Raumfahrt | 21. November 2018 | von Andrea Haag

Antarktisexpedition GANOVEX 13: Ein traumhafter Abschied und eine ohrenbetäubende Rückreise - Teil 8

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Insel in der Nähe des Campbell-Gletschers.

17. November 2018: Frühstück und Wetterbericht am Morgen waren das A und O für den Beginn des Tages. Hamish, unser Pilot, zeigte aber nach der Durchsage dann doch sehr deutlich, dass heute nichts mehr zu machen sei. Zumindest in die Gebiete, die wir ihm noch als Vorschläge angeboten hatten, konnten wir nicht fliegen. Ansonsten war es bei uns im Umfeld der Gondwana-Station sehr sonnig und nur wenige Wolkenfelder zogen vorüber. Chris teilte uns mit, dass er wohl so gegen 10:00 Uhr von der Mario Zucchelli-Station Bescheid bekommen würde, ob heute noch der lang ersehnte Flieger aus Christchurch ankommen würde oder nicht. Wir hofften es insgeheim.##markend##

Ernst hatte zwischenzeitlich schon seine Rückflüge bis nach Deutschland um einen Tag verschoben. Ich brauchte das noch nicht in die Wege zu leiten, da ich, wie es bei derartigen Expeditionen üblich ist, immer circa fünf zusätzliche Tage einkalkulieren musste, die bei derartigen Verschiebungen von Transferaktionen aus der Antarktis entweder durch das Wetter oder fehlende logistische Operationen zustande kommen können. Ernst hatte seine Buchung so eng kalkuliert, da er wenige Tage später von Berlin aus wieder in die USA aufbrechen musste, um bei der Evaluierung und Entscheidung für den Landeplatz von Mars2020 mit dabei zu sein.

Als dann die E-Mails rausgeschickt waren, platzte plötzlich die Nachricht von Chris rein, dass heute Nachmittag noch der Flieger mit den "Neuankömmlingen", unsere später im Einsatz befindlichen Kollegen vom BGR und der Uni Bremen, eintreffen würden, und wir uns für den danach erfolgenden Abflug nach Christchurch bereit halten sollten. Also packten wir noch die allerletzten Habseligkeiten und luden das Hauptgepäck auf Schlitten, sodass Chris und Raquelle mit den Schneemobilen, den sogenannten Ski-Doos, die Taschen über das See-Eis zur italienischen Station hinüberfahren konnten. Dorthin wurde auch das Gepäck von vielen anderen nun abflugbereiten italienischen, koreanischen und chinesischen Polarkollegen gebracht und gesammelt sowie auf eine große Palette gestellt, sodass dies danach per Gabelstapler in die Maschine verfrachtet werden konnte. Als Chris und Raquelle von ihrem Ausflug wieder eingetroffen waren, war auch schon Mittagessenszeit. Irgendwie waren uns jetzt die letzten Stunden surreal verkürzt vorgekommen und der Aufbruchstress fraß unsere letzten Stunden, Minuten und Sekunden. Teilweise musste man sich kneifen, um nicht auch noch dem Gedanken zu verfallen, es sei doch nur alles ein Traum gewesen.

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Alles gepackt für den Transport zur Mario Zucchelli-Station.

Traumhaft ging es nach dem Mittagessen weiter. Bevor wir mit den Ski-Doos und einem vierrädrigen Polarmobil zur italienischen Station gefahren wurden, machten wir erst einmal einen Ausflug über das See-Eis an den Rand des Campbell-Gletschers - quasi als Anerkennung seitens Chris gegenüber unserer sehr gut kooperierenden Arbeitsweise in der Gesamtgruppe an der Gondwana-Station. Dort sahen wir die circa 10 bis 15 Meter hohen Eiswände und aufgebrochenes See-Eis. Es umgab eine etwas entfernter liegende Insel und wirkte wie kubistisch eingefrorene Wellen und Gischt erschien. Mir war nicht bekannt, dass es hier noch eine Insel gab, die im Prinzip nur aus reinem Fels bestand und wo unweit davon auch viele Robben mit ihrem Nachwuchs lagen. Um diese nicht zu stören, bewegten wir uns in sehr großem Abstand zu ihnen und bewunderten die bizarre Eiswelt.

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Ernst und Hamish am Gletscher.
Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Ausflug zum Campbell-Gletscher.
Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Robben am Rand des Campbell-Gletschers.

Der Ausflug erschien uns ebenfalls wieder wie ein Traum. Denn kurze Zeit später saßen wir wieder in der Station bei von Raquelle selbst gebackenen Brownies mit Ananasscheiben und Kaffee um den Esstisch herum. Dann hieß es Abschied nehmen von unserem sehr guten und auch quasi zum Freund gewordenen Piloten Hamish. Alle anderen kamen mit und fuhren die Fahrzeuge, die uns zur Station bringen sollten.

Die Fahrt ging rasant über das immer mehr Risse und Spalten aufzeigende See-Eis. Das See-Eis taute auch dieses Jahr ungewöhnlich früh auf, und der Ozean dehnte sich in der Ferne immer mehr zur Küste hin aus. Es ist nur verständlich, warum nun nur noch wenige Flüge über die Landebahn, die in das See-Eis gefräst wurde, stattfinden würden. Bevor wir aber zur Station gefahren wurden, war auch noch einmal ein Abstecher zum Landeplatz auf dem Eis angesagt, wo wir die Neuankömmlinge, wie den Expeditionsleiter Andreas Läufer und seine Kollegen vom BGR sowie auch Universitätsteilnehmer begrüßen würden. Wir waren mit unseren Fahrzeugen noch nicht ganz an der Landestelle angekommen, da flog unsere militärisch grau-grüne Maschine, eine Hercules C 130, in einer großen Schleife über uns hinweg, wobei sie dabei eine leichte Rauchspur hinter sich herzog.

Wenig später, als wir mit allen Fahrzeugen in der Reihe hinter den Tankfahrzeugen, Gepäck-Trucks und anderen Wagen zum Stehen gekommen waren, landete auch schon die Hercules mit großem Getöse. Die neuen Polarforscher traten aus dem Flugzeug und Chris sammelte alle ein. Er führte sie zu uns, sodass wir uns wenigstens vor der Abreise noch einmal begrüßen konnten. Es war ein schöner Moment, und bei Nachfrage von Andreas, wie es denn gelaufen sei, konnte ich ihm sehr freudig mitteilen, dass dieses Mal in der Kürze der Zeit alles optimal nach Wunsch verlaufen sei. Besonders durch die Unterstützung von Chris, dem Stationsleiter, Raquelle, der Bergführerin, und Hamish, dem Piloten, sowie durch die Lage der Station konnte die Feldarbeit optimal durchgeführt werden. Ich glaubte, in den Augen von Andreas etwas Erleichterung und Zufriedenheit herauslesen zu können, aber da lagen wir uns alle wieder zum Abschied in den Armen und wurden vom Landeplatz zur italienischen Station gefahren.

Nach Verabschiedung auch von Chris, Raquelle, Christian und Ross, die unsere Fahrer auf dem Eis waren, begaben wir uns in die Mario Zucchelli-Station, wo es dann zuging, wie im Taubenschlag. Alle Passagiere für den Flieger und die Stationsbewohnern liefen durcheinander, machten ihre letzten Fotos oder verabschiedeten sich. Mitten in diesem Gewusel hörten wir dann die Durchsage, dass die "Germans" - das waren offensichtlich wir - sich bitte beim Pick-up-Fahrzeug einfinden sollten. Jedoch hörten wir dann nicht, wo das stattfinden sollte. Eine italienische Kollegin half uns dann aber, herauszufinden, wo wir ungefähr hin sollten. Bald fuhr auch schon ein Bus vor, der wenige Neuankömmlinge mit ihrem Gepäck auslud und uns mit unserem Handgepäck auflud.

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Die Maschine der Royal Airforce New Zealand auf dem Flugfeld bei der Mario Zucchelli-Station.

Wieder ging alles sehr schnell. Kaum hatten wir uns versehen, waren wir wieder auf dem Flugfeld und mussten dort noch eine Viertelstunde warten, bis wir in das Flugzeug der Royal Airforce New Zealand einsteigen konnten. Beim Einsteigen merkten wir dann, was wir sonst nur von Berichten unserer anderen Kollegen gehört hatten - dass es im Flugzeug sehr laut war. Zudem fanden wir alle in gepäcknetzartigen Sitzbänken an den Außenwänden des Flugzeugs mit unserer dicken Polarkleidung äußerst mühsam Platz. Chinesen, Koreaner, Italiener und wir Deutschen waren also sehr dicht mit Körperkontakt aneinander gekuschelt und verharrten in dieser Sitzstellung mit wenigen Ausnahmen, zum Beispiel um uns die Füße zu vertreten oder zur Toilette zu gehen, während des gesamten Flugs, der über sieben Stunden dauerte. Die Flugzeugtoilette war sowieso ein Kuriosum: Es handelte sich um ein Toilettenbecken beziehungsweise Pissoir, das hinter einem Vorhang versteckt war, der, wenn man mühsam die Polarkleidung ausgezogen hatte, mächtig hin und herschwankte.

Quelle: DLR
Beengte Verhältnisse im Flugzeug der Royal Airforce New Zealand.

Von der Besatzung wurden Ohrplugs verteilt, um die Geräuschkulisse erträglicher zu gestalten und Dinner-Pakete, die im Wesentlichen neben einer Flasche Wasser aus einem Bohneneintopf mit Würstchen als Hauptgang, einem Riegel Schokolade und Kräcker bestand. Die Crew schien sowieso während der Startvorbereitungen sowie während des gesamten Flugs immer äußerst aktiv zu sein. Überall wurden Kabel hin und her gereicht, mit Taschenlampen die Zuleitungen zu den Motoren überprüft etc. Uns wurde es aber nicht ersichtlich, was sie da tatsächlich taten. Später fand die gleiche Prozedur mindestens zehn Mal während des Flugs im Schichtwechsel statt. Die neuseeländische Crew hatte sich in Gruppen aufgeteilt, sodass die eine Gruppe sich auf Pritschen über uns hängend, oder vor dem Gepäck liegend, zur Ruhe begab, während die anderen immer dasselbe Ritual durchführten. Als die Ladeklappe im hinteren Bereich des Flugzeugs dann endlich geschlossen war und wir abhoben, war der Flug zwar nicht akustisch eine Oase der Stille, aber er verlief ruhig mit nur wenigen Wacklern.

Wir versuchten, soweit das bei dem Lärm ging, zu schlafen, zu lesen oder uns anders abzulenken. Einfach war das nicht, da Ernst und ich gerade die Plätze direkt an den Motoren hatten. Auch war der Italiener, der direkt neben mir saß, so unruhig, dass er keine geeignete Sitzposition erreichen konnte und schon schaute, ob er sich nicht die gegenüber befindliche hochgebundene Gepäckbank herunterklappen könnte, um dort liegen zu können. Das unterband aber sofort eine militärisch äußerst streng wirkende neuseeländische Soldatin, sodass er mit dem Ausbreiten seiner Polarkleidung auf dem Boden ein nettes Liegeeckchen kreieren wollte. Das klappte aber wiederum nicht, da dort die Gleitschienen für Lastfracht angebracht waren. So landete er letztendlich nach seinen erfolglosen Aktionen neben mir, wo er wenig später an meiner Schulter angelehnt einschlief.

Ein bequemer Flug geht sicherlich auch anders. Aber das gehört zu den Erlebnissen von Polarexpeditionen nun einmal dazu. Gegen 02:30 Uhr nachts landeten wir dann endlich in Christchurch. Nachdem wir alle glücklich unser Gepäck entgegennehmen konnten und durch die Pass- sowie Gepäckkontrolle durch waren, begaben wir uns mit dem vollen Gepäckwagen zum nahegelegenen Hotel und checkten dort trotz der ständigen Umbuchungen der letzten Tage erfolgreich ein. Ernst und ich verabschiedeten uns für die Nacht und waren beide glücklich nach der langen Zeit der Übernachtungen im Zelt, nach einer reinigenden Dusche direkt wieder in einem Bett zu versinken.

Uns bleibt an dieser Stelle noch, uns sehr herzlich bei der BGR und besonders bei Chris Kasch und Andreas Läufer zu bedanken, die diese Expedition erst möglich gemacht haben und die durch die zur Verfügung stehende Station das Leben rund um unsere Feldarbeit äußerst angenehm gestaltet haben. Wenn wir gerade an den letzten Tag denken, ging es in der Mario-Zucchelli Station zu, wie in einem Taubenschlag, und wir waren froh, wieder aus dem Gewusel wegzukommen. Es bleibt also festzuhalten, dass eine kleine, aber feine Station wie Gondwana da klar im Vorteil ist!

Weitere Bilder gibt es im Flickr-Album zur Expedition.

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Klein aber fein: die Gondwana-Station in der Antarktis - sogar mit Sauna (vorne links im Bild).
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Über den Autor

Jean-Pierre Paul de Vera ist seit 2009 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Planetenforschung tätig. Sein Hauptaufgabengebiet besteht in der Gruppenleitung der Astrobiologischen Labore "Planeten- und Marssimulation" sowie "Raman-Biosignaturen-Forschung“. Zudem gehören zu seinen Arbeitsfeldern auch die Planeten-analogen Feldstudien in Polarregionen und Wüstengebieten sowie die Leitung von ESA-Weltraumexperimenten wie zum Beispiel BIOMEX auf der ISS. zur Autorenseite