Tagebuch zur REXUS-5/6-Mission

Von künstlichen Wolken



 Vorbereitung des Nisse-Experiments
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Mittwoch, 4. März 2009

Nach der morgendlichen Besprechung geht es mit Feuereifer wieder an die Vorbereitung der Experimente. Vor allem die Teams von AGADE und NISSE (Nordic Ionospheric Sounding rocket Seeding Experiment), deren Projekte auf der zuerst startenden REXUS-6-Rakete mitfliegen sollen, müssen sich sputen. Bereits nächsten Dienstag geht es los, wenn alles nach Plan läuft. Während die deutsche AGADE-Gruppe noch mit ihrer Software zu kämpfen hat, spielt beim norwegischen Projekt die Hardware nicht mit: Die Wasserleitung hat ein Leck.

Das NISSE-Experiment von Studenten der Universität Bergen erzeugt in einer Höhe von 90 bis 100 Kilometern eine künstliche Eiswolke. Hierzu werden genau vier Sekunden, bevor die Rakete ihren höchsten Punkt erreicht, rund elf Liter Wasser in die Atmosphäre gesprüht. Mit vollem Tank bringt die Apparatur stolze 30 Kilogramm auf die Waage.

"Das Hauptziel ist es herauszufinden, ob die Wolke mit dem Radar geortet werden kann", sagt Vidar Holland. Er ist einer der vier jungen Wissenschaftler, die das Projekt geplant und gebaut haben. Drei Radaranlagen in Norwegen, Finnland und Schweden sollen die Wolke erfassen. Wenn dies funktioniert, wollen die Studenten deren Verhalten in der Ionosphäre untersuchen. Heute reinigen sie den Tank noch einmal, bevor sie ihn befüllen.

 Bergungssystem von REXUS
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Fallschirme bremsen den Fall der Nutzlast

Gegenüber in der Halle prüfen Techniker das Bergungssystem von REXUS 6. Im Inneren befindet sich ein Sensor, der den Druck der Atmosphäre misst. Hieraus lässt sich zuverlässig die Höhe berechnen, in der sich die Rakete befindet. Bei der Rückkehr veranlasst der Sensor exakt 4,6 Kilometern über dem Erdboden das Absprengen des Hitzeschutzschildes im Modul. Nun kann sich ein kleinerer Fallschirm, der Stabschirm, öffnen. Er bremst die Nutzlast so weit ab, dass sie senkrecht nach unten hängt. Außerdem zieht er den wesentlich größeren Hauptschirm heraus, an dem die Experimentmodule sanft zur Erde sinken.

Doch nicht nur in der Integrationshalle, auch im nahe gelegenen Startturm, von wo aus sonst die großen MAXUS-Raketen fliegen, herrscht emsige Betriebsamkeit. Holländische Studenten von der Technischen Universität Delft bauen die Startrampe für ihre Rakete zusammen. Seit zwei Jahren arbeiten sie bereits an ihrem Projekt, nächste Woche soll es endlich starten. Alle Teile der Rakete, auch die Elektrik und den Bordcomputer, haben sie selbst gebaut. Lediglich die Zünder sind gekauft. Mit der Rakete wollen die Studenten den Höhenrekord für europäische Amateur-Raketen um ganze 4,3 Kilometer übertrumpfen und 15 Kilometer hoch fliegen.

Atmosphärenforschung mit dem Ballon

 Gondel des MIPAS-B/TELIS-Ballons
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Der dritte Schauplatz an diesem Tag ist die so genannte Kathedrale, eine große Halle, in der die Nutzlasten für Forschungsballone zusammengebaut und getestet werden. "Die Instrumente müssen heute in Form gebracht werden", sagt Projektleiter Felix Friedl-Vallon, denn morgen um Mitternacht soll die Mission MIPAS-B/TELIS (Michelson Interferometer for Passive Atmospheric Sounding/TeraHertz Limb Sounder) starten. Beide Instrumente messen mit unterschiedlichen Methoden die Konzentration und Verteilung von Spurengasen und in der Atmosphäre.

Mit rund 750 Kilogramm ist dies die schwerste europäische Nutzlast im Bereich der Atmosphärenforschung. Das MIPAS-B-Instrument ist ein Projekt unter Leitung der Universität Karlsruhe und arbeitet bereits seit 14 Jahren erfolgreich. Dies ist sein 16. Flug. Eine abgewandelte Form des Instruments versieht seinen Dienst seit 2002 auf dem europäischen Umweltsatelliten ENVISAT. TELIS startet hingegen erst zum zweiten Mal. Insgesamt acht bis neun Stunden soll der Ballon in rund 30 Kilometern Höhe nach Osten fliegen, bis fast an die russische Grenze. Beide Projekte werden durch das DLR finanziell und technisch unterstützt.

Ein Wissenschaftler füllt flüssiges Helium, das eine Temperatur von fast minus 270 Grad Celsius besitzt, in den großen Thermosbehälter von MIPAS-B. Damit werden zwei der Spektrometer an Bord gekühlt, damit sie besonders präzise messen können. Gelegentlich steigen kleine Dampfschwaden von der gefrorenen Leitung auf. Zu den letzten Vorbereitungen gehört auch das Kalibrieren der Instrumente - schließlich sollen die Ergebnisse zuverlässig sein.

Derweil arbeiten die REXUS-6-Teams immer noch fieberhaft an ihren Experimenten. Am Abend dann eine Erfolgsmeldung: Die Wasserleitung von NISSE ist wieder dicht. So können die Techniker mit dem Experiment einen Flugsimulationstest durchführen. Dabei prüfen sie, ob der Ablauf und das Zusammenspiel mit dem Servicemodul funktionieren. Das Ergebnis: NISSE ist bereit für den Start!


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