Menschen unter Stress: Klassifizierung unterschiedlicher Reaktionen des Autonomen Nervensystems auf psychische Belastung



Vieles deutet darauf hin, dass das Autonome Nervensystem auf psychische Belastung, wie etwa Stress, bei verschiedenen Menschen unterschiedlich reagiert. So erhöht sich bei vielen Personen der Blutdruck, einige reagieren mit Schweißausbrüchen und andere verspüren Magendruck. Man nennt dies das "Reaktionsmuster des Autonomen (nicht willentlich beeinflussbaren) Nervensystems". Diese Erfahrungen konnten bislang jedoch nicht mit einem Standard-Versuch durch messbare Daten bestätigt werden.

In diesem Experiment werden Erstflieger der spezifischen Stresssituation eines Parabelfluges ausgesetzt. Dabei werden gleichzeitig mehr als zehn Werte wie Blutdruck, Puls, EKG, Herzminutenvolumen, Widerstand der äußeren Blutgefäße, Atmung und Stimme analysiert. Anhand der Daten wollen die Wissenschaftler nachweisen, dass sich das Reaktionsmuster bei verschiedenen Menschen unterschiedlich auf die Belastung einstellt. Diese Daten sollen eine Einordnung der Versuchspersonen in ein "Autonome Outlet Type"-Schema ermöglichen. Dies ist ein System zur Einteilung in Stress-Reaktions-Typen, bei dem auch die Belastungsgrenzen ermittelt werden.

Zusätzlich nehmen die Probanden an Kipptischversuchen im Kreislauflabor teil. Bei diesen Versuchen werden die Probanden liegend auf einem Tisch festgeschnallt. Dieser wird anschließend aufgerichtet, so dass die Untersuchungspersonen von der Waagerechte in die Senkrechte verbracht werden. Durch das schnelle Aufrichten aus der liegenden in die aufrecht stehende Position bei gleichen Versuchsbedingungen kann die Anpassungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems erfasst werden. Bei ausreichend großer Datenmenge wird analysiert, ob die Reaktionsmuster angeboren, erworben, oder von der körperlichen Verfassung des Individuums abhängig sind.

Erstmalig werden dabei bewährte psychologische Testverfahren mit quantitativen physiologischen Messungen verknüpft. Die dafür benötigten Daten werden mit einer medizinischen Messanlage erfasst. Deren Komponenten sind so klein und handlich, dass sie am Körper getragen werden können. Dadurch ist die Anlage sehr mobil. Dieser neue Ansatz wurde inzwischen auch in anderen Bereichen genutzt, wie etwa der klinischen Diagnose, der Reise- und Expeditionsmedizin und der Zivilpiloten-Testung. Seit Mai 2008 ist das Messsystem auch auf der Internationalen Raumstation ISS im Einsatz.

Das Fernziel der Untersuchungen ist es, ein Diagnose-Verfahren zu entwickeln, mit dessen Hilfe die Zuverlässigkeit von Handlungen in Stress-Situationen vorhergesagt werden kann. So könnte die aktuelle Beanspruchung von Menschen ermittelt werden, die eine hohe berufliche Verantwortung tragen, wie etwa Fluglotsen, Piloten oder Sprengstoffexperten.

Eine Machbarkeitsstudie zu dem technisch anspruchsvollen Experiment wurde während der 8. DLR-Parabelflugkampagne im Mai 2006 auf drei Flügen erfolgreich abgeschlossen. Seither werden jeweils zwei Passagiere pro Flug untersucht, um auf die erforderliche Teilnehmerzahl für die Studie zu kommen.


Kontakt
Dr. Bernd Johannes
DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin
, Luft- und Raumfahrtpsychologie
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