DLR-Parabelflug-Tagebuch

"Ich will da sofort wieder rauf"

28. Mai 2006

Flugkapitän Gilles Le Barzic (l.) bekommt seine Urkunde überreicht.
.
Noch schnell ein Gruppenbild, dann heißt es Abschied nehmen vom A300 ZERO-G.
.
Da strahlt auch die Projektleiterin: Frau Dr. Friedrich ist mit dem Verlauf dieser Parabelflug-Kampagne sehr zufrieden.

Heute ist ein besonderer Tag, denn an diesem Morgen findet der letzte Parabelflug der 8. DLR-Kampagne statt. All die Menschen, die nach intensiver Vorbereitungszeit jetzt zwei Wochen lang im Dauereinsatz waren, sehen ihm mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits war die Zeit äußerst anstrengend, und Zehn- bis Zwölf-Stunden-Tage eher die Regel als die Ausnahme.

Andererseits war sie auch extrem spannend. Jeder weiß jetzt schon, dass er die besondere Atmosphäre am Terminal West und die Arbeit mit dieser engagierten und doch lockeren Parabelflug-Gemeinschaft vermissen wird.

So beginnt denn auch ein letztes Mal die Vorbereitungs-Zeremonie für den Flug. Etwa 40 Minuten braucht der Airbus bis zum Parabelflug-Gebiet, dann startet das Manöver. Das DLR-Team an Bord nutzt die Schwerelosigkeitsphase für ein kleines Fußballspiel der besonderen Art.

Lange Pässe sind im A300 ZERO-G zwar nicht möglich, dafür kann das "Spielfeld" für kurze Zeit in allen drei Dimensionen genutz werden. Währendessen forschen die Wissenschaftler unermüdlich weiter.

Das Team vom Lehrstuhl für Leichtbau der Technischen Universität München unter der Leitung von Martin Huber testet faltbare Antennen für den Einsatz im Weltall. Kommunikations- und Erdbeobachtungssatelliten benötigen diese Antennen, um Signale senden oder empfangen zu können. Der Anspruch an diese Geräte ist sehr hoch, denn sie sollen für den Transport gleichzeitig leicht und zusammenfaltbar sein, dabei aber für ihren Einsatz im All widerstandsfähig und formstabil.

Bei diesem Flug wird ein Antennen-Modell mit zwölf klappbaren Armen und einem neuartigen Oberflächenmaterial aus Kohlefaser-Silikon-Verbundwerkstoff erprobt. Das Experiment wird im Rahmen des On-Orbit-Verifikation-Programms (OOV) der DLR Raumfahrtmanagement durchgeführt. Dabei werden neue Technologien unter Weltraumbedingungen auf ihre Funktionsfähigkeit getestet.

Während des Fluges wird die Antenne unter Schwerelosigkeit entfaltet - es funktioniert wie gewünscht. Das Zusammenfalten stellt erst recht kein Problem für die Technik dar. Die dabei gesammelten Daten werden in den nächsten Wochen ausgewertet.

Das DLR_School_Lab untersucht die Schwerkraftwahrnehmung bei Wimperntierchen. Für solche einzelligen Lebewesen ist die Schwerkraft der einzige zuverlässige Reiz zur Orientierung in ihrer Umwelt. Da alle Zellen aus ähnlichen Bausteinen bestehen, können urtümliche Einzeller wie das Pantoffeltierchen (Paramecium) als Modellsysteme zur Erforschung der Schwerkraftwahrnehmung auf Zell-Ebene eingesetzt werden.

Wissenschaftler des DLR haben in Zusammenarbeit mit anderen Forschungseinrichtungen bereits verschiedene Schwerelosigkeits-Experimente mit diesem Organismus durchgeführt. Dabei konnten sie zeigen, dass Einzeller die Schwerkraft über ihr eigenes Körpergewicht wahrnehmen und diese zur Orientierung nutzen.

Schülerinnen und Schüler aus der Nelly-Sachs- und der Linus-Pauling-Oberschule in Berlin vollziehen diese Versuche jetzt in einer erweiterten Form nach. Außerdem demonstrieren sie den Einfluss von Schwerelosigkeit auf die Oberflächenspannung von Wasser-Luftsystemen. Dazu benutzen sie unterschiedlich geformte Glasgefäße, die sie mit gefärbtem Wasser gefüllt haben.

Schon nach einer guten halben Stunde sind alle elf Parabeln geflogen und der Rückflug wird angetreten. Im Terminal West überreichen Prof. Dr. Wittig und Frau Dr. Friedrich noch einmal Urkunden, diesmal auch an die Flugcrew. Dann stärken sich alle am Buffet, denn Schwerelosigkeit macht hungrig.

Zum Abschluss der Kampagne übergibt das DLR-Team Novespace und Kapitän Gilles Le Barzic noch ein kleines Dankeschön in Form einer lokalen Spezialität: Kölsch im Fass. Auf die gelungene Kampagne, bei der insgesamt 116 Parabeln und 22 Experimente erfolgreich durchgeführt wurden, stößt man dann mit einem Gläschen an. Auf den fünf Forschungsflügen wurden dabei mehr als 42 Minuten Schwerelosigkeit erreicht.

Eine Wissenschaftlerin spricht aus, was viele denken: "Ich will da sofort wieder rauf." Das DLR wird diesem Wunsch schon bald gerecht, denn aufgrund der großen Nachfrage von Seiten der Wissenschaft organisiert die Raumfahrtmanagement 2006 erstmals noch eine zweite Kampagne. Der 9. DLR-Parabelflug findet vom 7. bis 17. November in Bordeaux statt, der Heimatbase des A300 ZERO-G.




URL dieses Artikels
http://www.dlr.de/rd/desktopdefault.aspx/tabid-2288/3426_read-5245/
Links zu diesem Artikel
http://www.schoollab.dlr.de/