Raumfahrt | 07. Dezember 2023 | von Manfred Gaida

Stichtag 9. Dezember 2023: Der Halleysche Komet kehrt zurück

Komet Halley 1986
Quelle: ESO
Komet Halley bei seinem letzten Durchgang durch das innere Sonnensystem. Das Farbbild entstand aus drei einzelnen Aufnahmen, die mit Hilfe des Grand Prisme Objectif-Teleskops auf La Silla, Chile, im Jahr 1986 gewonnen wurden.

Unbemerkt und fernab aller Ereignisse, welche die Menschen rund um den Erdball zurzeit bewegen, zieht am 9. Dezember 2023 der berühmte Halleysche Komet kurz nach Mitternacht durch den sonnenfernsten Punkt, das Aphel seiner Bahn. Danach nimmt er wie viele Mal zuvor erneut den Kurs Richtung Sonne auf und wird uns in 37 Jahren wieder faszinieren, wenn er im Sommer 2061 mit seinem imposanten Schweif am Firmament auftaucht.##markend##

Zuletzt geschah dies in den Jahren 1985/86. Doch damals fiel sein „Auftritt“ für die Beobachter in den nord- und mitteleuropäischen Breiten eher bescheiden aus. Beim Erreichen des sonnennächsten Punktes, dem Perihel, am 9. Februar 1986 standen sich Komet und Erde in einer Distanz von rund 230 Millionen Kilometern gegenüber, sodass der Komet während seiner aktivsten, hellsten Phase kurz vor und nach dem Perihel ein Tageskomet blieb, der bestenfalls in der Abend- oder Morgendämmerung am Horizont aufgespürt werden konnte. Im März und April 1986 – die geringste Erddistanz erreichte der Komet am 11. April mit 63 Millionen Kilometer – wurden auf der Südhalbkugel dagegen die Sichtbedingungen recht vielversprechend, weshalb etliche Fach- und Amateurastronomen dorthin aufgebrochen waren. In 30 Grad südlicher Breite stieg Anfang April die Höhe des Kometen am Morgenhimmel auf fast 80 Grad. Detailreiche Aufnahmen konnten mit Großteleskopen gewonnen werden, die ihn samt Koma und seinem Gas- und Staubschweif zeigen. Gegen Ende April war der Komet allerdings schon wieder so weit entfernt, dass er für das bloße Auge unsichtbar wurde.

Quelle: NASA
Der Halleysche Komet am 8. März 1986, aufgenommen von W. Liller auf der Osterinsel im Rahmen der International Halley Watch (IHW).

1986: Giotto – ein Meilenstein zum Verständnis der Kometen

Dennoch fieberte die Welt, besonders die wissenschaftliche, dem bekanntesten aller Schweifsterne entgegen, war man doch dank der Errungenschaften des Raumfahrtzeitalters zum ersten Mal in der Lage, ihn mit Raumsonden anzufliegen und aus der Nähe zu studieren. Eine internationale Armada von Raumsonden machte sich dann auch in den Jahren 1984/85 auf den Weg zum Kometen: zwei japanische Raumsonden namens Sakigake und Susei, die beiden sowjetischen Raumsonden Vega 1 und 2 und schließlich die europäische Wissenschaftssonde Giotto, auf der die meisten Hoffnungen lagen, weil sie sich kühn bis auf rund 500 Kilometer der Tageseite des Kometenkerns annähern und diesen fotografieren sollte. Hinzu kamen drei US-amerikanische Sonden, die bereits früher gestartet waren und eigentlich andere Missionsziele verfolgten: Pioneer-Venus 1, Pioneer 7 und der International Sun-Earth Explorer-3, der umbenannt in International Comet Explorer auf einer verschlungenen Bahn zu Halley umgeleitet wurde. Sie richteten aus sehr großer Distanz ihren Blick auf den berühmten Kometen.

Quelle: ESA
Die Raumsonde Giotto nähert sich dem Halleyschen Kometen

Bereits im Jahr 1980 hatte die Europäische Weltraumorganisation ESA nach einem Ausstieg der amerikanische Luft-und Raumfahrtbehörde NASA aus einer gemeinsamen Kometenmission eine eigene Weltraummission zum Halleyschen Kometen beschlossen und sie in ihrem Weltraumprogramm festgeschrieben. Zugleich war es die allererste Deep-Space-Mission der ESA. Für die genaue Zeitplanung war es freilich notwendig, den Kometen möglichst frühzeitig aufzufinden, um seine Bahn, die immer wieder gravitativen und nicht-gravitativen Störungen unterliegt, aktuell zu bestimmen. Und so horchte man erleichtert auf, als am 16. Oktober 1982 die beiden amerikanischen Astronomen David Jewitt und Edward Danielson die „Wiederentdeckung“ des Kometen bekannt gaben  ̶  knapp dreieinhalb Jahre vor dem Periheldurchgang, als sich der Komet noch jenseits der Saturnbahn befand, wo man bisher noch nie ein derartiges Objekt aufgespürt hatte. Nun war es gewiss, dass der Komet tatsächlich wiederkommt. Sein Fahrplan bestimmte fortan die Arbeiten der ESA-Giotto-Mission.

Am 2. Juli 1985 hob der Kometenspäher pünktlich vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou auf einer Ariane-1-Rakete ab und zog nach acht Monaten Flugdauer planmäßig am 14. März mit elf Instrumenten an Bord am Halleyschen Kometen vorbei. Kurz vor der größten Annäherung in knapp 600 Kilometer Distanz zum Kometenkern wurde die fast 70 Kilometer pro Sekunde schnelle Sonde von einem Staubteilchen des Kometen schwer getroffen. Die Kamera fiel aus und auch einige andere Instrumente wurden leicht bis schwer beschädigt. Die ins Trudeln geratene Raumsonde stabilisierte sich jedoch binnen einer halben Stunde, sodass zumindest wieder Funkkontakt mit der Sonde möglich war. Ein Videoclip lässt einen das Geschehen nacherleben. Etliche werden sich auch an „Die Nacht des Kometen“ vom 13. auf den 14. März 1986 erinnern, vor allem an jene Potpourrisendung im Zweiten Deutschen Fernsehen, in der auch live aus dem European Space Operations Center der ESA in Darmstadt berichtet wurde. Eine schöne, ausführliche Zusammenfassung der gesamten Giotto-Mission findet sich bei Bernd Leitenberger.

Quelle: MPG, MPS
Bahnskizze zum Nahvorbeiflug der Raumsonde Giotto an Halley
Quelle: ESA/MPS
Der Kern des Halleyschen Kometen aufgenommen mit Giottos Halley Multicolor Camera aus rund 2.000 Kilometer Distanz. Die hell herausragende Struktur im dunklen Teil des Kerns wird als eine 500 Meter hohe Erhebung angenommen.

Der ausgefallene „Weltuntergang“ im Jahr 1910

Bei der Nahbegegnung mit der Erde 76 Jahre davor wurde Komet Halley erst gut sieben Monate vor seinem Periheldurchgang am 20. April 1910 aufgefunden. Damals gelang es Max Wolf am Astrophysikalischen Institut Königstuhl-Heidelberg, ihn mit dem 72-cm Waltz’schen Reflektor am 11. September 1909 als ein lichtschwaches Objekt der 16. Größenklasse auf einer Fotoplatte nach einer einstündigen Belichtung auszumachen. Eine zweite Aufnahme in derselben Nacht zeigte eine Bewegung. Damit war klar, dass der neue „Stern“ der gesuchte Komet sein musste. Nach ersten Bahnanalysen kam Wolf zu dem Schluss, dass „um 4 Uhr 24 am 20. Mai 1910 die Erde den Schweif des Kometen durchqueren wird“.

Max Wolfs nüchterne Mitteilung erwies sich schon bald als fatal. Rund dreißig Jahre zuvor hatte nämlich der englische Astronom Sir William Huggins (1824 bis 1910) im Schweif des Großen Kometen von 1881 Kohlenstoffverbindungen, darunter auch das giftige Dicyan, anhand von Spektrallinien im Kometenspektrum gefunden. Spektroskopische Beobachtungen an weiteren Kometen bestätigten, dass Kometenschweife Cyan (CN)2 und Cyanwasserstoff (HCN, „Blausäure“) enthielten.

Der französische Astronom Camille Flammarion, den man bis heute durch die Darstellung eines beeindruckenden Holzstichs in seinem Buch L’atmosphère. Météorologie populaire kennt, warnte deshalb am 8. Februar 1910 im San Francisco Call in der Notiz „Comet May Kill All Earth Life Says Scientist“ davor, dass das giftige Cyangas die Atmosphäre imprägnieren und möglicherweise alles Leben auf dem Planeten auslöschen könne. Dies lief freilich der allgemeinen wissenschaftlichen Überzeugung zuwider, dass Cyan bereits in der oberen Erdatmosphäre zersetzt und keine Gefahr mehr für das Leben am Erdboden darstellen würde. Zudem wäre das Gas extrem verdünnt.

Doch die Katze war aus dem Sack gelassen und trieb weltweit in den Köpfen und Vorstellungen der Menschen ihr Unwesen, in einer Zeit, in der es weder Rundfunk, Fernsehen noch Kino für die Allgemeinheit gab und Gaslaternen in der Dunkelheit Licht spendeten. Was in der Welt geschah, war dem gewöhnlichen Bürger nur durch Zeitungsberichte und Bücher zugänglich.

Die einen schätzten die Schreckensmeldungen sachlich-nüchtern ein, andere hielten sie für unumstößlich wahr und wiederum andere machten sich eine Gaudi daraus, nicht selten verbunden mit einer gewissen Geschäftstüchtigkeit. Tod durch Giftgas und ein drohender Zusammenprall der Erde mit dem Kometen beherrschten die Alltagsgespräche der Menschen. So berichtet Ria W. aus Köln in einem Schreiben: „Die Leute gingen meist nachdenklich und sichtbar bedrückt umher. Tagesgespräch, auch im Tante-Emma-Laden war der Komet. Meine gute Mutter, geboren 1850, verging fast vor Angst. Sie war fest überzeugt: das gibt ein furchtbares Unglück!“ Ein anderer erinnert sich 1981: „Mein Vater zog sein geschätztes Meyers Konservationslexikon (1905) zu Rate. Er stellte demnach fest, dass der Schweif nur aus Gas bestehe und daher nicht viel passieren könne, wenn die Erde tatsächlich durch den Schweif geht.“

Quelle: The Dallas Morning News
Nur 23 Millionen Kilometer vom Kern des Halleyschen Kometen entfernt, das ist etwa das Sechzigfache der Entfernung zum Mond, konnte die Erde am 19. Mai 1910 durch seinen 30 Millionen Kilometern langen Schweif ziehen.

In diesem Sinne versuchte auch der aus Köln stammende Schriftsteller Wilhelm Bölsche die Leute mit seinem Büchlein „Komet und Weltuntergang“ aufzuklären, wobei er schon im Vorwort hintersinnig anmerkte, dass sein Werk auch nach dem Weltuntergang noch mit Nutzen gelesen werden könne. Die persönlichen Erlebnisse und Stimmungen der Menschen zum Erscheinen des Halleyschen Kometen im Jahr 1910 und der geschäftige Tumult, der damit einherging, füllen Bände. Sicher ist jedenfalls, dass im Mai 1910 unzählige Menschen gemeinsam den Kometen beobachteten. Allein zur Berliner Treptow-Sternwarte soll eine fast tausendköpfige Menschenmenge an einem Tag geströmt sein, wie der damalige Leiter der Sternwarte, Friedrich Simon Archenhold (1861 bis 1939, nach ihm ist die Sternwarte heute benannt) in der Zeitschrift „Das Weltall“ berichtet. Und der römisch-katholische Pfarrer Franz S., geboren am 13. Januar 1899, schildert dem Blogautor am 15. Januar 1982 aus dem Odenwald die damalige Stimmung mit feierlichem Unterton: „Die Lehrer hatten uns im Unterricht vorbereitet, nicht was passieren kann, sondern auf was wir achten sollten. Das ganze Dorf und besonders wir größeren Kinder warteten mit Spannung. Irgendwie waren alle Gespräche im 1.000-Einwohner-Dorf dieselben: Halley. Es war Mitte des Monats. Das ganze Dorf blieb nicht im Haus, sondern die größere Jugend war auf den Höhen rings um das Dorf. Frauen, Männer und Kinder auf freien Dorfplätzen, erzählend, teils ängstlich. Eltern trugen die Kleinsten auf den Armen, gut gekleidet. Ich hatte den Sonntagsanzug an.“ Der achtjährige Erwin G. hätte das Ereignis beinahe verschlafen, wenn ihn nicht seine ältere Schwester im besten Schlaf geweckt hätte. „Und so latschte ich verdrießlich mit, bis wir auf dem freien Feld angelangt, hunderte von Menschen sahen, welche mehr oder weniger heftig diskutierten; von da wurde erst mein Interesse wach, und ich bin heute noch meinen Schwestern dankbar, dass sie mir energisch zu einem einmaligen Erlebnis verholfen haben,“ und weiter „… alle sahen gespannt gegen Osten, und tatsächlich erhellte sich der Himmel zusehends, bis schließlich der Kopf des Kometen, einen langen grüngelben Schweif hinter sich ziehend langsam gegen Norden wieder verschwand.“

Quelle: Public Domain
Der Halleysche Komet am 21. April 1910 nach einer halbstündigen Belichtungszeit, aufgenommen mit einem 20-cm Refraktor in Arequipa, Peru.

Edmond Halley und sein Komet

Die von Kometenpanik befallenen Menschen des Jahres 1910 vergaßen regelrecht, dass wir den Kometen und insbesondere dem Halleyschen mathematisch-astronomisch eine Menge an Fortschritt zu verdanken haben. Die mühsam entwickelten Methoden, ihre Kometenbahnen zu bestimmen, führten zu einer intensiven Ausarbeitung der Störungstheorie in einem Mehrkörpersystem, wie es das Sonnensystem ist. Ohne solche „Vorarbeiten“ in den vergangenen Jahrhunderten wären heutige Space- Science-Missionen nicht möglich. Noch bis ins 16. Jahrhundert hinein war die Lehrmeinung des Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) maßgebend, der zufolge Kometen atmosphärische Erscheinungen seien, die mit Ausdünstungen der Erde zusammenhängen, welche in die Höhe aufsteigen und in den oberen Schichten der irdischen Lufthülle, erhitzt durch die Sonne, Feuer fangen. Tycho Brahe (1546 bis 1601) gelang es als erstem den Abstand des Großen Kometen von 1577 zur Erde abzuschätzen: Mindestens viermal weiter als der Mond sollte dessen Entfernung betragen, nicht zuletzt, weil Tycho keine Parallaxe, das heißt  keine scheinbare Änderung der Kometenposition an unterschiedlichen Standorten fand, wie es bei einem nahen Körper in sublunarer Distanz der Fall gewesen wäre.

Die Ansicht des Aristoteles war damit widerlegt; Kometen gehörten fortan zur translunaren Welt. Doch wie konnte man die Bewegung der plötzlich auftauchenden und rasch verschwindenden Schweifsterne verstehen? Johannes Kepler versuchte als erster mithilfe geometrischer Methoden die Bahn des großen Kometen von 1607 zu bestimmen. Der Gedanke, dass Kometen periodisch wiederkehren können, lag ihm fern und so folgerte er, dass „der Cometen Bewegung eine gerade Linie sey und nicht circularisch wie der immerwährenden Planeten“. Erst ab dem Jahr 1665 findet man erste Überlegungen in einem unter Pseudonym verfassten Brief des italienischen Gelehrten Giovanni Alfonso Borelli (1608 bis 1669), dass die Kometen elliptische Bahnen beschreiben könnten. Georg Samuel Dörffel (1643 bis 1688) war dann der erste, der in einer Schrift des Jahres 1681 feststellte, der Komet von 1680 habe sich auf einer Parabelbahn bewegt und sogleich die Frage aufwarf, ob dies nicht auch für andere Kometen zuträfe. Einen Beweis für diese Hypothese blieb er allerdings schuldig.

Quelle: Public Domain
Der große Komet von 1577 läutete nach fast zweitausend Jahren eine Wende im Verständnis der Kometenerscheinungen ein. Holzschnitt. G.J. von Datschitz.

Isaac Newton (1643 bis 1727) sorgte schließlich mit seiner Gravitationstheorie und deren Auswirkungen auf die Bewegung von Himmelskörpern für Klarheit. In seinen „Mathematischen Prinzipien der Naturphilosophie“, kurz „Principia“ genannt, widmet er im fünften Abschnitt des Dritten Buches den Kometen ein langes Kapitel, in dem er unter anderem schreibt: „Die (elliptischen) Kometenbahnen nähern sich so sehr den Parabeln, dass man ohne merklichen Fehler Parabeln an ihrer Stelle anwenden kann“  ̶  und dies auch mathematisch-geometrisch darlegt.

Edmond Halley (1656 bis 1742), der mit Newton befreundet war und an der Herausgabe der „Principia“ großen Anteil hatte, wandte Newtons konstruktiv-geometrisches Verfahren zur Bahnbestimmung auf eine ganze Reihe von Kometen an. Dabei fiel ihm eine große Ähnlichkeit der Bahnelemente der Kometen der Jahre 1531, 1607 und 1682 auf. Scharfsinnig schloss er daraus, dass es sich um ein und denselben Kometen auf einer elliptischen Umlaufbahn um die Sonne handeln müsse. Nachdem er auch noch ältere Sichtungen der Kometen der Jahre 1456, 1380 und 1305 in seine Überlegungen einbezog - die Kometen von 1380 und 1305 sind allerdings nicht mit dem Halleyschen Kometen identisch -, sagte er dessen Wiedererscheinen für die Jahreswende 1758/59 voraus. Halley selber erlebte das Eintreffen seiner Vorhersage allerdings nicht mehr. Der gelehrte Bauer Johann Georg Palitzsch (1723 bis 1788) war es, der den Kometen in der Nacht vom ersten auf den zweiten Weihnachtstag des Jahres 1758 als „neblichten Stern“ zwischen den Sternen Epsilon und Delta im Sternbild Fische auffand.

Damit hatte sich die Newtonsche Gravitationstheorie brillant bestätigt: Kometen auf langgestreckten elliptischen Bahnen kehren in regelmäßigen Abständen zum anziehenden Massezentrum ihrer Bahn - zur Sonne - zurück. Seither spricht die Welt vom Halleyschen Kometen, der heute offiziell die Bezeichnung 1P/Halley trägt und der bekannteste aller Kometen ist.

Die Newtonsche Bahnbestimmungsmethode erwies sich in der praktischen Handhabung allerdings als schwerfällig, und so machten sich schon bald Astronomen und Mathematiker daran, elegantere Lösungsverfahren zu finden. Leonard Euler (1707 bis 1783) war der erste, der ein rein analytisches Rechenverfahren entwickelte. Doch eine wesentliche Verbesserung des Newtonschen Verfahrens gelang erst Johann Heinrich Lambert (1728 bis 1777), der nicht weniger als sieben Abhandlungen über das Kometenbahnproblem verfasste. Hinter diesem Problem verbirgt sich die Tatsache, dass Kometen durch die gravitativen Anziehungskräfte der Planeten auf ihrer Bahn gestört werden. Als Folge ändern sich die Lage und Form der Kometenbahn mal mehr oder weniger und damit auch die Bahnperiode des Kometen. So kann er zum Beispiel von einer parabolischen Bahn auf eine elliptische „gezwungen“ werden oder von einer elliptischen Bahn auf eine hyperbolische gelangen und das Sonnensystem verlassen, wenn ihm im seltenen Fall ein Planet den richtigen Schwung dafür mitgibt. Der Komet wird dann zu einem interstellaren Objekt, zu einem Weltenbummler zwischen den Sternen. Dass so etwas tatsächlich geschieht, darauf weisen die Begegnung mit 1I/ʻOumuamua und Komet 2/ Borisov hin. Die Umlaufdauer des Halleyschen Kometen variiert, hauptsächlich durch den Gravitationseinfluss der Planeten Jupiter, Venus und Erde verursacht, zwischen 74 und 79 Jahren. Einen allerersten Hinweis auf eine solche Bahnänderung durch gravitative Störungen ergaben die Berechnungen des französischen Astronomen Alexis Clairaut (1713 bis 1765), der als Ursache dafür einen störenden unsichtbaren Planeten annahm. Dieser wurde dann schließlich im Jahr 1781 von Wilhelm Herschel zufällig entdeckt und bekam später den Namen Uranus.

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, das intensive mathematische Ringen um das sogenannte Kometenbahnproblem als Teil der himmelsmechanischen Störungsrechnung umfassend darzustellen. Fast alle führenden Mathematiker und Astronomen des 18. und 19. Jahrhundert befassten sich damit, darunter Joseph-Louis Lagrange (1736 bis 1813), Pierre-Simon Laplace (1749 bis 1827), Carl Friedrich Gauß (1777 bis 1855), Johann Franz Encke (1791 bis 1865) sowie der Bremer Arzt und Astronom Heinrich Wilhelm Olbers (1758 bis 1840). Die Zeit war geprägt durch eine mathematische Ausbuchstabierung der Newtonschen Gravitationstheorie, was sowohl auf dem rein theoretischen als auch auf dem beobachtend-praktischen Gebiet geschah. Etliche Preise wurden zur eleganten Lösung des Kometenbahnproblems ausgelobt.

Vor allem Olbers hatte eine „leichteste und bequemste Methode“ der Bahnbestimmung für Kometen entwickelt, die sich fortan für anderthalb Jahrhunderte als Standardverfahren durchsetzte. Heutzutage greift man auf computergestützte numerische Verfahren mit einer extrem hohen Genauigkeit zurück.

Quelle: Gemeinfrei
Die Berechnung der langgestreckten Kometenbahnen spornte seit Newtons Zeiten die hellsten Köpfe der Mathematik an.

Erwähnt werden muss freilich noch, dass der Astronom und Mathematiker Friedrich Wilhelm Bessel (1784 bis 1846) im Jahr 1835 bei seinen ausführlichen Beobachtungen des Halleyschen Kometen erstmals bemerkte, dass „die Ausströmung des Kometen, ihm ungefähr in der Richtung der Sonne das Ansehen einer brennenden Rakete gab.“ Er schloss daraus, dass damit verbundene (nicht-gravitative) Rückstoßkräfte eine merklich störende Kraft auf die elliptische Bewegung des Kometen ausüben und die Bahn verändern können.

Ausblick auf das Jahr 2060/61

Der Halleysche Komet wird also übermorgen, am 9. Dezember, zwei Stunden nach Mitternacht mitteleuropäischer Zeit den sonnenfernsten Punkt seiner Bahn erreichen. Gut 900 Meter bewegt er sich derzeit pro Sekunde auf seiner Bahn weiter im Vergleich zu 55 Kilometer pro Sekunde, der 60fachen Geschwindigkeit, wenn er sich in Sonnennähe aufhält. Die letzten Aufnahmen des Kometen gelangen im März 2003 – 17 Jahre (!) nach seinem Periheldurchgang 1986 – mithilfe des Very Large Telescope VLT der Europäischen Südsternwarte in Chile. Der Komet war bereits 28 Astronomische Einheiten (eine Astronomische Einheit, AE, entspricht dem mittleren Abstand Sonne-Erde, das sind fast exakt 150 Millionen Kilometer) von der Sonne entfernt und hatte nahezu die Höhe der Neptunbahn erreicht. Mit den heutigen Instrumenten der Großteleskope und denen, die künftig in Betrieb gehen, wäre es durchaus möglich, wenn die Kosten der Beobachtungszeit keine Rolle spielten, den Kometen vollständig entlang seiner 76jährigen Umlaufbahn zu verfolgen. Die Astronomen und Mathematiker der vergangenen Jahrhunderte, die sich mit Eifer dem Kometenbahnproblem gewidmet hatten, aus wenigen erdnahen Beobachtungen eine verlässliche Bahn zu ermitteln, wären verzückt!

Wir dürfen also erwarten, dass wir 1P/Halley rund 20 Jahre (!) vor seinem nächsten Periheldurchgang im Juli 2061 auffinden werden. Mit einer längeren Vorbereitungszeit und einer anspruchsvollen Wissenschaft könnte man den Kometen erneut mit Raumsonden anfliegen und studieren. Eine erfolgreiche Landung auf seinem Kern, die Rückführung einer Materialprobe zur Erde, noch bevor die aktive Phase beginnt, wäre eine wissenschaftlich-technische Glanzleistung! Hier sind die Kreativität der Kometenforscherinnen und -forscher und das Budget der Weltraumagenturen gefragt.

Am 28. Juli 2061 wird der Halleysche Komet sein historisch verbürgtes 31. Perihel durchlaufen und seine maximale Helligkeitsphase erreichen. Da die Erde anders als im Jahr 1986 zu diesem Zeitpunkt auf derselben Sonnenseite steht, wird er auffallend hell zu sehen sein, obschon seine Erddistanz sogar neun Millionen Kilometer größer ist als 1986. Die allernächste Annäherung zur Erde geschieht am Tag darauf, am 29. Juli 2061, mit 0,48 Astronomischen Einheiten, was 72 Millionen Kilometern entspricht.

Vor dem Periheldurchgang wird der Komet zunächst am Morgenhimmel zu beobachten sein und am 20. Juni mit seinem Schweif über dem Siebengestirn stehen. Am 14. Juli trifft er auf die abnehmende Mondsichel und Saturn. In den Nächten vom 25. auf den 28. Juli wird er ab 40 Grad nördlicher Breite jede Nacht sogar zweimal zu sehen sein, weil er zu diesem Zeitpunkt 21 Grad nördlich, das heißt oberhalb der Erdbahnebene (Ekliptik) und konkret oberhalb der Sonne steht  ̶  zwischen Nordnordwest bis Nordwest in der Abenddämmerung und zwischen Nordost bis Nordnordost im Morgengrauen in jeweils niedriger Höhe. Er wird dann maximal die Helligkeit der hellsten Sterne erreichen.

Nach dem Periheldurchgang wird Halley nur noch am Abendhimmel auftauchen, deutlich mit einem vertikalen Gasschweif und einem leicht gekrümmten Staubschweif. Von Anfang bis Mitte August findet man ihn dann in der Nähe der Venus, die er am 19./20. August 2061 in einer Distanz von nur 0,054 AE, entsprechend 8,1 Millionen Kilometern passiert. Ende August wechselt der Komet auf die Südseite der Ekliptik und entschwindet allmählich mit zunehmender Distanz dem bloßen Auge.

Bei der darauffolgenden Wiederkehr  ̶  der 32. nach der sicher belegten ersten im Jahr 240 v. Chr.  ̶  soll Komet Halley den Vorausberechnungen zufolge um den 7. Mai 2134 herum die Erde in einer Distanz von nur 14 Millionen Kilometern passieren und dabei eine scheinbare Helligkeit von minus 2. Größenklasse erreichen. Allem irdischen Schicksal und menschengemachten Unbill zum Trotz wird es sich für unsere Nachkommen lohnen, diesem „himmlischen“ Ereignis erwartungsvoll entgegenzustreben, sei es von der Erde oder vom Mond aus.

Quelle: Public Domain
„Die Anbetung der Magier“ des Malers Giotto di Bondone (1266 bis 1337) zeigt eine naturalistische Darstellung des Halleyschen Kometen im Jahr 1301. (Dass der Stern von Bethlehem kein Komet war, wurde vom Autor an anderer Stelle beschrieben.) Mit überwältigender Akzeptanz wurde 1980 „Giotto“ als zauberisch klingender Name für die allererste Kometensonde der ESA gewählt.

 

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Über den Autor

Manfred Gaida ist seit seiner frühsten Jugend vom Weltall fasziniert und wurde schon als Schüler Mitglied der Kölner Sternfreunde. Von 1973 bis 1982 studierte er an den Universitäten Bonn und Köln Astronomie und Physik und war 33 Jahre lang als promovierter Astronom wissenschaftlicher Mitarbeiter im DLR-Raumfahrtmanagement. Zwischendurch widmete er sich auch einige Jahre intensiv dem Wissenschaftsjournalismus und war nebenbei als Fachübersetzer für bekannte populärwissenschaftlich orientierte Verlage tätig. zur Autorenseite