Raumfahrt | 07. November 2018 | von Ernst Hauber

Expedition GANOVEX 13: Ankunft in der Antarktis - Teil 2

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
"Eiswüste" Antarktis: Einzelne, bis zu 3000 Meter hohe Bergspitzen ragen aus dem südpolaren Eispanzer hervor.

Donnerstag, 1. November, 16:00 Uhr: Der erste Termin auf unserer Expedition! Bei einem "preflight briefing" sollten alle Passagiere in spe genaue Instruktionen zum kommenden Flug erhalten. Das Wichtigste waren natürlich die Gewichtsgrenzen für das Gepäck, die bei Jean-Pierre für eine gewisse Beunruhigung sorgten: 20 Kilogramm für das Hauptgepäck, 15 Kilogramm für ein weiteres Gepäckstück, das auch in die Kabine mitgenommen werden konnte und die Kleidung für kaltes Wetter enthalten sollte, sowie sieben Kilogramm für herkömmliches Handgepäck. Ohne Extremkleidung kein Boarding, wurde uns unmissverständlich mitgeteilt (aber im Endeffekt dann doch nicht wirklich kontrolliert).

Um 9:00 Uhr am nächsten Morgen sollten wir uns am Sammelpunkt, einem Hotel, treffen, um dann in einem Bus zum Flughafen gebracht zu werden. Der Abflug war für 12:00 Uhr geplant. Als wir dann am 2. November aus unserem Hotel ausgecheckt hatten und in dem anderen Hotel warteten, bekam ich im Computerraum - ich wollte ein letztes Mal meine E-Mails abfragen - unfreiwillig die Unterhaltung unserer Piloten mit der italienischen Mario-Zucchelli-Station in der Antarktis mit, die das Ziel des Flugs war. Der dortige Meteorologe hatte schlechte Nachrichten: Es schneite, die Sicht war schlecht, und unter diesen Bedingungen war an eine Landung auf der Landebahn auf dem Meereis vor der Station nicht zu denken.##markend##

Der Flug war also abgesagt, und wir hatten ein unmittelbares Problem: Wir mussten ein Zimmer finden, obwohl es vorher schon hieß, dass in Hobart am Wochenende (es war Freitag) kaum noch was zu finden sei. Glücklicherweise traf das nicht zu, und wir konnten sogar in dem gleichen Hotel ein Zimmer bekommen, in dem die meisten anderen Passagiere des Flugs auch untergebracht waren und in dem wir uns am nächsten Morgen, also am Samstag, um 5:00 Uhr zum nächsten Versuch treffen sollten. Wenn dieser Flug dann wieder verschoben würde, könnten wir nicht vor Montag loskommen, denn die Sicherheitsbestimmungen sehen vor, dass in der Antarktis eine Ausweichlandebahn zur Verfügung stehen muss. Die einzige andere Eislandebahn in diesem Teil der Antarktis ist aber die der amerikanischen McMurdo-Station, und deren Flugpersonal arbeitet am Sonntag nicht.

Als sich dann am nächsten Tag in aller Frühe die Piloten und die Logistiker wieder in dem Computerraum versammelten (diesmal war ich nicht drin) und scheinbar endlos lange mit der Station kommunizierten und ebenso lange Gesichter machten (so kam es uns jedenfalls vor), fürchtete ich bereits das Schlimmste. Eine Verschiebung des Abflugs auf Montag bedeutete ja schon mindestens drei verlorene Tage - bei einer geplanten Gesamtdauer von zwei Wochen wäre irgendwann der Zeitpunkt erreicht, an dem man sich fragen müsste, ob sich das Ganze überhaupt noch lohnt. Endlich kam der Cheflogistiker aber dann doch aus dem Raum und sagte nur ein einziges Wort: „Andiamo!“.

Große Erleichterung allerseits! Danach ging alles recht schnell. Nach kurzer Zeit erfolgte die Passkontrolle im "Temporary Antarctic Departure Terminal" (einer Wellblechbaracke, auf die ein Schild mit einem Pinguin hinwies). Danach stiegen wir in unser Flugzeug mit dem schönen Namen "Snowbird 1", ein Airbus 319 ER. Das Kürzel ER steht hier für Extreme Range - das Flugzeug war mit zusätzlichen Treibstofftanks versehen und hätte im Notfall sogar hin- und zurückfliegen können, ohne aufzutanken (die einfache Distanz zwischen Hobart und der Mario-Zucchelli-Station beträgt etwa 3600 Kilometer). Innen war eine Hälfte des Flugzeugs ganz "normal" (es gab sogar zwei Flugbegleiterinnen, die für das leibliche Wohl sorgten), die andere enthielt ein Krankenbett, einen großen leeren Bereich über den Flügeln, in dem man sich die Beine vertreten konnte (das wäre doch eine Anregung für herkömmliche Fluglinien...von den Konsequenzen für den Flugpreis mal abgesehen), und viel Platz für Gepäck.

Nach knapp vier Stunden kam das Festland der Antarktis in Sicht: Zunächst eine endlose weiße Ebene ohne jede Konturen - der ostantarktische Eisschild. Mit zunehmender Flugdauer näherten wir uns immer mehr den Transantarktischen Bergen, und die Szenerie wurde mit jeder Minute spektakulärer. Vergeblich versuchten wir die Helliwell Hills zu identifizieren, bei denen wir vor drei Jahren unser Zeltcamp aufgeschlagen hatten. Zuletzt flogen wir entlang des gewaltigen Priestley-Gletschers nach Südosten zur Küste und landeten bei bestem Wetter auf dem Meereis unmittelbar vor der Mario-Zucchelli-Station. Insgesamt dauerte der Flug viereinhalb Stunden. Vor drei Jahren waren wir auf dem Schiff über zwei Wochen unterwegs gewesen!

Neben der Eislandebahn wartete bereits eine beeindruckende Ansammlung von Fahrzeugen, von kleinen Schneemobilen bis hin zu einem ausgewachsenen Feuerwehrwagen. Wieder ging alles sehr schnell: Kaum waren wir draußen auf dem Eis, nahmen wir schon unser Gepäck in Empfang und luden es auf kleine Schlitten, die hinter zwei Schneemobilen angehängt waren. Deren Fahrer waren alte Bekannte: Felix von der BGR und Mike, einer unserer neuseeländischen Fieldguides, die uns im Gelände und in der Station unterstützen. Nach wenigen Kilometern Fahrt waren wir dann auch schon in der Gondwana-Station und trafen zwei weitere Bekannte: Chris, den Logistikchef der Station, und Christian, der die Ausstattung der Station unermüdlich weiter verbessert. Auch die Helikoptercrew trafen wir hier: Die beiden Piloten Lee und Hamish sowie den Mechaniker Ross, und auch Jason, den Besitzer der Firma, die die Hubschrauber betreibt. Und nicht zuletzt lernten wir Raquelle kennen, die sich mit Mike die Betreuung der Wissenschaftler im Gelände teilt. Nachdem uns Chris erklärte, wie das Lager funktioniert, welche technischen Besonderheiten man beachten muss und wie der tägliche Zeitplan aussieht, bauten wir unsere Zelte auf. Jeder hat ein eigenes Scott-Zelt, die in etwa 150 Metern Entfernung vom Stationsgebäude stehen. Wir warfen unsere Schlafsäcke hinein, bliesen die Isoliermatten auf und verstauten das Gepäck. Danach blieb nicht mehr viel Zeit, bis alle gemeinsam um 20:00 Uhr zu Abend aßen. Danach verzogen wir uns in unsere Schlafsäcke. Wir hatten es geschafft - die eigentliche Arbeit konnte jetzt losgehen!

Sonntag, 4. November - der erste Ausflug

Nach einer eisig kalten Nacht (das Thermometer zeigte in der Früh minus 20 Grad Celsius an) krochen wir aus den Zelten und liefen schnellstmöglich zur Station hinüber. Um 8:30 Uhr sollte jeden Tag ein gemeinsames Treffen stattfinden, auf denen die Wetterlage vorgestellt wurde (die die italienischen Meteorologen der Mario-Zucchelli-Station durchgeben) und die jeweiligen Tagespläne aufgestellt werden. Unsere erste Aufgabe war klar: Wir mussten das obligatorische Sicherheitstraining absolvieren, in dem wir unter anderem den Inhalt der Überlebenspakete (survival bags) kennenlernten, die auf jedem Hubschrauberflug mitgeführt werden. Wir bauten also vor der Station die Notzelte auf, setzten Primuskocher in Gang und machten uns mit den Lebensmitteln vertraut, die im Notfall für einige Tage reichen müssen.

Am Nachmittag ging es dann los zu unserem ersten Ausflug. Unser Ziel war zunächst der Mount Browing wenige Kilometer westlich der Station. Nach wenigen Minuten landeten wir unmittelbar neben dem Gipfel auf einem kleinen Plateau. Jean-Pierre wusste von früher, dass er hier gute Bedingungen zum Sammeln der Flechte Pleopsidium chlorophanum vorfinden würde, und tatsächlich sah bald jeder von uns die winzigen Flecken, die trotz ihrer geringen Größe (der Durchmesser beträgt wenige Millimeter) wegen der charakteristischen gelben Farbe gut zu erkennen sind. Jean-Pierre nahm seine Proben, die für das nächste Projekt namens BioSigN im erdnahen Orbit auf der ISS verwendet werden sollen, und ich dokumentierte den geomorphologischen Kontext und nahm die Flechten mit dem Makro auf. Nach etwa einer Stunde in völliger Windstille und mit einer phantastischen Aussicht waren wir fertig. Es war noch genügend Zeit, und so flogen wir etwa 15 Kilometer weiter nach Nordwesten, wo ich auf Luftbildern einen Hang mit Erosionsrinnen identifiziert hatte, die ich mit Intervallbildern überwachen wollte. Wir waren bereits im Anflug mit dem Airbus genau über die Stelle geflogen, und auch aus der Nähe bestätigte sich, dass der nach Norden ausgerichtete Hang gut geeignet war. Hier würden wir später die beiden Wildkameras aufstellen, die sich für ähnliche Zwecke auch schon in Spitzbergen bewährt hatten. Ich war daran interessiert, ob, wann und wieviel Schmelzwasser entsteht, und ob es möglicherweise sogar zum Abgang kleiner Muren (debris flows) kommen würde.

In der Marsforschung ist es nämlich eine nach wie vor intensiv debattierte Frage, ob sich bestimmte Hangrutschungen, deren Morphologie derjenigen von Murgängen ähnelt, auch durch Schmelzwasser bilden. Da diese Formen auf dem Mars sehr jung sind, würde das bedeuten, dass das Klima des Mars sich in allerjüngster Zeit geändert hat, denn flüssiges Wasser ist unter den derzeitigen Atmosphärenbedingungen auf der Marsoberfläche nicht stabil. Gerade in letzter Zeit wurden aber einige Arbeiten publiziert, die die Rutschungen auf dem Mars als "trockene" Fließerscheinungen granularen Materials deuten. Je mehr wir also über die Bildungen von Hangrutschungen in sehr kalten und trockenen Regionen lernen, desto eher sind wir in der Lage, sinnvolle Hypothesen darüber aufzustellen, was auf dem noch kälteren und trockeneren Mars geschehen kann.

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Über den Autor

Ernst Hauber ist Geologe und untersucht die festen Oberflächen der terrestrischen Planeten. Sein Interesse gilt vor allem vulkanischen, tektonischen, und periglazialen Oberflächenformen, wobei er auch intensiv an terrestrischen Analogen arbeitet. Er ist Mitglied in verschiedenen Instrumententeams, die Mars, Merkur, und das Jupitersystem erforschen. Eine seiner Aufgaben ist es, eine sichere Landestelle für den ESA-Rover ExoMars auszuwählen. zur Autorenseite

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