politik, Wissenschaft und Kunst – jeder Bereich in seiner spezifischen Form – positiv in die Gesellschaft eingreifen und diese mit gestalten.

Kunst ist, selbst wenn hier keine Definition gegeben werden kann und will, wesentlich Neuheit: Neuheit der Form, des Ausdrucks, in großen Momenten auch des Inhalts und last, but not least, der Erfahrung und ihrer Umsetzung. Mit dem Projekt „Kunst schwebt“ wurde Neues und Einzigartiges geschaffen: Nicht nur gab es die erste Dichterlesung in Schwerelosigkeit durch den österreichischen Autor Clemens Berger; es wirkten auch weltberühmte Künstler, so Thomas Ruff und Julieta Aranda, in der Schwerelosigkeit (Details s.u.) während DLR-Wissenschaftler ihre Forschungsexperimente flogen. Politiker aus dem Bundestag nahmen an diesem Flug teil und erlebten die erste, vom DLR-Projektpartner KUNSTHALLEwien kuratierte, schwerelose Kunstperformance.

Das Projekt, eine „Gemeinschaftsleistung“: Die Organisationseinheit „Forschung unter Weltraumbedingungen“ des DLR und deren Parabelflug-Projektleiterin Dr. Ulrike Friedrich hatten ein Kunstprojekt von Beginn an gefördert, dann begleitet und organisatorisch umgesetzt; die Politik- und Wirtschaftsbeziehungen des DLR hatten die spezielle Idee und das Konzept inauguriert sowie diese dann mit den Partnern realisiert. Die KUNSTHALLEwien schließlich stellte durch die Kuratorin Catherine Hug künstlerisches Knowhow zur Verfügung und schloss die Kontakte zwischen DLR, Kunsthalle und den Künstlern.

Im Folgenden geben wir Details zu den Künstlern und ihrer Kunst wider:

Julieta Aranda, Konzeptkünstlerin, geboren in Mexiko, arbeitet und lebt in New York und Berlin. Sie widmet sich dem Themenkreis utopischer Gesellschaftsentwürfe im Bereich Science Fiction und dem Thema „Zeit“ im Besonderen. In ihren explorativ angelegten Werken, ihrer „research base“, setzt Aranda ihre Beobachtung und Erfahrungen vielfältig in so unterschiedlichen Medien wie Fotografie, Film, Musik und Installationen, aber auch in theoretischen Schriften um.

 Die Leichtigkeit der Schwerelosigkeit...
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Für den Parabelflug führte sie zwei verschiedene Experimente durch. Ihre Inspiration für das erste Experiment erhielt sie beim Besuch des Yuri Gagarin Museums in Moskau: Zum einen trug sie während der Parabelflüge ein an ihrem Körper befestigtes EKG – ebenso wie dies der berühmte Kosmonaut schon vor über 50 Jahren trug. Die Daten der Aufzeichnung während ihres Parabelflugs wurden erfasst und ausgedruckt. Diese visuellen Daten will sie nun weiter künstlerisch verarbeiten und u.a. in musikalische Interpretationen umwandeln. In ihrem zweiten Experiment widmet sie sich dem bereits angesprochenen Thema der verfallenen Utopien – wie z.B. „2001 – Odyssee im Weltraum“ oder „1984". Diese Utopien, die zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung noch Zukunftsvision waren, sind heute bereits Vergangenheit und wurden, wenn überhaupt, nur teilweise Realität. Dennoch enthalten diese Werke einen Kern Wahrheit, der für das Leben in der Gesellschaft von heute Relevanz und Wertigkeit haben kann. Beispiele sind Themen wie sozial gerechtere Räume, ewige Jugend und Gesundheit, uneingeschränkte Mobilität oder Zugriff auf Informationen. Man ist diesen Vorstellungen zum Teil zwar näher gerückt, aber die voranschreitende Entwicklung hat gleichzeitig wieder neue Probleme geschaffen, neue Situation generiert, denen man sich wieder neu stellen und auch lernen muss, damit kreativ umzugehen.

Thomas Ruff, Fotokünstler, Professor der Düsseldorfer Kunstakademie und Vertreter „Becher Klasse“, setzt sich seit Beginn seiner künstlerischen Karriere wiederkehrend auch intensiv mit dem Themenbereich Astronomie und Weltraum auseinander.

In bestimmten Werkgruppen wie z.B. in seiner Serie der Sternenbilder (Saturn-Serie und Mars-Serie) befasst er sich mit Astronomie als einer bildgebenden Wissenschaft. Die Bilder dieser Planeten sind nicht von Menschenhand aufgenommen, sondern von Satelliten, oder wenn man so will von Apparaturen, die wiederum von Menschen gebaut wurden. Hier entwickelt Ruff eine Dynamik, in dem er die Bilder einem Verwandlungsprozess unterwirft und diese - unter Nennung der wissenschaftlichen Quelle - persönlich verändert. Aus dem „Pool“ an Bildern, die unser heutiges Leben geradezu überfluten, schöpft Thomas Ruff seine Grundlagen und verändert sie durch den Einsatz von künstlerischen Mitteln: Er unterzieht sie einem kreativen Selektionsprozess, er betont durch Farben und Formen, wählt bestimmte Detailausschnitte aus und gestaltet durch Veränderung der Perspektive.

Beim Parabelflug steht zum ersten Mal seine eigene Person in ihrer Körperlichkeit im Mittelpunkt, im Gegensatz zu den oben genannten Beispielen. Dies stellt natürlich einen engen Bezug zu der besonderen Situation des Parabelfluges her. Diese Erfahrung ist für ihn so ungewöhnlich, dass er eine Form von seriellem Selbstportrait schafft – als einen Dialog mit sich selbst – an die Stelle von Planeten rückt quasi die Person Thomas Ruff, die uns über die Bilder seine Erfahrungen mitteilt. Diese Erfahrungen sind dominiert vom teilweisen Verlust der Kontrolle über den Körper, denn die Bewegungen müssen sich der Umgebung „Schwerelosigkeit“ erst anpassen; gleichzeitig entdeckt er eine neue Möglichkeit des Körperbewusstseins.

Mit seinem Experiment, sich selbst in Schwerelosigkeit zu fotografieren, wird er selbst zum Gegenstand einer experimentellen Analyse - er ist Beobachter und Objekt seiner künstlerischen Methode. „Ich muss sagen, dass ich die Erfahrung der Schwerelosigkeit nicht mehr missen will: Es war wirklich großartig. Ich bin mir nicht sicher, aber vielleicht habe ich das erste Selbstporträt in Schwerelosigkeit gemacht. Man darf gespannt sein, welche Serie sich aus dieser einzigartigen Erfahrung entwickeln wird“.

Clemens Berger, Schriftsteller, geboren in Güssing Österreich, aufgewachsen in Oberwart, studierte Philosophie in Wien, wo er als Schriftsteller lebt. Die Themen seines Prosawerks drehen sich wiederkehrend um Fragen nach der menschlichen Existenz. Große Interessenssphären wie die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen, oder die Suche nach sinnlichem Erkenntnisgewinn, stechen bei ihm aber nicht als Erfahrungsbericht sondern viel mehr als Ode auf den Mut für das Singuläre, das Außergewöhnliche heraus.

Clemens Berger hat während des Parabelfluges die erste Dichterlesung in Schwerelosigkeit gehalten. Er zitierte aus seinem Theaterstück „Engel der Armen" (Angel of the Poor, 2011/12). Darin wird die Gesellschaft konfrontiert in poetisch-unvoreingenommener und dennoch unterschwellig offenkundig direkter, kritischer Weise mit der Frage, wie der Einzelne und die Gesellschaft dem unausweichlich bevorstehenden Tod auf auffällig pragmatische und damit höchst problematische Weise begegnen. „Angel of the Poor" hat Clemens Berger bewusst ausgewählt, um es in der Schwerelosigkeit zu lesen, weil es Fragen aufwirft nach ewigem Leben, Schmerzen und wie man dagegen ankämpft, Pragmatismus im Umgang mit dem „Leben danach", aber auch die Grundsatzfrage nach der Allmacht der Sprache als einzig valider Weg der Wissensvermittlung".

Das DLR hat die Politik, die Wissenschaftler und die Künstler in die Schwerelosigkeit begleitet. Der kreative Prozess und die persönliche Erfahrung, angefangen vom Exposé bis hin zur Durchführung während der Parabelflugkampagne, wurden in einer filmischen Dokumentation festgehalten. Die Künstler werden filmisches Material in ihre Arbeiten integrieren und somit zu Vermittlern der Faszination von Schwerelosigkeit, von Erfahrungen und Emotionen. Im Mittelpunkt standen Gespräche zwischen Politik, Wissenschaftlern und Künstlern, die um die Frage kreisten: „Kann die Kunst der Wissenschaft nutzen? Im Gegenzug: Kann die Wissenschaft der Kunst nützlich sein“? Ein Dialog, der neugierig macht!

 Konzeptkünstlerin Julieta Aranda...
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 Der Vorstandsvorsitzende des DLR...
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 Der österreichische Autor Clemens Berger...
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 Wissenschaft und Kunst - was können sie ...
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 Der Abgeordnete des Deutschen Bundestages...
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 Der Abgeordnete des Deutschen Bundestages...
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Kontakt
Vanadis Weber
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

Politik- und Wirtschaftsbeziehungen

Tel: +49 2203 601-3068

E-Mail: vanadis.weber@dlr.de
Peter Zarth
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

Politik- und Wirtschaftsbeziehungen

Tel: +49 2203 601-4054

Fax: +49 2203 601-3249

E-Mail: Peter.Zarth@dlr.de
Dr. Ulrike Friedrich
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

Raumfahrt-Agentur
, Forschung unter Weltraumbedingungen
Tel: +49 228 447-323

Fax: +49 228 447-735

E-Mail: Ulrike.Friedrich@dlr.de
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