Raumfahrt | 30. April 2019 | von Clemens Plank

AGBRESA: Bericht eines terrestrischen Astronauten

Quelle: DLR.
Auf dem Weg zu einem der vielen Experimente.

Der heutige Tag, an dem ich diesen Text hier schreibe, ist der 29. April. Am 29. März war ich zum letzten Mal draußen an der frischen Luft und hab die letzten Sonnenstrahlen genossen. Das heißt: Ich bin seit einem Monat hier. 17 Tage davon liegend.##markend##

Das erste Drittel der Studie habe ich somit seit heute hinter mir und bald auch ein Drittel der Liegezeit! Zwar rechnet jeder von uns hier dem Ende der Bettruhe entgegen, allerdings bin ich mir schon jetzt sicher, dass jeder von uns dieses Abenteuer vermissen wird und wir es nie vergessen werden: Unsere Zimmer und wie wir sie eingerichtet haben, um an alles Wichtige vom Bett aus zu kommen, das jederzeit hilfsbereite und lustige Personal und natürlich auch die anderen Mit-Probanden wird man in der ersten Zeit draußen bestimmt sehr vermissen. Auch die Umstellung, sich wieder frei bewegen zu dürfen und im Restaurant nicht nach dem Teigschaber zu fragen, um die Teller sauber auskratzen zu können, wird für uns anfangs sicher ungewohnt sein, aber natürlich ein ungewohnt schönes Gefühl. Aber bis dahin vergehen noch gut acht Wochen.

Warum mache ich bei diesem Experiment mit?

Von einer ähnlichen Bettruhestudie hier in Köln habe ich bereits vor ein paar Jahren erfahren. Leider hat es damals zeitlich mit der Uni nicht funktioniert. Als dann meine Mutter einen Beitrag über die AGBRESA-Studie im Radio gehört hat, meinte sie zu mir, ob das nicht was für mich wäre. Sie wusste, dass ich mich für Grenzerfahrungen interessiere und ich es als ein „kleines“ Selbstexperiment sehen würde. Die Erfahrung, so lange hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt zu sein und acht Wochen ausschließlich zu liegen, kann einem keiner mehr nehmen und ist auch nur schwer in der „normalen“ Welt zu erleben.

Quelle: DLR.
Wadenmuskel-Ultraschall-Untersuchung während der Bettruhe.

Außerdem hat es mich gereizt, bei einem Projekt im Bereich der Raumfahrtforschung beteiligt zu sein, da ich mich sehr dafür begeistern kann. Die Studie und ihre Ergebnisse  könnten ein wichtiger Schritt in Richtung bemannten Marsflug sein.

Quelle: DLR.
Gleichgewichtstest bevor die Bettruhe startet.

Die Experimente sind noch vielseitiger als ich sie mir vorgestellt hatte: Von Augenuntersuchungen, Parkourläufen vor dem Beginn der Bettruhe, Muskeluntersuchungen bis hin zu Flugstunden, bei denen man lernt, ein Raumfahrzeug an der Raumstation anzudocken, ist alles dabei. Letzteres können nur Astronautinnen und Astronauten, Probandinnen und Probanden hier in :envihab und einige des Personals von sich behaupten, dass sie das könnten.

Das macht schon ein wenig stolz.

Wie fühlt es sich an, so lange am Stück zu liegen?

Ich hätte nicht gedacht, dass mein Körper das lange Liegen so gut mitmacht. In den ersten Tagen spürte ich noch leicht meinen Rücken, aber spätestens nach dem vierten Tag war alles gleichbleibend unauffällig. Wenn doch einmal etwas leicht zwickt, dann wird es von den Physiotherapeuten wieder ausmassiert. Die Physios beglücken uns nämlich jeden zweiten Tag für eine Stunde mit ihren Fähigkeiten. In der ganzen Zeit wurde mir noch nie langweilig. Im Gegenteil, ich habe das Gefühl, die Tage vergehen viel zu schnell, für das, was ich mir alles vorgenommen habe. Meine Freizeit zwischen jeder Menge Untersuchungen und Experimenten verbringe ich größtenteils mit Lesen, Filme und Serien schauen, Sprache lernen, Facetimen, Musik hören, Malen, Chatten, Arbeitsstelle suchen und Lebenslauf/Bewerbungen schreiben. Nach dieser Studie starte ich nämlich ins Berufsleben, und da tut es gerade wirklich gut, nochmal runterzukommen und abzuschalten vom Alltagsstress, zumal ich einen Tag, bevor ich hier eingezogen bin, meine Bachelorarbeit abgegeben habe.

Quelle: DLR.
Andocken an ein Raumschiff mit virtueller Realität: Auch das wird in der Bettruhe von den Probandinnen und Probanden erlernt.

Um den Muskelabbau mache ich mir übrigens wenig Sorgen. Ich freue mich auf die Reha in den letzten beiden Wochen hier und anschließend aufs Fitnessstudio. Motiviert bin ich schon jetzt, meine Muskeln in kurzer Zeit wieder ganz aufzubauen.

Liebe Grüße
Euer terrestrischer Astronaut Proband J :)

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Über den Autor

Wie wirkt sich die Schwerelosigkeit auf den menschlichen Körper aus? Und was können wir gegen die negativen Effekte tun? Bettruhestudien dienen hier auf der Erde als Modell, um die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf den Körper hervorzurufen, um so Reaktionen, Auswirkungen und Gegenmaßnahmen untersuchen zu können. Im Blog wollen wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Beteiligte an der Studie und natürlich unsere Probandinnen und Probanden selbst zu Wort kommen lassen und von ihren Erfahrungen und Aufgaben berichten, die es rund um eine 60-tägige Bettruhestudie zu erledigen und zu erleben gibt. zur Autorenseite

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