"Hier ist man aktiv dabei."



Eine Reportage von Caroline Becker, Schülerpraktikantin bei der Unternehmenskommunikation DLR Köln.

 Das DLR_School_Lab Köln in der Halle der Human<wbr>­zentrifuge erwartet seine Gäste.
zum Bild Das DLR_School_Lab Köln in der Halle der Human­zentrifuge erwartet seine Gäste.

"Ey geil!" und "Wow!" entfährt es einigen Schülern, als sie in das DLR_School_Lab Köln eintreten. Die große Zentrifugenhalle ist bis auf das Licht der Computer und des Beamers völlig dunkel. Vereinzelt blinken kleine Lämpchen an Geräten oder Experimenten, während im Hintergrund leise Musik zu den Bildern an der Leinwand läuft. Der Flatscreen an der Wand zeigt bereits 10:48 Uhr an, als die 14-köpfige RoboterAG des Burggymnasiums aus Essen mit 40 Minuten Verspätung aufgrund des schlechten Wetters endlich ihr Ziel erreicht. Die Augen der Fünft- bis Achtklässler zeigen deutlich die Neugier und die Spannung auf einen aufregenden Tag im Schülerlabor des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Dr. Richard Bräucker, der Leiter des DLR_School_Lab, fordert die Schüler auf, rasch ihre Jacken abzulegen und vor seinem kleinen Pult und der Leinwand Platz zu nehmen. Als Ruhe unter den aufgeregten kleinen Wissenschaftlern eingekehrt ist, beginnt Dr. Bräucker mit der Begrüßung und der Einführung in das DLR. Sofort wird klar: Die Schüler haben sich vereinzelt schon auf den Besuch vorbereitet und können mit vielen Vorkenntnissen glänzen. "Wieso fliegt der Mensch überhaupt in den Weltraum?" ist die zentrale Frage des ersten Themas. Wieso möchte er wissen, was außerhalb der Erde passiert? Alte Kulturen raten, die Erde nicht zu verlassen, da ansonsten etwas Unvorhergesehenes (Schlimmes?) passiere. Die heutige Generation hingegen hat einen anderen Standpunkt: Sie wollen erforschen, wie es im Universum aussieht und welche Naturgesetze dort herrschen. Ein kurzer Film der ESA (European Space Agency - Europäische Raumfahrtorganisation) zeigt genau das. Der Mensch kann weder beliebig schnell laufen, ohne Hilfsmittel fliegen, noch unbegrenzt lang unter Wasser bleiben. Doch er kann träumen.
Und genau das tut Robert: "Ich will später mal Astronaut werden", sagt der Fünftklässler völlig überzeugt und entschlossen. Sein Blick ist ernst, während seine Augen voller Vorfreude und Abenteuerlust strahlen. Er ist bereits zum vierten Mal auf dem Gelände des DLR und sich absolut sicher, seinen Wunsch zu verwirklichen.

Doch leider gibt es nicht viele junge Menschen, die nach dem Schulabschluss den naturwissenschaftlichen Berufsweg einschlagen möchten. Für sie wirken die Fächer in der Schule meist trocken und langweilig. Um diese Kinder zu überzeugen, dass auch Naturwissenschaften viel Spaß mit sich bringen, hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt im Jahre 2000 das erste DLR_School_Lab in Göttingen eröffnet. Bis jetzt gibt es acht DLR_School_Labs an anderen Standorten sowie Partnerhochschulen, die den Nachwuchs fördern sollen. Das DLR bietet den Lehrkräften durch dieses Angebot eine wichtige Unterstützung, den Unterricht abwechslungsreicher und moderner zu gestalten. Die Schülerinnen und Schüler verstehen so, in welchen Berufsbildern sie ihr Fachwissen anwenden können.

Die erste Aufregung hat sich bereits gelegt und die Kinder hören aufmerksam zu. "Was bedeutet ISS?", fragt Dr. Bräucker in die Runde. Natürlich weiß die RoboterAG die richtige Antwort: Internationale Raumstation. In 400 Kilometern Höhe kreist sie mit einer Geschwindigkeit von acht Kilometern pro Sekunde um die Erde: ein fliegendes Labor der Wissenschaft mit der Größe eines Fußballfeldes. Sowohl die ESA als auch andere Weltraumorganisationen sind an der Forschung beteiligt. Das DLR übernimmt dabei für die Bundesregierung die Aufgabe der Koordination von Geldern für den Aufbau, den Betrieb und die wissenschaftliche Nutzung der Station. Deutsche Wissenschaftler forschen seit 2001 auf der ISS, unter anderem im Bezug auf den menschlichen Gleichgewichtssinn.

"Auch wenn die Zeit knapp ist, muss ich Euch noch etwas zeigen", sagt Herr Dr. Bräucker geheimnisvoll. Alle Kinder sind gespannt und beobachten genau, was geschieht. Vier Freiwillige sollen sich melden, doch stattdessen springen direkt mehrere Kinder auf, und laufen schnell nach vorne, um am Versuch teilhaben zu können. Nachdem vier Schüler die Erlaubnis haben, Dr. Bräucker tatkräftig zu unterstützen, setzen sich die anderen ein wenig enttäuscht wieder auf ihre Plätze. Doch die Enttäuschung ist schnell wieder vergessen, da der Leiter des Schülerlabors genau weiß, mit welchen Experimenten er die Kinder begeistern kann: Alle Helfer sind mit Schutzbrillen ausgerüstet, während zwei von ihnen noch spezielle Handschuhe bekommen. Dr. Bräucker holt einen großen Plastikbottich, der aussieht wie ein normaler Mülleimer. Als er den Deckel hebt, kommt Nebel heraus. Sofort herrscht Stille im Raum, er erklärt: "Das ist flüssiger Stickstoff." Die zwei Helfer, die mit Handschuhen ausgerüstet sind, dürfen Blumen einfrieren und einmal in den großen Bottich hineinpusten. "Das ist aber kalt!", entfährt es einem Schüler, dem der Nebel direkt ins Gesicht entgegen kam. Die Schüler sind durchweg begeistert von dem kleinen Experiment mit großer Wirkung.

Insgesamt gibt es zehn verschiedene Experimente zu folgenden Themen: Kometensimulation, solare Wasserreinigung, Lärmkontrolle, Werkstoffkennwerte, Gravitationsbiologie, Schwerelosigkeit, Kreislaufphysiologie, Vakuum, Brennstoffzellen und dem Traum vom Fliegen. Je nach Altersklasse werden dann drei Stationen für eine Gruppe spezifisch ausgesucht und mit Hilfe der Experimentführer durchlaufen. Diesen Job übernehmen Studenten, die sich für Wissenschaft interessieren und dazu Kurse an verschiedenen Universitäten belegen. Nicht jeder kann alle Experimente durchführen, sondern ist auf eine gewisse Anzahl spezialisiert, um den Schülern den Hintergrund und den Zweck des Versuchs bestmöglich zu erklären.

Gruppe C startete die Versuchsreihe mit der Station "Schwerelosigkeit". Ein kleines Gefäß mit Wasser in einer Halterung mit eingebauter Kamera, ein zwei Meter hoher Fallturm und ein Computer sind die Materialien, die für dieses Experiment benötigt werden. Eifrig beteiligen sich alle Gruppenmitglieder beim Gedankenexperiment von Materialwissenschaftsstudent Christoph Gantzer und ein allgemeines Gemurmel und Geplapper entsteht. Als es an den Versuchsaufbau geht, beteiligen sich alle und zeigen, dass sie auch als Gruppe effektiv zusammenarbeiten. Nach zwei weiteren Versuchen im Fallturm und vielen neuen Erkenntnissen ertönt ein Signal - Ende des ersten Experiments und Beginn der Mittagspause.

"Das ist aber nicht immer so wie heute", äußert sich Dr. Bräucker lächelnd in der wohlverdienten Mittagspause. Nicht alle Klassen seien so motiviert und aufgeweckt. Man sähe deutlich, dass sie sich für Naturwissenschaften interessieren, vermutlich durch ihre Arbeitsgemeinschaft zum Thema Roboter. Es sei das Schönste, wenn eine Klasse am Ende des Tages sagt: "Es war gar nicht so schlimm, wie wir es uns vorgestellt haben." "Das ist unser Ziel", sagt Dr. Bräucker voller Elan. Er und sein Team wollen die Kinder für Naturwissenschaften und die Forschung begeistern. Es geht an einem Tag im DLR_School_Lab nicht darum, so viele Experimente wie möglich zu machen, sondern den Hintergrund und den Sinn zu verstehen.

Aufgrund des straffen Zeitplans geht es nach dem Essen direkt wieder zurück ins Schülerlabor, um die nächsten Experimente durchzuführen. Gruppe C findet sich vor der Station "Werkstoffkennwerte" zusammen. Es geht um die verschiedenen Materialien und ihre Eigenschaften. Kunststoff, Keramik und Metall werden untersucht, um ihre Dichte, Festigkeit, Härte und Schmelztemperatur zu bestimmen. Dafür führen die Schülerinnen und Schüler verschiedene Versuche durch und tragen die Ergebnisse in einer Tabelle zusammen.

"Hier ist man aktiv dabei!", sagt Felix in der kleinen Pause vor dem letzten Experiment. "Hier kann man mitmachen und nicht immer nur zugucken, wie bei den Sendungen im Fernsehen." Er ist begeistert von dem DLR_School_Lab in Köln-Porz. Mit deutlicher Spannung in den Augen sieht er den Experimentführern genau bei den Versuchen zu. Aufmerksam hört er zu und arbeitet fleißig mit. "Zu Hause bastle ich auch oft selber Raketen", erzählt der Nachwuchsforscher aufgeregt.

 Druckkammer für den künstlichen Kometen
zum Bild Druckkammer für den künstlichen Kometen

Das dritte und letzte Experiment ist das Spannendste, da sind sich alle einig: Die RoboterAG darf selbst einen Kometen herstellen. Die Aufgaben sind so aufgeteilt, dass jede Gruppe einen Teil übernimmt. Gruppe A stellt die Kometenmasse her, indem sie Wasser, Gesteinspulver und Ruß mischt und in -190 Grad Celsius kalten Stickstoff einsprüht. Gruppe B baut dann diesen "schmutzigen Schnee" in eine Vakuumkammer ein. Das Gerät sieht aus, als käme es aus einem Raumschiff. Wie eine große mit Alufolie überzogene Kanone mit Bullaugen, so dass der Komet beobachtet werden kann. In der Kammer wird ein Vakuum durch Unterdruck erzeugt, um Bedingungen wie im Weltall herzustellen. Durch die Wärme und die Strahlung der Sonne kann ein Komet erst aktiv werden, weshalb ein Flutlichtstrahler oberhalb der Kammer angebracht ist, um die Sonne zu simulieren. Gruppe C hat schließlich den Auftrag, den Kometen aus der Versuchskammer wieder auszubauen und festzustellen, ob sich sein Zustand verändert hat. Gespannt starren die Schülerinnen und Schüler auf den Kometen und kramen hastig ihre Handys raus, um ihren selbst hergestellten Kometen zu fotografieren. Zum Glück ist das Fotoverbot innerhalb des Schülerlabors aufgehoben, so dass das Resultat des dreistündigen Experiments allen Verwandten und Freunden gezeigt werden kann.

"Also ich muss es immer live sehen", sagt Robert aufgeregt. Er traut den Wissenschaftssendungen und den Reportagen nicht ganz über den Weg. Wenn er es nicht selbst miterlebt und nicht weiß, ob auch alles mit rechten Dingen zugeht, dann ist es nicht leicht, ihn von dem Ergebnis zu überzeugen.
Auf dem Flatscreen ist bereits zu sehen, dass die Zeit schnell fortgeschritten ist: 15:30 Uhr. Die Schüler wuseln aufgeregt durcheinander und finden kaum Ruhe, sich für ein letztes Resumé zu setzen. Doch schließlich kann Dr. Bräucker die Meute beruhigen, um eine "Blitzrunde" der Erfahrungen und Eindrücke durchzugehen. Jeder Schüler soll sich kurz zu dem erlebten Tag äußern und sowohl die positiven als auch negativen Aspekte nennen. Alle sind sich einig: Der Tag im DLR_School_Lab war ein voller Erfolg. Das Einzige, was die Schüler als Kritik bezeichnen, ist die Zeit, die nach ihrem Geschmack viel zu schnell verging. "Ich wär' gern mal für 'ne Woche hier oder so", sagt einer der Gruppe. Ein zufriedenes, herzhaftes Lächeln breitet sich über Richard Bräuckers Gesicht aus. Er freut sich, solch positive Rückmeldungen zu erhalten - wieder einmal hat sich die Mühe gelohnt und die Schülerinnen und Schüler verlassen das Labor mit tollen Erfahrungen.

 Experiment Werkstoffe: Die Wärmeleitfähigkeit verschiedener Materialien lässt sich am Grad der Vereisung ablesen.
zum Bild Experiment Werkstoffe: Die Wärmeleitfähigkeit verschiedener Materialien lässt sich am Grad der Vereisung ablesen.

"So was würde ich gerne mal später machen. Forschen und so, das macht Spaß", sagt Felix erfreut. Ihm hat der Tag so viel Spaß gemacht, dass sich sein Wunsch vertieft hat, in die Wissenschaft zu gehen. Somit war es ein gelungener Tag, sowohl für die RoboterAG des Burggymnasiums aus Essen als auch für das DLR_School_Lab-Team. Bei einigen der Besucher konnten sie etwas bewegen und sie vielleicht auf den Weg der Naturwissenschaften leiten.

Die Zentrifugenhalle ist wieder leer, ohne Geräuschkulisse, ohne Durcheinander, ohne Schüler. Geblieben sind nur erschöpfte, aber auch zufriedene Gesichter des Teams. Die Schülerinnen und Schüler aus Essen treten ihre Heimreise an und noch nach mehreren Metern hört man sie aufgeregt durcheinander reden bis sie schließlich hinter der Kurve verschwinen und ihr Gemurmel verstummt.


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