Tagebuch zur REXUS-5/6-Mission

Ballonstart zur Geisterstunde



 MIPAS-B/TELIS am Haken von Herkules
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Mittwoch, 11. März 2009

In den frühen Morgenstunden des gestrigen Tages war TWIN bravourös gen Himmel gestiegen, und kurz nach Mitternacht soll MIPAS-B/TELIS es ihm heute gleichtun. Bereits am Dienstagabend um 20 Uhr rollt Herkules gemächlich vor die Ballonhalle. Darinnen steht auf einem Anhänger die beeindruckende 750-Kilogramm-Nutzlast des Ballons. Kurz darauf öffnen sich die Türen und mit vereinten Kräften schiebt das Team das Gefährt hinaus auf den Startplatz. Dann sind die Techniker an der Reihe.

Etwa eine halbe Stunde dauert es, bis sie die Gondel über ein Seil am Haken des rund 70.000 Kilogramm schweren Transporters befestigt haben. Dieses Gewicht braucht Herkules, um den Zugkräften standzuhalten, die beim Ballonstart auftreten. Dann ist es geschafft und die Funktion der Geräte und die Datenübertragung werden noch einmal überprüft.

Plötzlich eine Warnung von Projektleiter Felix Friedl-Vallon: Alle Leute, die direkt vor der Nutzlast stehen, sollen mindestens zehn Meter Sicherheitsabstand halten. Zunächst weiß niemand so genau warum - es ist nichts zu sehen oder zu hören. Doch die Wissenschaftler haben die Sender inzwischen auf volle Leistung gestellt. Und die Strahlung ist so stark, dass sie langfristig die Gesundheit beeinträchtigen kann. Zu sehen gibt es jetzt sowieso erst einmal nichts mehr, und so trollen sich die Zuschauer, während der Countdown weiter herunter läuft.

 Ballon kurz vor dem Start
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Gegen 23.30 Uhr beginnt das Betanken der Ballonhülle mit Helium. Die Wetterbedingungen sind immer noch günstig. Der Wind ist schwach, und die minus 20 Grad Außentemperatur machen dem Ballon nichts aus. Ganz anders ergeht es da den Neugierigen, die den Start live verfolgen wollen. Sie frieren in der Kälte gar bitterlich. Gut, dass man sich in der Kathedrale kurz aufwärmen kann. Einige wagen sich immer weiter auf das Startfeld hinaus. Per Baldemar gemahnt sie über die Lautsprecher, im Schutz der Gebäude zu bleiben.

Dieser Ballon ist noch beeindruckender als der gestrige. Kein Wunder: Während die Hülle von TWIN rund 120.000 Kubikmeter Gas fasste sind es bei MIPAS-B/TELIS ganze 400.000. Es ist 0.10 Uhr, die Spannung steigt. Dann eine Durchsage: "Start in wenigen Minuten". Um 0.18 Uhr schwebt der Ballon empor - ein schier endloser Schlauch reckt sich gen Himmel. Jetzt wird die Gondel freigegeben und MIPAS-B/TELIS macht sich auf seine Reise gen Osten. Applaus brandet auf. Alle Anwesenden wissen: An so einem Ereignis werden sie so schnell nicht wieder teilhaben. Noch 15 Minuten später ist der Ballon am dunklen Nachthimmel auszumachen.

Die Demontage von REXUS 6 gereicht dem AGADE-Experiment zum Vorteil

Der Vormittag steht wieder im Zeichen von REXUS 6. Um dem GPS-Problem auf den Grund zu gehen, hatten Techniker die Nutzlast wieder vom Motor getrennt und zurück zur Integrationshalle gebracht. Dort wurde die Raketenspitze demontiert, um an das vermutlich defekte Gerät zu gelangen. Zum Glück stellte sich heraus, dass der Fehler weder bei den Kabeln noch beim Empfänger lag, sondern über die Software gelöst werden kann.

 Letzte Arbeiten an AGADE
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Apropos Software: Für das AGADE-Team ist das Malheur ein Segen. Denn jetzt kann es noch einmal an sein Experiment heran und eine verbesserte Software-Version aufspielen. So hat die Technik-Panne auch ihr Gutes. Gegen 11.30 Uhr ist alles fertig, und die Spitze kann wieder auf die übrige Nutzlast geschraubt werden.

Während in der Raketenhalle die Arbeiten voranschreiten, bringt ein Transporter die Nutzlast von TWIN zurück. Sie scheint die Landung heil überstanden zu haben, nur die Gondel ist ein wenig ramponiert. Bis die Ergebnisse ausgewertet sind, wird es allerdings noch eine ganze Weile dauern. Um 11.03 Uhr setzt MIPAS-B/TELIS etwa 80 Kilometer vor der russischen Grenze auf dem Boden auf. Die Wissenschaftler sind sehr zufrieden, denn die Instrumente haben gut funktioniert. Morgen soll auch diese Nutzlast in Esrange eintreffen.

Am Nachmittag setzen die Techniker REXUS 6 wieder zur vollen Länge zusammen. Jetzt ist wirklich alles bereit für den Start. Morgen soll es losgehen. Der Countdown wird um Punkt 8.34 Uhr beginnen, so dass die Rakete bei idealen Bedingungen um 11.04 Uhr starten könnte. Die Wetteraussichten sind bislang gut, nun muss nur noch ein Quäntchen Glück dazukommen.


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